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Baumarktkette in der Krise: Letzte Chance für Praktiker

Baumarktkette in der Krise : Letzte Chance für Praktiker

Die Baumarktkette steckt in einer tiefen Krise und macht hohe Verluste. Die Mitarbeiter sind zum Verzicht bereit, aber das allein dürfte nicht reichen. Am Mittwoch bei der Hauptversammlung sollen auch die Aktionäre Opfer bringen.

Der Schauspieler Manfred Lehmann ist vielen Deutschen vertrauter, als sie glauben. Wer Lehmanns Gesicht nicht irgendwann in einer deutschen (Krimi-)Serie sah, hat ihn zumindest mal gehört — als deutsche Synchronstimme von Bruce Willis oder Gerard Depardieu. Oder als Werbeträger der Baumarktkette Praktiker, mit deren Slogan "20 Prozent auf alles" er dem Radio- und Fernseh-Publikum die Produkte schmackhaft zu machen versuchte.

Unter anderem mit diesem Werbespruch hat sich Praktiker nach Einschätzung von Experten aber selbst in die Bredouille gebracht. Die Kette, die früher dem Handelskonzern Metro gehörte, wurde über Jahre das Image des Billigheimers nicht los. Und als sie ihre Aktions-Tage stoppte, brachen die Umsätze ein.

Die Finanzkrise verdarb zudem das Geschäft im zuvor wachstumsstarken Osteuropa. Seit drei Jahren schreibt das Unternehmen rote Zahlen, mehrere Chefwechsel haben die Krise nicht beheben können. Jetzt braucht Praktiker eine Kapitalspritze von etwa 60 Millionen Euro, mit der sich die Aktionäre morgen auf der Hauptversammlung einverstanden erklären sollen.

Offenbar nicht alle Großaktionäre überzeugt

Der US-Finanzinvestor Anchorage würde 85 Millionen Euro als Kredit drauflegen — in Form einer Anleihe, die er bei Bedarf gern in ein Aktienpaket von 15 Prozent umtauschen würde. Ob das Konzept funktioniert, bleibt offen. Die Börse hofft jedenfalls. Praktiker-Aktien legten gestern mehr als zehn Prozent zu — freilich nach einem extremen Kursabsturz in den vergangenen Jahren (siehe Grafik).

Es könnte die letzte Chance für die Baumarktkette sein. Doch einige Großaktionäre scheint Konzernchef Kay Hafner noch nicht restlos überzeugt zu haben. Dazu gehören die Investmentfirma Maseltov (Zypern) und die österreichische Semper-Bank, beide beim Aktionärstreffen vertreten durch die Fondsmanagerin Isabella de Krassny. Ohne die Zustimmung der beiden Eigentümer, die zusammen auf rund 15 Prozent der Praktiker-Anteile kommen, scheint ein Ja zu Hafners Sanierungskonzept kaum denkbar.

Die Mitarbeiter hoffen. Für sie hat die Gewerkschaft Verdi die Eckpunkte eines Sanierungstarifvertrages ausgehandelt, der aber nicht für Auszubildende und Mitarbeiter in Altersteilzeit gelten soll. Die Belegschaft ist danach bereit, einen Sparbeitrag von etwa 17,3 Millionen Euro pro Jahr zu leisten. Allein die tariflichen Angestellten würden auf 13,9 Millionen Euro verzichten — unter anderem durch eine Verringerung des Weihnachtsgeldes (12,6 Millionen Euro) und den Ausfall von Prämien.

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24 Filialen will Praktiker nicht mehr betreiben

Vermögenswirksame Leistungen und die betriebliche Altersvorsorge könnten weiterlaufen, wenn es Geld aus einem Sozialplan-Sonderfonds gäbe. Doch sicher ist das noch nicht. Im Gegenzug für die Zugeständnisse erhält die Belegschaft eine Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2014 — jedenfalls für die Beschäftigten, deren Filiale nicht geschlossen wird.

Insgesamt 24 Märkte will Praktiker nicht mehr weiterbetreiben. Der weitaus überwiegende Teil, das ist beschlossen, wird in "Max-Bahr"-Filialen umgewandelt. Max Bahr — das ist die Tochter, die Praktiker vor fünf Jahren kaufte und die das Premium-Segment im Baumarkt-Handel bearbeiten sollte, während Praktiker auf der Discount-Schiene weiterzulaufen gedachte.

Dass aus Praktiker jetzt an vielen weiteren Stellen Max Bahr wird, ist das Eingeständnis, dass die Zwei-Marken-Strategie nicht funktioniert hat. 78 Bahr-Märkte gibt es schon, 125 Praktiker-Filialen sollen zusätzlich umgewidmet werden. Die restlichen rund 100 Häuser sollen als Discount-Anbieter weiterlaufen — allerdings mit kleinerem Sortiment und als Selbstbedienungsladen.

Hier geht es zur Infostrecke: Was alles zur Metro-Gruppe gehört

(RP/das)