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Tödliches Feuer in Textilfabrik: Kik will keine Entschädigung mehr zahlen

Tödliches Feuer in Textilfabrik : Kik will keine Entschädigung mehr zahlen

Die Brandkatastrophe in einer pakistanischen Textilfabrik 2012 könnte bald vor Gericht landen. Weil der Textilhändler Kik weitere Zahlungen an die Hinterbliebenen ablehnt, erwägt der Rechtsanwalt der Hinterbliebenen eine Klage.

Fast zwei Jahre nach einem Brand mit 255 Toten in einer pakistanischen Textilfabrik sind Gespräche über eine Entschädigung für Angehörige und Überlebende gescheitert. Der deutsche Textildiscounter Kik sei nicht bereit, über eine langfristige Wiedergutmachung zu verhandeln, sagte der Opferanwalt Faisal Siddiqi gestern. Kik wolle nicht mehr geben als die eine Million US-Dollar an Soforthilfe (rund 740.000 Euro), die an die Betroffenen bereits ausbezahlt worden seien. Das sei bei einem Treffen von Unternehmensvertretern mit der pakistanischen Arbeitsrechtsorganisation Piler bereits am Mittwoch in Berlin klar geworden.

Piler vertritt die Interessen der Opfer, zu denen auch 55 verletzte Überlebende des Brandes gehören. Kik war der Hauptabnehmer der Kleidung aus der Textilfabrik Ali Enterprises in der Hafenstadt Karachi, die am 11. September 2012 in Flammen aufging. Piler und die Menschenrechtsvereinigung ECCHR sehen deshalb bei Kik eine Mitverantwortung für den Brand und seine Folgen. Der Brandschutz in dem Gebäude war unzureichend. Nach einem Kurzschluss breitete sich das Feuer schnell aus, die Notausgänge waren verschlossen.

Das Unternehmen Kik vertrat die Ansicht, durch die Zahlung von einer Million US-Dollar sowohl zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Unterstützung der Hinterbliebenen bereits einen anteiligen Beitrag geleistet zu haben. So sei es im Dezember 2012 in einer Vereinbarung mit Piler festgehalten worden. Künftige Hilfen für die Opfer und Verletzten müssten "von einer breiten Allianz getragen und gemeinsam ermittelt werden", hieß es am Freitag in einer Stellungnahme von Kik.

Bei dem Treffen in Berlin sei nicht klar geworden, "welcher Bedarf durch die bereits von Kik erfolgten Zahlungen gedeckt wurde", bemängelte das Unternehmen. So sei offen geblieben, wie viel Geld zum Beispiel in ärztliche Behandlungskosten und wie viel in langfristige Ausgleichsmaßnahmen wie Rentenansprüche geflossen sei.

Zu einem Treffen aller Beteiligten - darunter die Regierung Pakistans, Arbeitgeber- und Handelsverbände, Zertifizierungsfirmen, andere Großkunden - sei es leider "bisher nicht gekommen". Über diese Haltung empört sich Thomas Seibert von der Hilfsorganisation Medico International, die sich um die ärztliche Versorgung von 50 Brandopfern kümmert. Kik und die anderen beteiligten Unternehmen redeten sich damit heraus, dass sie nur Zwischenhändler oder Abnehmer seien. Dagegen könnten nur schärfere Haftungsregeln helfen: "Wer sich nicht nachweislich um Produktions- und Arbeitsbedingungen kümmert, sollte voll haftbar gemacht werden."

Rechtsanwalt Siddiqi forderte das Unternehmen hingegen auf, über langfristige Entschädigungen zu verhandeln. Dazu habe sich Kik in der Vereinbarung von Dezember 2012 verpflichtet. Wenn Kik dazu nicht bereit sei, könnte eine Klage wegen Vertragsbruchs vor einem deutschen Gericht der nächste Schritt sein.

Eine einfache Antwort auf die Schuldfrage gibt es nicht. Zu den Verantwortlichen gehören die Fabrikbesitzer, die sich um Brandschutz nicht scherten. Die Gesetze verlangten keine Kontrollen in der Fabrik. Die Behörden schauten schon weg, als das Gebäude errichtet und dabei Bauvorschriften missachtet wurden, klagt Rechtsanwalt Faisal Siddiqi.

Das alles sei wahr, sagen auch Vertreter von Menschen- und Arbeitsrechtsorganisationen. Die tiefere Ursache für die Tragödie liege aber im System der Billigproduktion von Kleidung in Asien für europäische Kunden. Dabei müssten die Näherinnen und Näher sechs Tage in der Woche und 14 Stunden am Tag für umgerechnet rund 90 Euro im Monat schuften.

Private Unternehmen wie Rina aus Italien stellten Zertifikate über die Arbeitssicherheit in den Manufakturen aus, für die sie aber nicht haftbar gemacht werden könnten. Auch für die Fabrik Ali Enterprises in Karachi habe der deutsche Textildiscounter Kik von Rina ein Zertifikat erhalten.

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(dpa)