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Medizinprüfer beklagt zuviele Untersuchungen: "Nicht jede Früherkennung sinnvoll"

Medizinprüfer beklagt zuviele Untersuchungen : "Nicht jede Früherkennung sinnvoll"

(RP). Deutschlands oberster Medizin-Prüfer Jürgen Windeler kritisiert im Interview mit unserer Redaktion zu viele Gesundheits-Checks. Der Mensch sei kein Auto, das dauernd zum TÜV muss.

Ist es Rösler gelungen, mit seiner Gesetzgebung tatsächlich das Preismonopol der Pharmaindustrie zu brechen?

Windeler Ja, er hat unzweifelhaft das Preismonopol gebrochen. Durch die neue Gesetzgebung müssen die Preise für neue Medikamente, die die Kassen bezahlen, zwischen Pharmaindustrie und Kassen verhandelt werden. Die Hersteller dürfen diese Preise nur noch im ersten Jahr nach Markteinführung festsetzen. Ob es gelingen wird, wie angekündigt, zwei Milliarden Euro pro Jahr einzusparen, das können wir erst in zwei bis drei Jahren bewerten.

Werden die Medikamente denn nun billiger?

Windeler Sie werden auf jeden Fall für die Krankenkassen günstiger, was sich indirekt auf die Beiträge auswirkt. Es könnte aber passieren, dass dafür die Zuzahlungen für die Patienten zunehmen. Wenn die Erstattungspreise der Krankenkassen sinken, die Pharmafirmen bestimmte Arzneien aber nicht zu den niedrigeren Preisen abgeben, muss der Patient zuzahlen. Ich erwarte aber nicht, dass es in größerem Umfang dazu kommt. Das werden die Patienten nicht mitmachen.

Wie viel Prozent der Medikamente die neu auf den Markt kommen, bringen echten Zusatznutzen?

Windeler Die Quote liegt bei etwa 15 bis 30 Prozent.

Das heißt, 85 Prozent unserer Medikamente braucht kein Mensch?

Windeler Nein, der Umkehrschluss ist nicht richtig. Es ist zwar so, dass nur ein knappes Drittel der neuen Medikamente tatsächlich besser ist als ältere. Aber andere sind vielleicht ähnlich gut wie die älteren und könnten für diejenigen, die bestimmte Medikamente nicht vertragen, eine Alternative sein.

Gibt es auch Bereiche, in denen nicht genug Medikamente angeboten werden?

Windeler Jeder weiß, dass es für einige Erkrankungen noch keine guten Arzneimittel gibt, etwa für die lästigen Erkältungen. Auch für sehr seltene schwere Erkrankungen lohnt es sich für die Unternehmen oft nicht, Forschungsgelder zu investieren. Vor allem haben wir aber viel zu wenig Studien zu nichtmedikamentösen Verfahren. Dies gilt z.B. für Erkrankungen wie Depressionen oder Demenz, wo den Patienten vielleicht mit anderenTherapienwie etwa Verhaltenstraining oder Psychotherapie besser geholfen werden kann. Wir wissen aber sehr oft nicht, in welchen Fällen nichtmedikamentöse Verfahren die bessere Alternative zu den Arzneien sind.

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Wie lässt sich das Problem beheben?

Windeler Da die Pharmaindustrie aus nachvollziehbaren Gründen nicht in diese Forschung investieren wird, brauchen wir eine alternative Finanzierung. Dafür sind entweder der Staat mit Steuermitteln oder die Krankenkassen gefragt. Es könnte auch eine Mischfinanzierung aus Steuer- und Krankenkassenmitteln sowie aus anderen Quellen, wie etwa der Industrie geben. Ich halte es für dringend notwendig, dass wir in diese Forschung zur Nutzenbewertung nichtmedikamentöser Verfahren investieren.

Wie lange hält die gerade in Kraft getretene Gesundheitsreform?

Windeler Dieses Gesetz zur Arzneimittelbewertung wird eine Weile halten. Und ich denke, die Politik ist auch bereit, nachzubessern, wenn sich zeigen sollte, dass die bisherigen Regelungen nicht ausreichen.

Und die Finanzierung?

Windeler Was die Finanzierung des Systems der Krankenkassen angeht, wird die nächste Reform sicher kommen. Das Kostenproblem kann man nicht auf Dauer durch das Schrauben an den Beiträgen beheben. Das Problem müssen wir vorrangig auf inhaltlicher Ebene lösen. Es sollten im System der gesetzlichen Krankenkassen nur Leistungen angeboten werden, deren Nutzen auch belegt sind. Da gibt es noch Einiges zu reformieren. Wenn man das nicht tut, wird man bald wieder über die Beiträge und die Finanzierung des Systems diskutieren.

Wie sieht es mit Früherkennungsuntersuchungen aus. Machen wir zu viele?

Windeler Wir haben das umfassendste Früherkennungssystem auf der Welt. Früherkennungsuntersuchungen haben in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Ihr Ansehen ist tatsächlich aber viel höher als das, was sie wirklich leisten.

Auf welche Früherkennungsuntersuchungen können wir verzichten?

Windeler Auf alle, deren Nutzen nicht klar ist. Für Krebs sind das jedenfalls alle, die nicht von den Kassen angeboten werden. Auch beim Hautkrebsscreening ist der Nutzen nicht sehr überzeugend belegt. Bei der Untersuchung auf Prostatakrebs ist der Nutzen nicht belegt. Vertretbar sind die Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs,von Gebärmutterhalskrebs und von Darmkrebs.

Was halten Sie vom regelmäßigen Check beim Arzt, den die Krankenkassen ab 35 Jahre finanzieren?

Windeler Ich gehe dann zu einem Arzt, wenn ich ein gesundheitliches Problem habe - und auch nur dann. Ein Check alle zwei Jahre macht mir wenig Sinn. Der Mensch ist eben kein Auto, das dauernd zum TÜV muss. Die Einstellung: Ich fühle mich gesund und frage den Arzt, ob ich es auch bin oder sein darf, scheint mir befremdlich.

Das Interview führten Eva Quadbeck, Michael Bröcker und Birgit Marschall

Hier geht es zur Infostrecke: Das sind die wichtigsten Vorsorgechecks

(RP)