Debatte über Atomausstieg: Netzfirmen warnen vor Blackout im Winter

Debatte über Atomausstieg : Netzfirmen warnen vor Blackout im Winter

Berlin (RPO). In der Debatte um den Atomausstieg wird der Tonfall hitziger. Die Nun schlagen die Stromnetzbetreiber Alarm. Sie warnen die Bundesregierung vor einem Blackout schon im Winter.

Um eine Stromlücke in Süddeutschland zu vermeiden, ziehen sie auch die Abschaltung bei Großkunden in Betracht, wie aus einer Reuters am Sonntag vorliegenden Analyse der vier Netzbetreiber hervorgeht. Zugleich machen sie so Druck auf die Regierung, zumindest einige Alt-Meiler nach dem Moratorium wieder ans Netz gehen zu lassen, besonders im Süden.

In Bayern preschte am Wochenende die CSU vor und legte sich auf einen Atomausstieg bis 2022 fest. Diesen Zeitraum von gut zehn Jahren nannte auch Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Auftritt bei der CSU-Vorstandsklausur im Kloster Andechs richtig, ohne selbst bereits eine Jahreszahl zu nennen. Diese soll aber zur Kabinettsentscheidung am 6. Juni vorliegen: "Die Menschen wollen einen konkreten Endpunkt wissen und deshalb werden auch insgesamt über einen solchen konkreten Endpunkt sprechen", sagte die CDU-Vorsitzende. Am kommenden Wochenende soll die von Merkel eingesetzte Ethik-Kommission ihren Bericht vorlegen. In einem Entwurf hatte sie das Datum 2021 genannt.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erklärte, man trage den Atomausstieg mit. Allerdings müssten dann die Klimaziele angepasst werden, sagte BDI-Chef Hans-Peter Keitel dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe). In den kommenden Jahren werde dann mehr Kohle- und Gaskraft gebraucht, die viel Treibhausgase produziere.

Die CSU hat sich mit der vor allem in der Berliner Landesgruppe umstrittenen Entscheidung an die Spitze der Koalition beim Ausstieg gesetzt. Dem älteren AKW Isar I hatte Parteichef Horst Seehofer bereits das dauerhafte Aus nach dem bis Mitte Juni befristeten Moratorium vorausgesagt. Im von Grün-Rot regierten Baden-Württemberg gilt das endgültige Abschalten von Neckarwestheim I und Philippsburg I als sicher. Mit den beiden hessischen Biblis-Blöcken liegt die Mehrheit der Alt-AKW im Süden.

Die Netzfirmen warnten, wenn nur die im Zuge des Atom-Moratoriums stillgelegten Alt-Meiler weiter vom Netz blieben, fehlten an kalten Wintertagen in Süddeutschland etwa 2000 Megawatt Leistung. "Eine eigenständige Versorgung der Kunden ist dann ernsthaft gefährdet." Ein Import aus Nachbarländern könne keinen verlässlichen Ausgleich mehr schaffen, wenn die Leistung im Umfang von zwei AKW-Blöcken nicht zusätzlich ans Netz komme. Offen blieb, woher diese kommen könnte, da kaum neue Kraftwerke im Süden vor der Betriebsbsaufnahme stehen. Alternativ käme als "ultima ratio eine Lasteinsenkung im gleichen Umfang (Abschaltung von Kunden) in Betracht", heißt es in der Analyse.

Die Analyse der Firmen basiert auf der Abschaltung von 8000 Megawatt Leistung, also etwa der Leistung, der im Moratorium stillgelegten sieben Altmeiler. Die Netzbetreiber gehen damit davon aus, dass selbst beim Betrieb von neun Reaktoren Stromausfälle drohen. Wegen Wartungsarbeiten laufen zur Zeit nur vier Meiler und Umweltminister Norbert Röttgen hat bereits angedeutet, dass die im Zuge des Moratoriums abgeschalteten Altmeiler nicht wieder ans Netz gehen könnten. Die gegenwärtige Lage mit nur vier betriebenen AKW wird als kritisch, aber noch beherrschbar eingestuft, da im Sommer weniger Strom verbraucht, mehr Sonnenstrom erzeugt und zugleich Energie importiert wird.

"Doch die deutschen Übertragungsnetzbetreiber sehen insbesondere mit Blick auf das Winterhalbjahr ihren Handlungsspielraum und die verfügbaren Werkzeuge zur Erhaltung der Systemstabilität weitgehend erschöpft", heißt es in dem Memorandum, der vier Netzfirmen Amprion, Tennet, 50hertz und EnBW-Netze. Im Winter steigt der Stromverbrauch in Deutschland drastisch an. In Süddeutschland ist er zudem wegen der zahlreichen Industriebetriebe besonders hoch. Umgekehrt ist die Windenergie dort kaum ausgebaut.

"Die damit verbundenen Risiken für die Systemsicherheit sind aus aktueller Sicht der Übertragungsnetzbetreiber nicht vertretbar", heißt es weiter. "Als Folge steigt das Risiko für großflächige Versorgungsausfälle." Zudem sehe man die Gefahr eines Spannungskollapses.

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(RTR/pst)