Lehman-Bank-Pleite am 15. September 2008: Das 9/11 der Wirtschaft

Zehn Jahre Lehman-Pleite: Das 9/11 der Wirtschaft

Am 15. September 2008 ging die Lehman-Bank pleite, auch als Folge der Terroranschläge von 2001. Es wurde nicht so schlimm wie 1929, weil Staaten und Notenbanken gelernt hatten. Doch eine Wiederholung der Krise ist möglich.

Der Himmel war bewölkt, auf der Zugspitze lag bereits Schnee - eiskalt erwischte es an diesem 15. September 2008 die Weltwirtschaft: Um 7.47 Uhr stellte Lehman Brothers in New York Insolvenzantrag. Die 150 Jahre alte Investmentbank war zahlungsunfähig. Zuvor hatte sich die US-Regierung geweigert, einzuspringen. „Die Welt stand an einem Abgrund“, erinnert sich der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. „Der Absturz hätte nicht nur zu einer Kernschmelze des Weltfinanzsystems geführt, sondern die Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems bedroht.“ Die Chronik des Dramas bietet bis heute Lehrstoff für den Umgang mit Krisen.

Als die Börsen an jenem Montag öffneten, warfen Anleger in Panik ihre Aktien auf den Markt. Feine Lehman-Banker, die über Nacht ihre Jobs verloren und ihre Utensilien in Kisten aus der Zentrale trugen, wurden zum Bild der Krise. Die Börsen brachen so stark ein wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Manche nennen die Lehman-Pleite auch das 9/11 der Weltwirtschaft. Und tatsächlich hatte die Finanzkrise in den Terroranschlägen ihren Ausgangspunkt.

Am 5. Oktober 2008 erklärten Kanzlerin
Am 5. Oktober 2008 erklärten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD): Die Einlagen der Sparer sind sicher. Foto: dpa/Rainer Jensen

Die US-Notenbank Fed hatte versucht, mit einer Politik des billigen Geldes ein Überspringen des politischen Schocks auf die Wirtschaft zu verhindern. Kredite gab es zum Spottpreis - selbst für Hausbauer, die kein Eigenkapital mitbrachten. Banken bündelten die Hypotheken in Pakete und reichten sie neu portioniert an andere Banken, Versicherer und Investoren weiter. Doch als immer mehr Bürger ihre Kredite nicht bedienen konnten, platzte die Blase. Und weil keiner mehr wusste, hinter welchem Kredit welche Sicherheit stand, riss dies Banken weltweit wie Domino-Steine mit.

Die US-Regierung hatte die Baufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac noch gerettet, doch nun wollte der republikanische Finanzminister Hank Paulson ein Exempel statuieren. Nicht länger sollten Steuerzahler für Fehler der Banker zahlen. Steinbrück vermutet in seinen Memoiren, dass auch der Präsidentschafts-Wahlkampf (John McCain gegen Barack Obama) eine Rolle spielte: „Mir erscheint die Vermutung nicht abwegig, dass McCain der noch amtierenden Regierung unter George W. Bush zu verstehen gab, dass es ihm willkommen sei, mit der Pleite von Lehman ein Exempel zu statuieren.“ Die verheerenden Folgen seien aber keinem bewusst gewesen.

In der Tat: Wenige Tage später drohte der AIG, der größten Versicherung der Welt, die Pleite. Axel Weber und Mario Draghi, die Präsidenten von Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB), bedrängten Steinbrück, bei Paulson wenigstens diese Pleite abzuwenden. Diese würde, weil die AIG weltweit stark verflochten war, eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen.

Am Ende gaben die USA 85 Milliarden Dollar, doch schon die Lehman-Pleite reichte, um die Welt zu erschüttern. Die Banken verloren das Vertrauen und liehen einander kein Geld mehr. Weltweit wurden Anleger und Sparer nervös. Banken informierten die Bundesregierung, dass immer mehr Bürger ihre Konten räumten. In Norddeutschland wurden an Automaten große Scheine knapp. Am 5. Oktober traten Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel vor die Presse, um einen Bankensturm zu verhindern: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Ein Versprechen, das durch die Ankündigung wirken musste. Merkel und Steinbrück hätten es nicht erfüllen können, falls alle Deutsche ihr Geld am Bankschalter eingefordert hätten.

An mehrere Banken floss Staatsgeld, und nicht zu knapp. Im Oktober war die Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), ein Dax-Konzern, am Ende und musste mit 124 Milliarden gerettet werden. Dann sprang der Funke auf die Realwirtschaft über. Von einem auf den anderen Tag stoppten Firmen Milliarden-Investitionen. Allein bei Bayers Kunststofftochter brachen die Aufträge um 30 Prozent ein, Kurzarbeit folgte. Auf dem Rhein fuhren immer weniger Schiffe, es gab immer weniger zu transportieren. Weltweit rutschten Länder in die Rezession. In Deutschland brach die Wirtschaftsleistung 2009 um fünf Prozent ein, über eine Million Menschen gingen in Kurzarbeit.

