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Axel Heitmann im Interview: Lanxess will zehn Prozent mehr Jobs

Axel Heitmann im Interview : Lanxess will zehn Prozent mehr Jobs

Der Chemiekonzern Lanxess will seine Investitionen erhöhen und in diesem Jahr zehn Prozent mehr Arbeitsplätze schaffen, wie Lanxess-Chef Axel Heitmann im Interview mit unserer Redaktion erklärt.

Lanxess wurde vor sieben Jahren gegründet und als Bayers Resterampe verhöhnt. Heute steht Lanxess in vielen Kennzahlen besser da als Bayer. Was machen Sie besser?

Heitmann: Wir sind 2004 mit vielen Betrieben gestartet, die nicht wettbewerbsfähig waren. Doch nach der Abspaltung von Bayer haben wir die Ärmel aufgekrempelt und Betrieb für Betrieb wieder fit gemacht. Zugleich haben wir uns auf zukunftsfähige Geschäftsfelder konzentriert: Mobilität, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit. Dabei sind wir auch Wagnisse eingegangen, die aufgingen...

Zum Beispiel?

Heitmann: Wir haben auf "grüne Autoreifen" gesetzt, als das für die Autoindustrie noch kein Thema war. Heute ist sie froh, auf High-Tech-Reifen zurückgreifen zu können, in denen unser moderner Kautschuk steckt. Er sorgt beispielsweise dafür, dass der Kraftstoffverbrauch um sieben Prozent sinkt. Ohne solche Reifen könnten Autohersteller die inzwischen von der EU gesetzten Grenzwerte zum CO2-Ausstoß nicht erreichen.

Lanxess macht 40 Prozent seines Umsatzes mit der Auto- und Reifenindustrie. Ist diese Abhängigkeit nicht gefährlich?

Heitmann: Wir sind nicht abhängig vom Automobil-Neugeschäft. Wir profitieren zum großen Teil von Megatrend Mobilität. Was zählt für uns ist wie viele Kilometer gefahren werden und nicht unbedingt wie viele Fahrzeuge verkauft werden. Und das weltweit! Daher sind wir international breit aufgestellt. Wir machen 20 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. 35 Prozent erwirtschaften wir in Schwellenländern wie Indien, Brasilien und China. Wenn die Wirtschaft in Europa lahmt, läuft sie dort und umgekehrt.

Ohne die umstrittene Abwrackprämie hätte Lanxess die tiefe Krise 2008 und 2009 nicht so gut überstanden...

Heitmann: Die Abwrackprämie hat nur eine untergeordnete Rolle für uns gespielt. Weil wir einst als Kind der Krise gestartet sind, wissen wir, wie man mit wirtschaftlich schwierigen Entwicklungen umgeht — und haben auch aus der tiefen Krise schneller als andere herausgefunden.

Kann sich eine solche Krise wiederholen?

Heitmannn: Einen Absturz der Weltwirtschaft wie 2008 nach der Pleite der Lehman-Bank hatte es noch nicht gegeben. Eine solche Krise könnte sich wiederholen, wenn die Euro-Staaten die Schuldenkrise nicht in den Griff bekommen.

Die Landesregierung wünscht sich einen Chemie-Champion, zu dem sich die Konzerne in NRW zusammenschließen. Was halten Sie davon?

Heitmann (lacht): Mit mir hat keiner über eine Fusion gesprochen. Nun aber ernsthaft. Grundsätzlich begrüße ich es aber, dass die Landesregierung der Chemie so viel Aufmerksamkeit widmet. Unsere Branche beschäftigt in NRW rund 100.000 Menschen und ist der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Zusätzliche gibt es tausende von Stellen, die von der Chemieproduktion abhängig sind.

Sie wollten doch schon einmal die Degussa übernehmen.

Heitmann: Das waren Überlegungen vor vielen Jahren. Heute gibt es die Degussa nicht mehr, sondern einen Mischkonzern Evonik, in dem die Degussa aufgegangen ist. Mehr gibt es dazu nichts zu sagen.

Als anderer potenzieller Partner gilt Bayer Material Science, die Kunststoffsparte von Bayer, für die auch arabische Investoren schon mal Interesse signalisiert haben.

Heitmann: Darüber habe ich in der Zeitung gelesen. Persönlich würde es mir immer leid tun, wenn ein deutsches Chemie-Unternehmen in ausländische Hände kommt. Schließlich wurde die Chemie einst in Deutschland begründet. Doch die Frage, ob Lanxess die Kunststoffsparte von Bayer kauft, stellt sich derzeit nicht. Lanxess braucht auch keinen Fusionspartner. Wir wollen uns aus eigener Kraft weiterentwickeln.

