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Mangel an Fachkräften: Institute fordern verstärkte Zuwanderung

Mangel an Fachkräften : Institute fordern verstärkte Zuwanderung

Berlin (RPO). Führende Wirtschaftsforschungsinstitute fordern wegen des Fachkräftemangels in Deutschland eine verstärkte Zuwanderung von Arbeitnehmern auch aus dem nicht-europäischen Ausland. Sie forderten flexiblere Regelungen und ein Punktesystem für eine gezielte Einwanderungspolitik.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Franz, mahnte am Dienstag flexiblere Regelungen an.

Auch der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph M. Schmidt, warb für die Einführung eines Punktesystems ähnlich wie in Kanada oder Australien. Es könne "dafür sorgen, dass gezielt Fachkräfte mit in Deutschland benötigten Qualifikationen angeworben werden".

Punktesystem für Einwanderung

Franz, der auch Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ist, sagte: "Ein Punktesystem für eine gezielte Einwanderungspolitik nach dem Muster anderer Staaten halte ich prinzipiell für eine sinnvolle Methode, wobei die Einzelheiten abzuklären wären."

Deutschland brauche "in erster Linie ausgebildete Fachkräfte und weniger Leute, die mehr oder weniger unmittelbar nach ihrer Zuwanderung von den hiesigen Systemen der sozialen Sicherung aufgefangen werden müssen".

RWI-Präsident Schmidt rechnet nur mit einem "moderaten Anstieg der Zuwanderung" nach Deutschland durch die ab Mai geltende Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Staaten. Dies werde "nicht ausreichen, um den aufgrund des demografischen Wandels absehbaren Fachkräftemangel aufzufangen". Die bestehenden Regelungen für die Zuwanderung von Arbeitnehmern aus dem nicht-europäischen Ausland seien unzureichend - "vor allem deshalb, weil die Qualifikation der Zuwanderer eine zu geringe Rolle spielt".

Senkung der Einkommensgrenzen

Ähnlich äußerte sich der Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Michael Bräuninger. Ein wichtiger Punkt bei der Lockerung der jetzigen Zuwanderungsregelungen sei eine deutliche Senkung der Einkommensgrenzen. Allerdings sei es zur Vermeidung eines großen Fachkräftemangels auch notwendig, deutsche Arbeitnehmer verstärkt zu qualifizieren und die Erwerbstätigkeit von Frauen zu verbessern.

Bräuninger betonte zugleich, die Beschäftigungssituation von Älteren müsse ebenfalls verbessert werden. Dabei seien "sowohl die Unternehmen in der Pflicht als auch die Arbeitnehmer, sich weiter und besser zu qualifizieren". Bräuninger kritisierte mit Blick auf den umstrittenen Vorstoß von CSU-Chef Horst Seehofer zur Rente mit 67, es sei "in keiner Weise sinnvoll" gewesen, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit infrage zu stellen. Er mahnte: "Wir brauchen die Rente mit 67, sonst haben wir erhebliche Probleme in der Rentenversicherung."

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Anerkennung der Abschlüsse

Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), Michael Hüther, sprach sich ebenfalls für ein Punktesystem bei der Zuwanderung aus. Außerdem müssten die bereits in Deutschland lebenden Ausländer besser integriert werden - etwa durch eine Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse. Kurzfristig könnten so 300.000 hier lebende Migranten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, fügte Hüther hinzu.

SPD befürchtet Lohndumping

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, ermahnte die Bundesregierung: "Fachkräftesicherung ist für mich 2011 eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Themen", sagte er. Gut jedes zweite Unternehmen rechne in den kommenden fünf Jahren mit einem Mangel an Hochqualifizierten.

Neben den Potenzialen von Müttern und Älteren müssten auch die von Migranten besser genutzt werden. Hier werde aber "Zeit verschenkt" und notwendige Entscheidungen immer wieder vertagt. Als kurzfristige Maßnahme forderte er die Politik auf, die für Fachkräfte aus dem Ausland geltende Einkommensgrenze von jährlich 66.000 auf 40.000 Euro abzusenken.

Gegen diesen Vorschlag sprach sich wiederum SPD-Chef Sigmar Gabriel aus. Eine niedrigere Einkommensgrenze "würde nur zu zusätzlichem Lohndumping führen", betonte er. Stattdessen müssten diejenigen, "die an unseren Hochschulen studiert und hier ein vernünftiges Examen abgelegt haben, eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis" bekommen. Bundesregierung und Wirtschaft forderte er mit Hinweis auf Jugendliche ohne Schulabschluss, Mütter und Ältere auf, sich "endlich um die Menschen kümmern, die schon bei uns leben".

Hier geht es zur Infostrecke: 2010: Zahlen zum Fachkräftemangel

(apd)