Delivery Hero, Lieferando, Wolt und Co. Der Kampf der Lieferdienste geht weiter

Düsseldorf · Essenslieferdienste befinden sich inmitten eines harten Verdrängungs­wettbewerbs. Während der Markt wächst, schreiben die Firmen Verluste. Experten sehen nur einen Weg, um den Markt zu entzerren.

 Lieferando avanciert zum Platzhirsch auf dem Markt der Gastro-Lieferungen.

Lieferando avanciert zum Platzhirsch auf dem Markt der Gastro-Lieferungen.

Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Die Corona-Pandemie hat dem Trend, sich Essen oder Lebensmittel nach Hause bringen zu lassen, mächtig Rückenwind verliehen. Über Monate waren Gastronomen und Kunden auf Lieferungen angewiesen. Und viele haben sich offenbar an den Komfort gewöhnt. Rund 20 Millionen Menschen bestellen in Deutschland laut der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMA jeden Monat ein- oder mehrmals Essen bei einem Lieferservice.

Ein lukrativer Markt also, sollte man meinen. Doch so einfach ist es nicht. Die Lieferando-Mutter Just Eat Takeaway machte im ersten Halbjahr 2022 3,5 Milliarden Euro Verlust. Delivery Hero rutschte mit 1,47 Milliarden Euro in die Roten Zahlen. Und Gorillas schrieb Anfang des Jahres 50 Millionen Euro Verlust pro Monat. Die Folge: Vor wenigen Wochen wurde öffentlich, dass das türkische Unternehmen Getir Gorillas übernommen hat. Es sind Schlagzeilen eines Verdrängungswettbewerbs, der viele Verlierer kennt.

Otto Strecker ist Vorstand der auf die Lebensmittelwirtschaft spezialisierten AFC Consulting Group. Er blickt mit Skepsis auf Lebensmittel-Lieferdienste wie Flink, Gorillas oder Getir. „Dieses Geschäftsmodell funktioniert schon seit mehr als 20 Jahren nicht. Die Herausforderung besteht darin, dass diese Unternehmen ähnliche Infrastruktur aufbauen müssen wie konventionelle Supermärkte. Die gesamte Kühlkette muss aufrechterhalten werden. Es gibt Tiefkühlwaren, Produkte aus dem Kühlregal und ungekühlte Artikel. Zudem braucht es Lager und Fahrer. Und all das wird häufig mit dem Versprechen kombiniert, binnen zehn Minuten zu liefern. So ist immerhin das Kühlproblem gelöst, weil auch die Milch zehn Minuten in der Kühltasche aushält. Aber die Kosten sind bei diesem Angebot immens hoch“, sagt der Honorarprofessor für Agrarökonomie an der Universität Bonn.

Das Geschäftsmodell könne daher kaum tragfähig sein: Der Kunde zahlt etwa bei Gorilla nur 1,80 Euro für die Lieferung, gleichwohl bekommt der Fahrer den Mindestlohn. Und viel mehr als ein bis zwei Fahrten sind pro Stunde kaum möglich. „Die Fahrer fahren häufig zu Einzelkunden und dann zurück zum Lager. Das ist nicht ressourcenschonend. Es wäre eine Idee, dafür zu sorgen, dass die Lieferanten bei den Fahrten noch andere Dienstleistungen erbringen. Aber allzu viele Möglichkeiten gibt es da nicht“, sagt Strecker.

Hinzu kommt, dass es die Lieferdienste auch im Einkauf schwierig hätten, da sie nicht die Mengen wie große Supermärkte beschaffen. „Das lässt die Preise steigen, was wiederum Kunden abschreckt“, sagt Strecker. Er geht daher davon aus, dass es langfristig die großen Ketten wie Edeka und Rewe sein werden, die auch den Markt der Lebensmittel-Lieferdienste beherrschen. Bei den Restaurant-Lieferdiensten sei das anders: Die Unternehmen müssen keine eigenen Küchen betreiben, sondern nur den Transport organisieren. Die Kostenstruktur sei übersichtlicher. „So kann man durchaus Geld verdienen“, sagt der Experte.

Erik Maier, Professor für Marketing und Handel an der Handelshochschule in Leipzig, erkennt im Bereich der Lieferdienste ebenfalls einen aggressiven Wettbewerb. „Das Wachstum verschlingt viele Ressourcen. Es muss ständig Geld für Werbung ausgegeben werden, damit die Kunden nicht bei der Konkurrenz bestellen. So kommt es immer wieder zu Rabattaktionen oder kurzfristig besonders niedrigen Vermittlungsgebühren. Obwohl der Markt wächst und immer mehr Menschen Essen bestellen, wirft dieses Geschäft erst Geld ab, wenn es keinen oder wenig Wettbewerb mehr gibt“, sagt Maier. Zudem sei die Sorge vor neuen Anbietern groß, denn das Geschäftsmodell würde sich leicht kopieren lassen. Um eine Vermittlungsplattform an den Start zu bringen, sind nämlich keine hohen Investitionssummen notwendig.

Auf dem Markt der Gastro-Lieferdienste sind in Europa vor allem Delivery Hero, Lieferando, Wolt und Uber Eats unterwegs. „In den vergangenen Jahren hat bereits viel Konsolidierung auf dem Markt stattgefunden. Und ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend fortschreiben wird“, sagt Maier. Derzeit schaut es so aus, als würde Lieferando zum Platzhirsch avancieren. Die zwei größten Konkurrenten des vergangenen Jahrzehnts sind vom Markt verschwunden: Pizza.de wurde von Lieferando geschluckt, Delivery Hero fokussiert sich auf den osteuropäischen Markt.

„In vielen Städten hat Lieferando ein Quasi-Monopol. In dieser Position ist es auch durchaus möglich, das Geschäft profitabel zu betreiben. Aber das dürfte langfristig nur gelingen, indem die Gebühren und die Kosten für Kunden steigen“, sagt Erik Maier. Schon jetzt sind die Beträge hoch, die der Gastronom abführen muss: Lieferando verlangt bis zu 30 Prozent des Bestellumsatzes. Die Kosten werden freilich an den Kunden weitergegeben. Schließlich kostet Komfort Geld.

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