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Beitz soll Cromme aus dem Amt gedrängt haben: Lehner - Favorit für Thyssen-Chefaufsicht

Beitz soll Cromme aus dem Amt gedrängt haben : Lehner - Favorit für Thyssen-Chefaufsicht

Ex-Henkel-Chef Ulrich Lehner hat beste Chancen, Gerhard Cromme zu beerben – der musste in 15 Minuten gehen.

Ex-Henkel-Chef Ulrich Lehner hat beste Chancen, Gerhard Cromme zu beerben — der musste in 15 Minuten gehen.

Nachdem Gerhard Cromme am Freitag als Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp zurücktrat, sickern immer neue Informationen dazu durch, wie ihn Patriarch Berthold Beitz aus dem Amt drängte. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass der frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner die besten Chancen hat, neuer Oberaufseher von ThyssenKrupp zu werden. "Sofern Lehner wirklich Aufsichtsratschef werden will", sagt unserer Redaktion ein Unternehmenskenner, "dürfte seine Wahl durchgehen."

Spannend ist dabei, wie entschlossen der 99-jährige Beitz seinen langjährigen Kronprinzen Cromme aus dem Konzern und auch aus der Krupp-Stiftung herauskomplimentierte. Laut "FAZ" holte sich Beitz zuerst von ThyssenKrupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger das Versprechen, das Unternehmen auch weiter zu führen, wenn Cromme gehen muss. Immerhin hatte Cromme Hiesinger vor drei Jahren von Siemens abgeworben, wo er selber Aufsichtsratschef war und aktuell ist.

Trennung im Schnellverfahren

Nur 15 Minuten lang dauerte am Freitag das finale Trennungsgespräch von Beitz und Cromme — kurz darauf wurden die Pressemeldungen zu Crommes Rücktritt als Aufsichtsratschef von Thyssen und als stellvertretender Kuratoriumschef der Krupp-Stiftung versandt. Damit ist klar, dass Cromme nicht mehr Nachfolger von Beitz als Leiter der mächtigen Stiftung sein wird. Und der "Focus" berichtet nun sogar über die Möglichkeit, dass Beitz zweite Tochter Susanne Henle ihm als Stiftungschef folgen könne — nach der Krupp-Dynastie käme also die Beitz-Dynastie.

Die Favoritenrolle von Lehner (66) gegenüber dem anderen gehandelten Kandidaten für den Aufsichtsratsvorsitz, Ex-BDI-Hans-Peter Keitel (65), hat drei Gründe: Erstens hat Lehner als Aufsichtsratschef der Telekom und als Aufseher bzw. Verwaltungsrat bei Eon, Henkel, Porsche, HSBC Trinkaus sowie Novartis mehr Erfahrung mit der Aufsicht wichtiger Unternehmen als fast jeder andere Manager Deutschlands und auch Keitel — bei Thyssen sind beide schon lange Aufseher.

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Lehner hat gezeigt, was er kann

Zweitens hat Lehner bei der Telekom bewiesen, wie man Krisen ähnlich zur jetzigen Verwicklung von Thyssen in immer neue Korruptionsskandale bewältigt: Lehner stellte bei der Telekom wegen der Spitzel- und Datenschutzskandale 2008 extra einen Vorstand für Compliance (sauberes Management) ein — ähnliches scheint ThyssenKrupp nun auch zu planen.

Drittens hat Lehner, der auch Präsident der IHK Düsseldorf ist, in seinen vielen Managerjahren gut gelernt, mit Gewerkschaften und Betriebsräten auszukommen. Erst kürzlich erklärte er mit dem Verdi-Vorstand Lothar Schröder in einem gemeinsamen Interview in der "Wirtschaftswoche", wie sie die Telekom zusammen und zunehmend harmonisch zusammen kontrollieren, Lehner als Oberaufseher, Schröder als Stellvertreter. Das ist eine Haltung, wie sie der bei ThyssenKrupp mächtigen IG Metall gefallen dürfte.

Alternative Kandidaten stehen Gewehr bei Fuß

Trotz dieser Vorteile von Lehner ist nicht ganz sicher, dass er den Posten übernimmt. Beitz scheint Lehner zu drängen, die Position zu übernehmen, weil er ihm vertraut, doch Lehner könnte das wohl nur bewältigen, wenn er andere Positionen abgibt. Falls Lehner ablehnt, stünde immerhin mit Keitel ein geeigneter Alternativkandidat zur Verfügung. Einen kleinen Vorteil hat Keitel dabei: Er lebt wie Beitz im Essener Süden, nicht weit von der Konzernzentrale von ThyssenKrupp. Ulrich Lehner muss aus Düsseldorf 40 Kilometer anreisen.

(RP/pst/csi/das)