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Studie entlarvt Melkkuh-Mythos: Mittelschicht erhält mehr Geld als sie gibt

Studie entlarvt Melkkuh-Mythos : Mittelschicht erhält mehr Geld als sie gibt

Düsseldorf (RP). Die Mittelschicht wird abkassiert, heißt es oft. Sie müsse immer zahlen, während sich Spitzenverdiener den Belastungen entziehen und die unteren Einkommen vom Staat gefördert werden. Doch die Realität sieht anders aus. Das zeigen nun Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Noch Mitte Juni alarmierte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Politik, Bürger und Medien. Kernaussage: Hohe Einkommen werden geschont, niedrige belastet. Leidtragender sei vor allem die Mittelschicht. "Mittelschicht zahlt Umverteilung", hieß es beim Institut der Deutschen Wirtschaft im Febraur. Hohe Einkommen werden geschont, niedrige belastet, kritisierten die Ökonomen.

Doch Zahlen des Statistischen Bundesamtes wecken zweifel an der Allgemeingültigkeit dieser Aussagen. Denn sie berücksichtigen auch die andere Seite der Medaille: Ihnen zufolge erhalten die mittleren Einkommensgruppen zum Teil deutlich mehr Transferleistungen vom Staat als sie an Steuern und Abgaben zahlen.

Zur Mittelschicht gehören laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung 60 Prozent der Deutschen. Maßstab ist das durchschnittliche Einkommen: Zur Mittelschicht darf sich zählen, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleres Nettoeinkommens verdient. Das sind derzeit 1700 bis 3600 Euro pro Monat.

Im Schnitt zahlen solche Haushalte 500 bis 800 Euro pro Monat an den Staat. Doch gleichzeitig profitieren sie von einer ganzen Palette staatlicher Transfers. Größenordnung nach den Berechnungen der Statistiker: rund 900 Euro. Dazu zählen Renten und Pensionen, Arbeitslosen-, Kinder- und Wohngeld.

Wer Bilanz zieht, stellt fest: Damit profitiert die Mittelschicht mehr von staatlichen Leistungen als die Unterschicht - und auch mehr als die untere Oberschicht. Das lässt sich mit Hilfe zweier Beispiele illustrieren.

Etwa dem Elterngeld: Es richtet sich nach dem Verdienst der Bezieher. Der Staat zahlt zwei Drittel des bereinigten Nettoeinkommens. Folge: Je höher die Bezüge von Müttern und Vätern, desto höher sind deren Bezüge an staatlicher Unterstützung durch das Elterngeld. Die höheren Einkommen stoßen jedoch schnell an die Maximalgrenze von 1800 Euro. Mehr Elterngeld zahlt der Staat nicht.

Noch deutlicher aber fallen die Zahlen bei der Rente aus: Niemand bezieht mehr als die Mittelschicht. Während die Oberschicht überwiegend vom Ersparten beziehungsweise den Kapitalerträgen lebt, bekommen die Haushalte der mittleren Einkommen Zahlungen aus der Rentenversicherung.

Es sind nicht nur die nackten staatlichen Geldzahlungen, von der die Mittelschicht profitiert. Sie nutzt auch besonders stark öffentliche, mit Steuermitteln finanzierte Einrichtungen. So nehmen Kinder der Mittel- und Oberschicht häufiger Musik- und Gesangsunterricht oder Sport-, Tanz- und Ballettkurse als Kinder der Unterschicht. Außerdem besuchen sie häufiger das Gymnasium, das pro Schüler mehr kostet als die Hauptschule, deren Schüler zur Hälfte der Unterschicht angehören. Nur Jugendzentren werden stark von ärmeren Kindern besucht.

Warum gilt die Mittelschicht dennoch als Melkkuh? "Das ist eine subjektive Wahrnehmung", meint Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft. Die Mittelschicht sei häufiger mit Veränderungen wie einem Jobwechsel konfrontiert. Das führe dazu, dass sie sich in ihrem Besitzstand bedroht fühle. "Dann werden Belastungen durch den Staat stärker wahrgenommen als Entlastungen." Zudem versprächen Politiker gerne eine Entlastung der Mittelschicht. Es sei aber wissenschaftlich nicht belegt, dass diese nötig sei.

Hier geht es zur Infostrecke: So profitiert die Mittelschicht vom Staat

(RP)