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Knapp 6000 Mitarbeiter betroffen: Hochtief-Chef leitet Rückzug aus Europa ein

Knapp 6000 Mitarbeiter betroffen : Hochtief-Chef leitet Rückzug aus Europa ein

Der neue Konzernchef Marcelino Fernandez Verdes will die Hälfte des Europa-Geschäftes verkaufen. Betroffen sind knapp 6000 Mitarbeiter.

Deutschlands größter Baukonzern Hochtief will sich von der Hälfte seines Europa-Geschäfts trennen. Der neue Hochtief-Chef Marcelino Fernandez Verdes kündigte gestern den Verkauf der kompletten Servicesparte in Europa an, in der Hochtief 5679 Mitarbeiter zum Beispiel mit Hausmeister-Tätigkeiten ("Facility Management") beschäftigt. "Unser Europa-Geschäft muss nachhaltig rentabler werden", sagte Fernandez gestern bei der Jahrespressekonferenz des Konzerns, "wir haben in Europa Situationen erlebt, die nicht zufriedenstellend waren." Hochtief erwirtschaftet in Europa mit 15 320 Mitarbeitern rund elf Prozent seiner Umsätze. Die jetzt zum Verkauf gestellten Geschäfte machen mit etwas über fünf Prozent davon die Hälfte aus.

Gerüchte um Zerschlagung

Nach der feindlichen Übernahme durch die hoch verschuldete spanische ACS wurde deren Top-Manager Fernandez im vergangenen November Chef von Hochtief. Bei Hochtief wurden seither zahlreiche Manager, der gesamte Vorstand und mehrere Aufsichtsräte ausgetauscht. In der Belegschaft und in den Medien machten Gerüchte um eine bevorstehende Zerschlagung von Hochtief die Runde.

Zu der kommt es nicht. An den anderen beiden Säulen des Konzerns — dem vor allem im Hochbau starken Nordamerika-Geschäft und dem Asien-Pazifik-Geschäft um die wiedererstarkte Konzerntochter Leighton — hält Fernandez weitgehend fest. Gemessen an der weltweiten Mitarbeiterzahl von aktuell 80 000 betrifft sein Plan einen zu kleinen Teil der Belegschaft, um von einer "Zerschlagung" sprechen zu können. Aber dass Hochtief sich weitgehend aus Europa zurückzieht, zeichnet sich ab.

Denn über den Verkauf der Servicesparte hinaus will Fernandez in Europa das Bauentwicklungsgeschäft ("Real Estate Solutions") mit mehreren Hundert Mitarbeitern auf neue Füße stellen. "Wir können uns vorstellen, 50 Prozent dieses Geschäftes an einen strategischen Partner zu verkaufen", sagte Fernandez. Schon länger auf der Verkaufsliste steht das Paket der Flughafenbeteiligungen von Hochtief, zu denen auch die Hochtief-Anteile am Düsseldorfer Flughafen zählen, sowie die Immobilientochter Aurelis. Um den Verkauf der Flughafensparte zu beschleunigen, löst Hochtief jetzt den Athener Flughafen aus dem Paket heraus, der wegen der unsicheren Lage in Griechenland zu viele Interessenten abschreckt. Hochtief-Finanzchef Peter Sassenfeld sagte, ein Verkauf des Flughafen-Paketes sei "auch binnen weniger Monate denkbar".

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"Beste Lösung für alle Beteiligten"

Der Chef der Gewerkschaft IG Bau, Klaus Wiesehügel, der auch im Hochtief-Aufsichtsrat sitzt, warnte gestern vor einer neuen Strategie auf Kosten der Beschäftigten. Bei dem Verkauf des Service-Geschäfts müssten betriebsbedingte Kündigungen auf Jahre ausgeschlossen werden. Fernandez versprach die Suche nach einer "besten Lösung für alle Beteiligten, sowohl für Hochtief wie auch für die Beschäftigten". Der Konzernbetriebsratsvorsitzende Ulrich Best warnte dagegen: "Die Mitarbeiter sind durch die Pläne beunruhigt, und wir nehmen ihre Sorgen sehr ernst."

Wie sehr Hochtief und der Mutterkonzern ACS unter Druck stehen, zeigen die gestern Abend veröffentlichen ACS-Zahlen: Danach verzeichnete der Konzern 2012 Nettoverluste von 1,93 Milliarden Euro, nach einem Gewinn in 2011. Der Schuldenberg sei 2012 allerdings um fast 47 Prozent auf 4,95 Milliarden Euro abgebaut worden, heißt es in dem Bericht. Darin seien auch 1,16 Milliarden Euro Schulden von Hochtief enthalten.

(RP/sgo)