Schaben, Motten und Mäusekot: Müller-Brot und die Ekel-Fabrik

Schaben, Motten und Mäusekot : Müller-Brot und die Ekel-Fabrik

Es liest sich wie ein Sündenregister: 21 Mal kontrollierten die Lebensmittelbehörden seit Juli 2009 die Hallen bei Müller-Brot im bayerischen Neufahrn - stets unangemeldet. Was sie zu sehen bekamen, war zum Übelwerden: Schaben, Motten und Mäusekot, wo man hinsah.

Seit Herbst 2010 musste die Bäckerei sechsmal ungenießbare Ware vernichten. In drei Fällen waren die Brötchen und Brote bereits ausgeliefert. So listet das Landratsamt Freising die Mängel des seit eineinhalb Wochen geschlossenen Unternehmens nun endlich akribisch auf. Die Behörden bis hinauf in die Ministerien wussten, wie dreckig es in der Brotfabrik zuging. Doch zu einer Schließung rangen sie sich erst nach Jahren durch. Seit 30. Januar sind die Backöfen kalt.

Ermittlungen seit 2011

Die Verbraucher erfuhren erst danach von den Zuständen in der Großbäckerei. Selbst bei bereits ausgelieferter Ware, die zurückgenommen werden musste, sah sich das Landratsamt nicht zu einer öffentlichen Rückrufaktion veranlasst. "Die rechtlichen Voraussetzungen hierfür waren nicht gegeben", heißt es zur Begründung. Die Rücknahme geschah heimlich. Seit Oktober 2009 wurden Buß- und Zwangsgelder in Höhe von fast 70.000 Euro verhängt. Die Staatsanwaltschaft Landshut ermittelt seit Mai 2011 gegen Müller-Brot. Doch richtig kritisch wurde die Lage für das Unternehmen erst Ende 2011.

Das Katz-und Maus-Spiel zwischen Unternehmensleitung und Gesundheitsbehörden begann am 9. Juli 2009. An dem Tag wurde der Betrieb erstmals genauer unter die Lupe genommen. Schon damals war die Task-Force des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) dabei, in der Branche so etwas wie die GSG 9 der Polizei. Dabei waren auch Kontrolleure der Regierung von Oberbayern.

Ende 2011 verschlechterte sich die Situation in der Fabrik mit einer Fläche von zusammen über sieben Fußballfeldern gravierend. Am 7. Dezember musste die Firmenleitung bei der Regierung von Oberbayern zum Rapport antreten. Nach einer weiteren Kontrolle zwei Wochen später drohte die selbe Behörde erstmals die komplette Schließung des Betriebs an, am 30. Dezember noch einmal. Doch die Verantwortlichen bei Müller-Brot ließen die Öfen weiter Semmeln und Brot backen.

Schließung im Januar 2012

Am 30. Januar wurde bei einer erneuten Kontrolle "eine weitere deutliche Verschlechterung der Betriebs- und Produktionshygiene vorgefunden", so das Landratsamt. "In nahezu allen Produktionsbereichen waren Schädlinge und Mäusekot feststellbar." Einer amtlichen Anordnung zur Stilllegung des Betriebes kam die Geschäftsführung zuvor, indem sie endlich selbst die Bänder stoppte.

Als in den Läden die Regale leerblieben, tischte sie die Version von einem Schwelbrand auf. Doch kein Feuerwehrmann weit und breit wusste von einem Feuer in der Fabrik. Nach zwei Tagen gezielter Desinformation durch Müller-Brot und ersten Medienberichten platzte Freisings Landrat Michael Schwaiger (Freie Wähler) der Kragen. Er teilte die Schließung der Produktionshallen wegen gravierender hygienischer Mängel mit.

Für Evi Müller, Tochter von Firmengründer Hans Müller, brach eine Welt zusammen. "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas mit dem Lebenswerk meines Vaters passiert", sagte sie dem "Münchner Merkur". Der 81-Jährige hatte das Unternehmen aus kleinsten Anfängen in die Höhe gebracht. 2003 übernahm der Multimillionär Klaus Ostendorf - wie Müller passionierter Pferdezüchter - die Zügel bei Müller-Brot; der Name Müller blieb im Firmenlogo.

Inzwischen brechen Ostendorf und seinem Mitgesellschafter Michael Phillips die Kunden weg. Der Discounter Lidl hat seine Aufträge bereits storniert, andere überlegen es. Und es kommt noch schlimmer: Weil bei etlichen Müller-Brot-Filialen der Umsatz weg bricht, haben sich nach einem Bericht des "Münchner Merkur" bis zu 50 Pächter zusammengeschlossen und ihre Zahlungen an das Unternehmen eingestellt. Eine Reaktion der Geschäftsführung stand zunächst aus.

Firmenleitung auf Tauchstation

Überhaupt ist die Firmenleitung auf Tauchstation gegangen. Anfragen nach Auskunft der aktuellen Lage werden - wenn überhaupt - nur schriftlich beantwortet. Die Mitteilungen auf der Internetseite von Müller-Brot klingen indessen beschwichtigend, wenn es etwa heißt: "Die Sicherstellung von Spitzenqualität für unsere Kunden steht bei Müller-Brot an erster Stelle." Keine Rede von Mäusedreck oder Schaben, lediglich von hygienischen Mängeln.

An diesem Freitag wollen sich Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft an einen Tisch setzen. Schon geht bei der Belegschaft die Angst um, die behördlich erzwungene Zäsur zum Generalsaubermachen könnte von der Firmenleitung für einen Personalabbau genutzt werden. Am Samstagabend findet eine Betriebsversammlung statt. Gut möglich, dass es dann trotz kalter Backöfen heiß hergeht bei Müller-Brot.

(dpa)
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