Iglo und Danone setzen auf Nutriscore - die Nährwertampel findet europaweit Unterstützer.

Fett, Zucker, Salz : Warum große Lebensmittelkonzerne freiwillig auf die Nährwertampel setzen

Seit Jahren gibt es Streit über die Einführung einer Nährwertampel für Lebensmittel. Große Hersteller ergreifen nun die Initiative. Eine fünfstufige Farbskala von grün bis rot zeigt an, wie die Nährstoffe im Produkt verteilt sind.

Namhafte Lebensmittel-Unternehmen wie Iglo, Danone und McCain wollen nicht länger auf eine offizielle Empfehlung aus Berlin warten: Alle drei Hersteller haben Anfang dieses Jahres angekündigt, die Nährwertkennzeichnung Nutriscore auf ihre Verpackungen zu drucken. Inzwischen sind die ersten Produkte auf dem Markt. Eine fünfstufige Farbskala von grün bis rot zeigt darauf an, wie die Nährstoffe im Produkt verteilt sind. Die Initiative ist nicht unumstritten: Der Ernährungsministerin Julia Klöckner geht sie zu schnell. Die CDU-Politikerin will erst die bestehenden Systeme vergleichen, im Sommer die Verbraucher befragen und erst dann gegebenenfalls eine eigene Kennzeichnung an den Start bringen.

Viel Fett und Zucker führen bei Nutriscore zu einer roten Bewertung. Ein hoher Anteil an Obst, Gemüse und Ballaststoffen begünstigt Grün. Das System kommt aus Frankreich, dort ist es bereits Standard.  Auch Spanien und Belgien haben es übernommen. Eine europäische Bürgerinitiative will Nutriscore auf die EU-Ebene bringen. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen unterstützt die Forderung: „Der Nutri-Score nimmt eine Gesamtbewertung des Lebensmittels vor, indem er positive und negative Nährwerteigenschaften des Produkts verrechnet“, heißt es in einer Stellungnahme.

Der Lebensmittelverband (BLL), oberster Interessenvertreter der Lebensmittelindustrie, wehrt sich jedoch vehement gegen die farbliche Kennzeichnung. Diese werde der Komplexität der Lebensmittel nicht gerecht.

Tatsächlich stößt eine schmematische farbliche Kennzeichnung in einigen Fällen an ihre Grenzen. Ein vermeintlich gesundes Produkt wie Olivenöl besteht zu fast 100 Prozent aus Fett – daher bekäme es eine rote Kennzeichnung. Auf der anderen Seite bekäme ein Getränk wie etwa kalorienreduzierte Limonade, das nur aus Wasser, Farbe, Aroma und Süßstoff besteht, eine grüne.

Iglo wendet sich gegen Branchenverband und wir abgemahnt

Der Verband stellt sich mit seiner Ablehnung der Farbkennzeichnung auf die Seite von Unternehmen wie Haribo und Mars – beide BLL-Mitglieder –, deren Produkte wohl kaum über eine orangefarbene Bewertung hinauskämen. Das hat Iglo dazu veranlasst, Anfang Mai mit einer klaren Ansage aus dem Verband auszutreten: „Wesentliche gesellschaftliche Veränderungen werden weder aufgenommen, noch nimmt der BLL als Sprachrohr der Branche eine Gestaltungsposition im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung der Lebensmittelindustrie ein.“

Eine offizielle Kennzeichnung mit der Nutriscore-Skala wäre zwar freiwillig. Hersteller, die die Skala nicht abdruckten, könnten sich dadurch  automatisch verdächtig machen, fürchten Kritiker. Iglo und Danone haben es dagegen relativ leicht, grüne Bewertungen zu erlangen. Der Konflikt hat bereits den „Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft“ auf den Plan gerufen, der seit Jahren Gerichte und Unternehmen mit Abmahnungen und Klagen beschäftigt. Und tatsächlich gab das Landgericht Hamburg der Klage gegen Iglo statt. Die Nährwertskala verstoße gegen die europäische Health-Claims-Verordnung (HCVO). Sie regelt, wann gesundheitsbezogene Aussagen erlaubt sind. Hauptargument der Hamburger Richter: Eine grüne Bewertung komme einer Werbeaussage im Sinne der HCVO gleich.

Lange Bestand haben dürfte die Entscheidung nach Ansicht von Alfred Meyer, Experte für europäisches Lebensmittelrecht in München, aber wohl nicht. „Iglo hat in erster Instanz verloren, das heißt aber nichts“, sagt Meyer. Für die Nährwertkennzeichnung ist Meyer zufolge die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) zuständig. Diese erlaube explizit auch die Verwendung von Symbolen und Farben. Allerdings hält  die LMIV eine offizielle Empfehlung der Regierung für erforderlich, wie sie in den Nachbarländern bereits erfolgt ist.

Ernährungsministerin Klöckner hat als ersten Schritt das Max-Rubner-Institut (MRI) mit einem Vergleich bestehender Nährwertkennzeichnungen beauftragt. Das Institut erstellte einen Kriterienkatalog und verglich zwölf Systeme, darunter auch Nutriscore. Zu den vom MRI aufgestellten Kriterien gehören etwa, ob das Modell eine Bewertung der Inhaltsstoffe vornimmt, verbraucherfreundlich ist und auf wissenschaftlich fundierten Referenzmengen basiert. Nutriscore erfüllt zwar die meisten dieser Kriterien. Doch gerade bei der Frage, ob das System objektiv und nicht diskriminierend sei und den freien Warenverkehr nicht beeinträchtige, heißt es vom MRI: Das ist noch „juristisch zu bewerten“.

Pünktlich zur Verbraucherministerkonferenz in dieser Woche will Ministerin Klöckner den Eigenentwurf des MRI vorstellen. Dieser unterscheidet sich vor allem dadurch von den anderen Modellen, dass es einfarbig daherkommt.

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