Wollen Sie kleinere Unternehmen aufkaufen?

Heitmann: Ein Drittel unsere Investitionen geht in Zukäufe, zwei Drittel in das organische Wachstum, also den Ausbau bestehender Geschäfte oder Aufbau neue Anlagen. So wollen wir es auch in diesem Jahr halten.

Bringen die Investitionen, die Sie 2012 planen, auch zusätzliche Arbeitsplätze?

Heitmann: Im vergangenen Jahr haben wir eine Rekordsumme investiert, davon gingen rund 30 Prozent nach Deutschland. Weltweit erhöhte sich damit die Zahl der Arbeitsplätze bei Lanxess um zehn Prozent auf über 16.000. Und es wäre schön, wenn wir das in diesem Jahr erneut schaffen würden. Ein großer Teil würde davon in Deutschland entstehen.

Die Gewerkschaft in Deutschland wünscht sich einen Beschäftigungssicherungsvertrag wie bei Bayer, wo bis 2015 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind. Warum lehnen Sie den ab?

Heitmann Man kann Jobs nicht vertraglich garantieren. Die beste Arbeitsplatz-Garantie ist es, ein Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten. Und genau das tun wir.. Viele Arbeitsplätze in Deutschland sind möglicherweise gefährdet, falls die Energiepreise weiter steigen.

Wie hoch sind denn Ihre Energiekosten?

Heitmann: Unsere Energiekosten sind bei modernen Produktionsbetrieben höher als die Personalkosten. Und beim Strom, sind die Kosten in den vergangenen fünf Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. Noch können wir den Anstieg der Energiekosten auffangen, indem wir effizienter werden.

Die Gewerkschaft hat in dieser Woche über sechs Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten gefordert. Kann Lanxess das bezahlen?

Heitmann: Eine Forderung ist kein Abschluss, das weiß auch die IG BCE. Ich bin zuversichtlich, dass die Tarifpartner wie in den Jahren zuvor zu einer tragbaren Lohnerhöhung kommen. Im vergangenen Jahr konnten wir sogar 100 Millionen Euro an die Mitarbeiter als Erfolgsbeteiligung ausschütten.

2013 wollen Sie Ihre Konzernzentrale von Leverkusen nach Köln verlegen. Fallen damit Arbeitsplätze weg?

Heitmann: Nein, die Zentrale wächst sogar. Das ist ja auch mit ein Grund, weshalb wir aus Leverkusen weggehen. Wir können effizienter werden, weil wir Verwaltung und Geschäftsleitungen an einen Standort konzentrieren. Wir werden über 1.000 Arbeitsplätze in der neuen Zentrale in Köln ansiedeln, die bisher über mehrere Standorte in Leverkusen und Dormagen verteilt sind.

Sie ziehen in das frühere Lufthansa-Gebäude am Rhein. Ist der Umbau im Plan?

Heitmann: Ja. In der zweiten Jahreshälfte 2013 werden wir in unseren LANXESS Tower an der Deutzer Brücke ziehen.

Warum sind Sie eigentlich nicht nach Düsseldorf gezogen? Hier lockt ein internationaler Flughafen ...

Heitmann Wir haben uns im Vorfeld einige Städte angeschaut, aber am Ende für Köln entschieden. Die Nähe zu unserem weltweit größten Standort in Leverkusen hat mit eine Rolle für die Entscheidung gespielt. Dazu kommt: mit dem ICE ist man vom Bahnhof Deutz in 50 Minuten am größten deutschen Flughafen in Frankfurt.

Im August 2011 machten Sie Schlagzeilen, weil Sie Lanxess-Aktien für fast zehn Millionen Euro verkauft haben. War das rückblickend betrachtet ein Fehler?

Heitmann: Das war eine rein persönlich Entscheidung, die ich nicht leichtfertig getroffen. Der Verkauf hatte nichts zu tun mit dem operativen Geschäft von LANXESS. Im Gegenteil: Erst in der vergangenen Woche habe ich wieder 5.000 Lanxess-Aktien erworben.

Ihr Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2017. Wie geht es danach weiter?

Heitmann: Mein Vertrag ist gerade erst um fünf Jahre verlängert worden und ich freue mich auf die weitere Reise.

(csi)