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Handwerks-Präsident Ehlert: „Die Unternehmen brauchen Perspektiven“

Interview Andreas Ehlert : „Die Unternehmen brauchen Perspektiven“

Der Handwerkskammer-Chef spricht über die Folgen des Lockdowns und nötige Entlastungen für Unternehmen. Es sei ein Debakel, dass man keine klare Maskenpflicht im öffentlichen Raum durchsetzen könne.

Herr Ehlert, wie sehr treffen die neuen Beschlüsse das Handwerk?

Ehlert  Bisher waren die Kosmetiker und die Lebensmittelhandwerke die Hauptleidtragenden des Lockdowns. Jetzt trifft es auch wieder die Friseure und viele Ladenhandwerke. Wenn die Kunden nicht mehr zur Uhrmacherin oder zum Maßschneider dürfen, dann leidet darunter auch der Werkstattbetrieb. Denn nicht alles und jeder kann auf Onlinehandel umstellen.

War der Lockdown notwendig?

Ehlert  Ja, die Infektionszahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Das ging jetzt nicht mehr anders! Im Nachhinein muss man sagen: Es war Ende Oktober falsch, nur halbherzige Maßnahmen vorzunehmen. Und es war falsch, den Menschen vorzugaukeln, bis Ende November sei der ganze Spuk wieder vorbei. Damit wurde viel Vertrauen verspielt.

Auf was kommt es jetzt an?

Ehlert Wir können uns keine Stop-and-go-Politik zwischen Lockdown und Lockerungen leisten! Die Menschen brauchen verlässliche Perspektiven. Nur dann können die Unternehmen realistisch planen. Auch für die berufliche Bildung brauchen wir Klarheit darüber, wie wir bis nächsten Sommer Lehrgänge, Berufsschulunterricht und Prüfungen organisieren können.

Was meinen Sie damit konkret?

Ehlert Wir haben in den vergangenen Monaten an vielen Brennpunkten zu viele Infektionen zugelassen, weil die notwendigen Regeln entweder nicht aufgestellt oder weil sie nicht beachtet wurden. Es ist doch ein Debakel, dass wir nicht in der Lage sind, eine klare Maskenpflicht im öffentlichen Raum durchzusetzen. Stattdessen müssen wir jetzt das wirtschaftliche Leben wieder massiv herunterfahren. Damit ruinieren wir Existenzen, aber wir werden der Pandemie nicht Herr.

Reichen die staatlichen Hilfen aus?

Ehlert Die Krisenhilfen waren notwendig – vor allem die Soforthilfe und das Kurzarbeitergeld waren im ersten Lockdown Gold wert. Die Hilfen, die es jetzt gibt, schaffen jedoch fast unvermeidbar Ungerechtigkeiten. Irgendwo muss ja die Grenze gezogen werden, wem Hilfe zusteht. Aber mich treibt inzwischen etwas anderes um.

Und das wäre?

Ehlert Wir müssen ehrlich sein und feststellen, dass nicht jedes Geschäftsmodell, das es vor der Krise gab, eine Zukunft hat. Viele Firmen werden sich neu ausrichten müssen. Sie brauchen neue Produkte, Dienstleistungen, Vertriebswege.

Was heißt das für die Politik?

Ehlert  Wir müssen den Unternehmen den Rücken freihalten. Dazu brauchen sie erstens verlässliche Perspektiven, zweitens Entlastung von Bürokratie und Steuern. Dazu zählen Verbesserungen beim Verlustrücktrag, Verstetigung der Mehrwertsteuersenkung, mehr E-Government oder hier in NRW eine Absenkung der Grunderwerbsteuer und eine einfachere Grundsteuer. Die Vorfälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge sollte endlich gekippt werden. Auch ein Moratorium für Tilgungszahlungen würde jetzt nützen.

(anh)