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Mächtiger Manager in Deutschland: Gerhard Cromme - Strippenzieher und Multi-Aufsichtsrat

Mächtiger Manager in Deutschland : Gerhard Cromme - Strippenzieher und Multi-Aufsichtsrat

Auf der Hauptversammlung vor sieben Wochen trotzte er noch den Buhrufen, Pfiffen und Rücktrittsforderungen - umso mehr überrascht Gerhard Cromme nun mit seinem Abgang. Wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag zieht der Machtmensch Cromme bei ThyssenKrupp einen rigorosen Schlussstrich.

Er legt zum Monatsende nicht nur seinen Posten als Aufsichtsratschef bei dem krisengeschüttelten Stahlkonzern nieder. Er wird auch sein Amt als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender und Mitglied der mächtigen Krupp-Stiftung aufgeben, die 25,3 Prozent an ThyssenKrupp hält und ohne die beim Ruhkonzern nichts geht.

Cromme galt in der Stiftung als Nachfolger von Ruhrbaron Berthold Beitz, der sie führt und mit seinen 99 Jahren bei ThyssenKrupp im Hintergrund noch immer die Strippen zieht. Beitz war es auch, der Cromme bis zuletzt den Rücken stärkte und ihn beinahe unangreifbar machte. "Cromme bleibt", hatte er noch Mitte Dezember betont.

"Möchte personellen Neuanfang ermöglichen"

Doch der 70-jährige selbst scheint nun nicht mehr daran zu glauben, dass er genug Macht und Rückhalt besitzt, den hoch verschuldeten und von Affären gebeutelten Konzern aus der Krise zu ziehen. "In Verantwortung für das Unternehmen, seine Mitarbeiter und Aktionäre möchte ich nach 12 Jahren als Vorsitzender mit diesem Schritt auch im Aufsichtsrat einen personellen Neuanfang ermöglichen", teilte er in seiner Rücktrittserklärung mit.

Der hochgewachsene Manager, das graue Haar akkurat gescheitelt, mit randloser Brille und meist im zweireihigen Anzug, begann seinen beruflichen Werdegang bei der französischen Unternehmensgruppe Compagnie de Saint-Gobain. 1986 wechselte der promovierte Jurist zu Krupp, wo er drei Jahre später den Chefposten übernahm. Er trieb zusammen mit Beitz den Zusammenschluss mit Hoesch an und später die Fusion mit Thyssen.

Cromme kontrolliert Konzerne, die die ökonomischen Geschicke der Republik prägen: Neben ThyssenKrupp führt er das Kontrollgremium von Siemens und sitzt im Aufsichtsrat von Springer. Aber auch bei Siemens ist er nicht mehr unangefochten und musste zuletzt nach einer milliardenschweren Pannenserie Kritik von Aktionären einstecken. Er schaue dem Vorstand nicht genau genug auf die Finger, lautet der Vorwurf.

Cromme gilt als Gründervater des Corporate-Governance-Kodex in Deutschland - also dem Regelwerk für ethisch einwandfreie Unternehmensführung. Dennoch wurde ThyssenKrupp in den vergangenen Monaten von Skandalen geschüttelt: Kartellabsprachen, Korruptionsvorwürfe, Milliarden-Abschreibungen, Schadenersatzforderungen, Streit zwischen dem Aufsichtsrat und ehemaligen Managern sowie Vorwürfe um üppige Presse- und Privatreisen erschütterten den Konzern.

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Cromme, so argumentieren Aktionärsschützer, habe von diesen Vorgängen wissen müssen. Habe er nicht darum gewusst, habe er Kontrollpflichten nicht erfüllt. Cromme sah das bisher anders, er hat das frühere Management in die Verantwortung genommen. Der Aufsichtsrat schasste drei Vorstände - darunter Jürgen Claassen, einen engen Vertrauten Crommes. Der bei ThyssenKrupp bestens verdrahtete Cromme selbst blieb aber zunächst im Amt, die Vorwürfe prallten an "Mister Teflon" ab, wie ihn Kritiker nennen. Cromme konnte dabei auf die Unterstützung der Arbeitnehmer setzen. "Die von Herrn Dr. Cromme eingeleiteten Prüfungen und Untersuchungen sind richtig und notwendig", befanden deren Vertreter im Aufsichtsrat. "Für Herrn Cromme hat es eine breite Unterstützung im Aufsichtsrat gegeben", bilanziert auch ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger.

Kritik von Kleinaktionären

Doch das Wirken des 1943 in Vechta geborenen Cromme bei ThyssenKrupp war auch schon vor Jahren nicht nur mit Applaus bedacht worden. Vor allem Kleinaktionäre hatten moniert, dass ausgerechnet unter seiner Aufsicht der Einfluss der mächtigen Krupp-Stiftung, die als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme gilt, massiv ausgebaut wurde. "Ausgerechnet mit Unterstützung von Gerhard Cromme ist es gelungen, den Großaktionären Sondervorteile zuzuschanzen", hatte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger Cromme ins Stammbuch geschrieben.

Die Stiftung sollte die Karriere des Niedersachsen zumindest im Ruhrgebiet krönen. Vor einem Jahr hatte Patriarch Beitz bei der Feier zum 200-jährigen Jubiläum des Krupp-Konzerns, der 1999 mit Thyssen fusioniert hatte, deutlich gemacht, dass er sich Cromme als Nachfolger an der Spitze der Stiftung wünscht. Er dankte Cromme mehrfach für bisherige Zusammenarbeit. Er wisse, dass dieser sich auch weiter dem Unternehmen verpflichtet fühle. Cromme entgegnete damals, es sei noch immer gelungen, "aus Fehlern zu lernen, Tiefs zu überwinden und neue Maßstäbe für die Zukunft zu setzen".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Gerhard Cromme

(RTR/felt)