ThyssenKrupp nach dem radikalen Schnitt: Gerhard Cromme steht unter Druck

ThyssenKrupp nach dem radikalen Schnitt : Gerhard Cromme steht unter Druck

Nach dem Rauswurf von drei Konzernvorständen bei ThyssenKrupp hinterfragen Aktionäre die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Die Konzernzentrale von ThyssenKrupp ist gelähmt. 2000 Mitarbeiter steuern dort normalerweise die Geschäfte des ältesten deutschen Industriekonzerns, der seine Zentrale 2010 von Düsseldorf an den Stadtrand von Essen verlagert hat.

Normalerweise. Aber der Donnerstag war kein normaler Tag. Am Vorabend — die meisten Mitarbeiter waren schon zu Hause — hat der Aufsichtsrat die Entlassung des halben Konzernvorstandes eingeleitet. Ein in der deutschen Wirtschaftsgeschichte einmaliger Vorgang.

Gerhard Cromme, seit 2001 Chef des Aufsichtsrates, will mit dem radikalen Schritt einen Schlussstrich ziehen. Er will, dass die 180 000 Mitarbeiter des Dax-Riesen endlich wieder über etwas anderes reden als über die lange Serie von Kartellskandalen, die Korruptionsvorwürfe und die ständig neuen Milliardenverluste im Übersee-Geschäft. Cromme will, dass die Rating-Agenturen den mit sechs Milliarden Euro verschuldeten Konzern wieder achten.

Cromme hat einen Sturm entfacht

Dass die Aktionäre ihm wieder mehr zutrauen als die 8,5 Milliarden Euro, mit denen ThyssenKrupp aktuell an der Börse bewertet ist. Und vor allem will Cromme sich in der Krise als designierter Nachfolger von Berthold Beitz behaupten. Der 99-Jährige ist als Chef der Krupp-Stiftung faktisch der wichtigste Großaktionär von ThyssenKrupp.

Ob Cromme seine Ziele mit dem plötzlichen Rauswurf der Vorstände Olaf Berlien (50), Edwin Eichler (54) und Jürgen Claassen (54) erreicht, ist offen. Möglich, dass der 69-Jährige nun selbst in den Sturm gerät, den er mit seinem Donnerschlag ausgelöst hat.

Cromme muss sich erklären

Mehrere mächtige Aktionärsverbände haben am Donnerstag mehr Informationen über Crommes möglichen Anteil an dem Debakel eingefordert. Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), sagte: "Bis zur Hauptversammlung am 18. Januar muss Cromme beweisen, dass er nicht früher hätte eingreifen können." Andernfalls will die DSW ihm die Entlastung verweigern und mögliche Fehler Crommes mit einer Sonderprüfung klären lassen.

"Der Rauswurf des halben Vorstandes belegt, dass sich unter den Augen des Aufsichtsrates erheblicher Klärungs- und Handlungsbedarf aufgestaut hat", argumentiert Hechtfischer, "man kann den Verdacht haben, dass bei ThyssenKrupp die Kontrolle nicht funktioniert."

Unangenehme Fragen werden laut

Vor allem interessiert ihn, warum die Kosten für die noch defizitären Stahlwerke in Amerika aus dem Ruder gelaufen sind. Statt der geplanten vier kosteten die Werke zwölf Milliarden Euro und wurden zum Zentrum der Konzernkrise. Zwar hat ThyssenKrupp Gutachten präsentiert, die eine persönliche Schuld der Aufsichtsräte verneinen.

Denen traut Hechtfischer aber nicht, weil ThyssenKrupp nur diese Ergebnisse veröffentlicht, nicht aber die Gutachten selbst. Fest steht: Der Aufsichtsrat hat jede Budget-Erhöhung für die Amerika-Projekte genehmigt. Hechtfischer: "Je nach Ergebnis weiterer Untersuchungen kann Cromme auch zurücktreten müssen."

Ähnlich positioniert sich Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Auch er besteht darauf, dass Cromme eigene Fehler glaubwürdig ausschließt: "Gerade jetzt braucht ThyssenKrupp einen Aufsichtsrat, dem die Aktionäre vertrauen können.". Dass dies unter Cromme der Fall ist, sei "noch nicht ausreichend belegt." Deshalb behält sich auch die SdK eine Sonderprüfung vor.

(RP/pst/sap/das)
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