Kann sich das wiederholen? „Viele politische Entwicklungen sind nicht nur Folge von 2008, sie sind auch der Beweis dafür, dass diese Finanzkrise noch lange nicht vorbei ist“, sagt Historiker Adam Tooze, der gerade ein Buch zur Dekade der Finanzkrisen veröffentlicht. Politik und Wirtschaft haben viel getan, um Krisen unwahrscheinlicher zu machen, ausgeschlossen sind sie nicht.

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Risiko-Management Die Förderbank KfW machte sich 2008 zum Gespött, weil sie am Tag der Pleite noch 320 Millionen Euro an Lehman überwies. Kein Manager hatte es für nötig erachtet, über das Wochenende die Lage zu beobachten. „Deutschlands dümmste Bank“, titelte die „Bild“. Einen Teil des Geldes hat die KfW später zurückerhalten, über 100 Millionen aber sind perdu. Heute müssen Banken sich zudem regelmäßig Stresstests unterziehen, bei denen die Aufsicht prüft, wie sie Börsenabstürze oder Staatspleiten treffen.

Rettungsschirme Die Politik musste erkennen, dass es Banken und Versicherer gibt, die zu wichtig sind, als dass der Staat sie sterben lassen kann („too big to fail“). Aus ordnungspolitischer Sicht war es richtig, Lehman pleite gehen zu lassen, schaut man auf die Folgen, war es falsch. Schon die kleine Lehman war wegen ihrer globalen Verflechtung systemrelevant.

In Deutschland richtete man einen Banken-Rettungsschirm ein, die HRE wurde verstaatlicht, die Commerzbank teilweise. Hochmütig erklärte der damalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann: „Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden.“ Heute ist die Bank nur noch ein Fünftel wert. Ackermanns Nachfolger Jürgen Fitschen räumt nun ein, dass es Vorteile gehabt hätte, Staatsgeld anzunehmen. Die US-Banken wurden jedenfalls zwangskapitalisiert, sie verdienen wieder prächtig.

Ben Bernanke, damals Chef der US-Notenbank, räumte später ein, dass die USA Lehman schlicht nicht hätten retten können, weil die Bank keinerlei Sicherheiten mehr hatte. Entsprechend zwangen die Staaten später die Banken, Eigenkapital und Liquidität zu erhöhen, um künftige Krisen besser abpuffern zu können.

Manager-Haftung Immer wieder wurde die fehlende Moral der Banker beklagt. Erst zogen sie die Anleger über den Tisch, dann ihre Eigentümer und den Staat. Das hat auch etwas damit zu tun, dass sie als Angestellte allenfalls den Rauswurf riskieren, aber kein eigenes Geld. Hieran hat sich nichts geändert. Auch musste kein Banker in Haft. Der Prozess gegen HRE-Chef Georg Funke wurde 2017 eingestellt. Womöglich wirkt aber der gesellschaftliche Sturz von Managern wie Stefan Ortseifen nach. Der war Chef der IKB, eine brave Bank aus Düsseldorf, die ihr Geld mit Mittelstands-Finanzierung verdiente. Doch dann hatte auch sie angefangen, mit US-Papieren zu zocken. Dass die IKB zehn Tage vor dem Zusammenbruch im Juli 2007 noch mitgeteilt hatte, die US-Krise habe „praktisch keine Auswirkungen“, war dreist und dumm zugleich. Am Ende musste sie mit zehn Milliarden Euro gerettet werden. Ortseifen wurde zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.


   Rettungspolitik Als vorbildlich gilt bis heute die akute Hilfe. Weltweit stimmten sich im September des Grauens Politik und Notenbanken ab, um die Panik einzudämmen. Die Notenbanken öffneten die Geld-Schleusen, um Banken zu versorgen und wieder Vertrauen herzustellen. Alles andere, das wusste Bernanke aus seiner Doktorarbeit über den Crash von 1929, hätte ins Desaster geführt. Paulson schrieb später, wäre Donald Trump 2008 am Ruder gewesen, hätte es womöglich eine große Depression wie nach 1929 gegeben. Auch die Wissenschaft verändert sich: Abgesehen von einzelnen Mahnern wie Nouriel Roubini hatte kein Ökonom die Krise 2008 vorhergesagt. Heute spielen Finanzmärkte in der Forschung eine ganz andere Rolle.

Geldpolitik Zum Risiko wird erneut die Geldpolitik. Seit Jahren fährt die EZB eine ultralockere Gelpolitik, um die Euro-Zone zusammenzuhalten. Das ist gelungen und günstig für die Politik: Bis heute hat der deutsche Steuerzahler für die Rettung von Griechenland nur ein Bruchteil dessen gezahlt, was für die Banken nötig wurde. Doch auch jetzt gibt es wieder einen Immobilienboom und in manchen Regionen Blasen. In den USA treibt Trump mit seiner Steuer- und Schuldenpolitik die Überhitzung voran. Immerhin hebt die Fed nun die Zinsen wieder an, die EZB hat den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik angekündigt.

Für Historiker Tooze ist klar: „Das Ende der Krise wurde immer wieder ausgerufen, doch sie verfolgt uns weiter – in Griechenland, in der Ukraine, sei es durch den Brexit oder Trump.“