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Wenn Menschen einen radikalen Schnitt machen: Mit 50 Jahren in ein neues Leben

Wenn Menschen einen radikalen Schnitt machen : Mit 50 Jahren in ein neues Leben

Viele Menschen definieren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ihr Leben noch einmal neu. Psychologen halten es für ganz natürlich, in diesem Alter Bilanz zu ziehen.

Eigentlich läuft alles nach Plan: Die Karriere ist auf dem Höhepunkt, das Konto hat ein verlässliches Polster, die Kinder sind alt genug, um auch mal alleine klarzukommen. Und bis auf ein paar Falten, die sich in die Stirn eingegraben haben, macht der Körper auch noch mit. Kein Grund also, ausgerechnet jetzt etwas zu ändern.

Trotzdem krempeln viele Menschen — vor allem Männer — gerade im Alter um die 50 Jahre noch einmal vollständig ihr Leben um. Jüngstes Beispiel ist Telekom-Chef René Obermann (49). Er wolle irgendwann etwas anderes machen, als jeden Tag zwölf Stunden einen Weltkonzern zu leiten, erzählte Obermann vor kurzem. Diese Möglichkeit hat er sich jetzt mit seinem angekündigten Rückzug aus der Chefetage selbst geschaffen.

Zeit für Veränderung

Die Düsseldorfer Psychologin Susanne Altweger kennt dieses Phänomen: "Im Alter von 49, 50 Jahren erreicht jeder Mensch einen Punkt der Lebensveränderung." Dies hänge mit den biografischen Lebensphasen zusammen, erklärt die Expertin: "Der Mensch ist zyklisch angelegt. Etwa alle sieben Jahre durchlebt er eine Phase größerer Veränderungen." In dem Lebensabschnitt um die 50 wandele sich das eigene Bewusstsein: Man ziehe Bilanz und stelle sich selbst und seine Umwelt infrage.

In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt derzeit etwa 14,7 Millionen 45- bis 55-Jährige. In diesem Alter erbringt das Gehirn Höchstleistungen. Es lernt Neues zwar weniger schnell als früher, aber das bereits angesammelte Wissen und jede Menge Lebenserfahrung erleichtern einem Entscheidungen. "Viele Menschen denken zu diesem Zeitpunkt das erste Mal ernsthaft darüber nach, wie hoch der Preis für das Leben ist, das sie führen — und was es sonst noch gibt", sagt Psychologin Altweger.

Auch Roland Koch machte einfach einen Strich

Diese Frage hat sich offenbar auch Roland Koch (54) gestellt. Bis 2010 war er Landesvorsitzender der hessischen CDU. Als er der Politik den Rücken kehrte, war er 52 Jahre alt. Seit Juli 2011 ist Koch nun Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger Berger — und er macht den Eindruck, als würde ihm der Job (Erläutern von Quartalszahlen, Vorstellen der neuen Unternehmensausrichtung oder des neuen Logos) reichlich Freude bereiten.

"Solch ein Schritt braucht Mut", sagt Psychologin Altweger. Zudem müsse man die Möglichkeit zur Veränderung haben und souverän genug sein, mit den Konsequenzen umgehen zu können. Mit 50 sei jedoch "genau der richtige Zeitpunkt" dafür. "Man ist noch jung genug, sich auf etwas Neues einzulassen." Vor allem Berufe in Politik und Wirtschaft seien so aufreibend, dass man aus solch einer Position heraus häufiger über eine Veränderung nachdenke. Den Rücktritt von René Obermann hält die Psychologin für "zeitlich klug und gut durchdacht".

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Meist sind es Männer

Meist sind es Männer, die solch einen Schritt wagen — auch, weil sie noch immer häufiger Führungspositionen innehaben als Frauen. "Männer ergreifen im Laufe ihres Lebens eher spontan eine berufliche Chance", erklärt die Psychologin. "Daher haben sie auch häufiger die Gelegenheit, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere abzutreten oder sich neu zu orientieren."

Ole von Beust (57, CDU) nutzte ebenfalls solch eine Chance. Knapp zehn Jahre war er Bürgermeister von Hamburg. Nach seinem Rücktritt 2010 wechselte er — mit 55 Jahren — als Senior Advisor in eine Unternehmensberatung. Etwa seit dieser Zeit ist er auch mit seinem Partner Lukas Förster liiert.

Ein Schritt, der einen weit bringen kann

Wer solch einen Umbruch meistert, bezeichnet diesen Schritt später häufig als "den wichtigsten seines Lebens", sagt Altweger. In dieser Zeit gewinne man an Stärke und Gelassenheit. "Wenn die Wendung gelingt, ist dies die perfekte Weichenstellung für das weitere Leben."

(RP/pst/csi)