Hartmut Mehdorn: "Der Berliner Flughafen könnte morgen öffnen"

Hartmut Mehdorn : "Der Berliner Flughafen könnte morgen öffnen"

Hartmut Mehdorn war Chef der Bahn, von Air Berlin und des Berliner Großflughafens. Nun genießt der 74-Jährige den Ruhestand. Ein Besuch.

Die Südsee-Bräune taucht das Gesicht des Mannes, der einst als "meistgehasster Manager der Republik" ("Zeit") bezeichnet wurde, in eine ungewohnte Milde. Hartmut Mehdorn sitzt auf einem Polsterstuhl im Café Einstein an der Berliner Kurfürstenstraße und wirkt entspannt.

Der 74-Jährige ist gerade aus La Réunion zurückgekommen. Kurzurlaub bei der Tochter, die als Ärztin auf der Insel im Indischen Ozean arbeitet. Auch die anderen beiden Kinder leben im Ausland. Einer als Anwalt in Paris, der andere ist Bankmanager in London. "Mit dem Namen Mehdorn hatte man es eine Zeitlang nicht leicht in Deutschland", erklärt er.

Energisch, rastlos, hemdsärmelig

Mehdorn also. Vorname Bahnchef. So war es zehn Jahre lang. SPD-Kanzler Gerhard Schröder holt den gelernten Flugzeugingenieur 1999 an die Spitze der Deutschen Bahn. Auftrag: Privatisierung. Raus aus den Milliardenverlusten. Mehdorn, bis dato erfolgreicher Manager bei Airbus und Heidelberger Druck, legt los, wie es seinem Naturell entspricht. Energisch, rastlos, hemdsärmelig.

Der Bahn-Chef modernisiert von 8 Uhr bis 22 Uhr. Er kauft Container, Lastwagen, Firmen. Die Nationalbahn mutiert zum globalen Mobilitätsdienstleister, der den Transport von der Produktion bis zum Kunden organisiert. Zugleich lässt er Stellwerke und Schaffnerhäuschen schließen, Personal wird abgebaut. "Diplomat wollte ich nie werden", heißt seine Biografie. Ein Bulldozer in Nadelstreifen.

Mehdorn liefert sich Tarifschlachten mit den Gewerkschaften. Und er kämpft mit verspäteten Zügen, vereisten Gleisen, überhitzten ICE-Waggons. Die Nation nörgelt. "Bahnhasser-Bücher" erscheinen in den Bestseller-Listen. Kein Industriemanager wurde so oft zum Rücktritt aufgefordert. Es gibt private Drohungen. Kanzler Schröder, heute ein enger Freund und von ähnlichem Gemüt, stützt ihn. Andere nicht.

2004 werden Mehdorns Pläne für einen Börsengang gekippt. In der Finanzkrise 2008 scheitert der zweite Versuch. Nach einer Affäre um Mitarbeiterdaten muss der umtriebige Manager 2009 gehen. Aber Mehdorns Bilanz stimmt: aus operativ 1,5 Milliarden Euro Verlust werden 2,5 Milliarden Euro Gewinn. Und ein Kundenrekord.

"Man muss das abtrainieren"

Heute ist Hartmut Mehdorn Ruheständler. Seine letzten Aufsichtsratsmandate bei einer russischen Bahn und einem deutschen Logistiker will er abgeben. "Ich hatte ein aufgeregtes und ausgefülltes Berufsleben", sagt er und bestellt sich einen Cappuccino. "Man muss das abtrainieren und schrittweise reduzieren."

Mehdorn, der Perfektionist, plant selbst den Ausstieg. Eine Schrumpfkur vom Vollblut-Manager zum Teilzeit-Rentner. Er geht golfen ("nicht gut"), läuft ein bisschen. Liest viel. "Mein Ruhestand ist für meine Frau die größere Herausforderung." Seit 35 Jahren ist Mehdorn mit der Französin Hélène Vuillequez verheiratet. Die beiden wohnen abseits des Berliner Tiergartens, in Sichtweite zur Zentrale der CDU. Die Politik, sie gehört zu Mehdorns Leben irgendwie immer dazu.

Und die Frage nach seinem Image. "Ich habe kein Ego. Ich war da, wenn man mich gebraucht hat. An mein Image habe ich nie gedacht", sagt er. Dass er die Bahn kaputtgespart habe, sei Unsinn. "Das war eine notwendige Weiterentwicklung, keine Schrumpfkur."

Auch ohne Börsengang habe er in seiner Amtszeit 90 Milliarden Euro in die Infrastruktur, die Bahnen und Waggons investiert. Das Problem sei doch ein anderes. Pause. "Na?" Er lächelt fragend. "Die Politik!" Natürlich. "Im Aufsichtsrat wollen die den Kauf einer Lokomotive mitbestimmen. Das ist doch absurd", schimpft er. Der Rücktritt seines Freundes Rüdiger Grube, der Mehdorn in den 1990er Jahren bei Airbus als Büroleiter diente, hat ihn geärgert. "Ich hatte ein Déja-vu." Es laufe doch immer gleich. Die Politik entscheidet im Hinterzimmer. Der Aufsichtsrat soll abnicken und muckt auf. Und am Ende ist der Vorstandschef der Gelackmeierte.

Mehdorn gestikuliert, fuchtelt mit den Händen. Es ist sein Lebensthema. Politik und Wirtschaft. "Die Deutsche Telekom wäre doch heute kein internationaler Player, wenn sie nicht privatisiert worden wäre." Private Unternehmen seien entscheidungs- und wettbewerbsfähig. Staatsunternehmen nicht. Und doch zieht es ihn immer wieder genau dahin, in den Dunstkreis des Politischen.

Als Interims-Chef von Air Berlin muss sich Mehdorn gegen die Lieblings-Airline der Parlamentarier, die Lufthansa, und gegen die Luftverkehrssteuer stemmen. 100 Millionen Euro pro Jahr kostet die Abgabe. "Seitdem fliegt Air Berlin im nationalen Geschäft defizitär. Das schwitzt man nicht aus", sagt er.

Auch beim Berliner Pannen-Flughafen, den Mehdorn 2013 auf Bitten von Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck übernimmt, wird es politisch. "Der BER könnte morgen öffnen", sagt Mehdorn. Die Politiker im Aufsichtsrat trauten sich nur nicht. "Der Münchner Flughafen hat erst Jahre nach Betriebsstart seine Brandschutzerlaubnis bekommen. Die haben bis dahin Feuerwehrleute an die neuralgischen Punkte gesetzt." Alles ging gut. In Berlin wird dagegen "mehr repariert als gebaut". Sein Fazit: "Der Flughafen braucht weniger Politik, dann klappt es auch."

Es ist spät geworden. Hartmut Mehdorn muss los. Der Eindruck bleibt, dass da ein Unbequemer ganz froh ist, nicht mehr auf der Kommandobrücke zu stehen. "Der Typus Manager, der sich einmischt, der Klartext spricht, der sich auch mal mit der Politik anlegt, der stirbt offenbar aus." In der Politik dürfte manch einer wohl ganz froh über den Ruheständler Mehdorn sein.

(brö)
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