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Toter Praktikant Moritz E. aus Deutschland: Jetzt schaltet sich die EU-Kommission ein

Toter Praktikant Moritz E. aus Deutschland : Jetzt schaltet sich die EU-Kommission ein

Das Schicksal eines 21-jährigen deutschen Mitarbeiters einer Bank löst in England eine Debatte über Arbeitszeiten aus. Die EU-Kommission schaltet sich ein – in Deutschland gilt insbesondere der Job als Berater als extrem arbeitsintensiv.

Das Schicksal eines 21-jährigen deutschen Mitarbeiters einer Bank löst in England eine Debatte über Arbeitszeiten aus. Die EU-Kommission schaltet sich ein — in Deutschland gilt insbesondere der Job als Berater als extrem arbeitsintensiv.

Moritz E. wollte Investmentbanker werden und setzte dafür sein Leben aufs Spiel. 72 Stunden soll er als Praktikant in der Londoner Niederlassung der Bank of America Merrill Lynch durchgearbeitet haben — ein Alltag voller Überstunden. Bis der 21-jährige Wirtschaftsstudent vor einer Woche nicht zur Arbeit erschien und von Mitbewohnern tot unter der Dusche des Studentenwohnheims Claredale House im Osten Londons gefunden wurde.

Noch ist die Todesursache unklar, doch der Fall hat in Großbritannien eine Debatte über die Arbeitsbelastung in der Finanzbranche ausgelöst. "Die Ausbeutung der Jugend ist nicht akzeptabel", kritisiert EU-Sozial- und Arbeitskommissar Laszlo Andor. E. unterwarf sich aber dem Diktat aus freien Stücken, wollte auffallen und träumte von einem lukrativen Job als Investmentbanker.

Als "Masters of the Universe" bezeichneten sich die Spekulanten der Banken gerne selbst vor Ausbruch der Finanzkrise. Auch Moritz E. soll sich durch seinen nimmermüden Einsatz Heldenstatus erworben haben. Er sei ein "Superstar" gewesen, sagte ein Mitpraktikant: "Er hat hart gearbeitet und war sehr konzentriert.

Wir arbeiten normalerweise 15 Stunden am Tag, aber es gab niemanden, der härter arbeitete als er." Die Bank of America bestätigt: "Er war sehr beliebt, äußerst fleißig und hatte eine vielversprechende Zukunft."

Konsequent hatte Moritz E. auf eine große Karriere hingearbeitet. Er hatte Bestnoten in der Schule, hospitierte vor seinem Praktikum bei Merill Lynch bereits bei der Deutschen Bank, Morgan Stanley und der Wirtschaftsberatung KPMG, studierte in den USA und an der renommierten Otto-Beisheim-School of Management in Vallendar, wo man seinen Tod betrauert.

Auf Facebook präsentierte er sich mit gegelten Haaren, Ralph-Lauren-Hemd, Krawatte und Hosenträgern. Wie ein Unternehmenslenker. Als Praktikant soll er in der Investment-Abteilung der Bank of America 3100 Euro pro Monat verdient haben.

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Als Gegenleistung zeigte er Einsatz. 100-Stunden-Wochen seien in der Branche keine Seltenheit, erzählen Ex-Praktikanten.

Experten kritisieren diese Einstellung. Professor Andre Spicer von der Cass Business School in London fordert, Firmen müssten diese Kultur verändern, wenn sie als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden wollen. Ben Lyons, Gründer einer Organisation zur Förderung fairer und bezahlter Praktika, sieht vor allem die Personalabteilungen der Londoner Banken in der Pflicht.

Doch lange Arbeitszeiten sind nicht nur in der Bankenszene üblich. Auch in Deutschland sind 60- bis 70-Stunden-Wochen in Wirtschaftskanzleien oder Unternehmensberatungen keine Ausnahme.

Viele Unternehmen wollen gegen steuern und denken über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben nach. Das Hauptmotiv ist, dass sie fürchten, keine guten Leute und zwar insbesondere Frauen zu kriegen.

So hat eine Anwaltskanzlei bereits angekündigt, auch Teilzeitarbeiter könnten zum Partner befördert werden. Andere Firmen bestehen zwar auf sehr langen Schichten, bieten aber sehr großzügigen Urlaub als Ausgleich an.

(RP)