Genossenschaften in NRW: Am 30. März 2018 wäre Friedrich Wilhelm Raiffeisen 200 Jahre alt geworden

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Der Vater der Genossenschaften, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, wurde vor 200 Jahren geboren. Aber seine Idee ist immer noch ein Erfolgsmodell. In Neukirchen-Vluyn hilft eine Genossenschaft dabei, syrische Schneider in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Jaudat Sido steht am Nähtisch und schneidet mit einer Stoffschere die Konturen eines Hosenrocks nach. Dann kontrolliert der 36-Jährige die Maße. Denselben Rock möchte er noch einmal nähen - allerdings eine Konfektionsgröße größer. Die Maße übertragen - das nennen Schneider "gradieren”.

Die europäischen Konfektionsgrößen hat der syrische Schneider in einem Nähkursus bei der Genossenschaft in Neukirchen-Vluyn kennengelernt. Bekleidungsingenieurin Elisabeth Fortmann steht neben Sido und hilft ihm nun beim Abstecken des Stoffes. Seit September 2017 unterrichtet die 57-Jährige ihn - bei dem von der Genossenschaft finanzierten Projekt des Nähzimmers in Neukirchen-Vluyn.

Sido ist seit 2012 in Deutschland. Er stammt aus Aleppo. Vor dem Bürgerkrieg war die syrische Stadt eine Textilhochburg. Schon als Elfjähriger hat er in der Schneiderei seines Onkels gearbeitet - eine Ausbildung nach deutschem Standard kann er nicht vorweisen, damit fällt der Einstieg in den Arbeitsmarkt hier in Deutschland schwer.

Die Tuwas-Genossenschaft stellt die Nähmaschinen und Werkzeuge zur Verfügung, damit Sido schneidern kann. Er fertigt Taschen und Kleidung aus alter Kleidung für das eigens gegründete Modelabel "Hudhud Upcycling Couture”. Die Produkte werden in Läden in Xanten, Moers und Neukirchen verkauft.

Die Tuwas-Genossenschaft ist eine der wenigen gemeinnützigen Genossenschaften. "Eine Genossenschaft bedeutet heutzutage die Idee des solidarischen Wirtschaftens jenseits eines kurzfristigen Kapitalverwertungsinteresses", sagt Geschäftsführer Rainer Tyrakowski-Freese.

Genossenschaft investiert Gewinn in soziale Projekte

Er hat sie 2012 mit gegründet. Ihre eigentliche Geschäftsidee ist das Sozialkaufhaus in Moers. Die Genossenschaft hat 32 Mitglieder, die bis zu zehn Anteile je 500 Euro haben. Möglich sind maximal 37 Anteile.

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Die Genossenschaft investiert die Gewinne in soziale Projekte wie Nähkurse für syrische Schneider - und ist damit ganz nah an der ursprünglichen Genossenschaftsidee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der am 30. März 200 Jahre alt geworden wäre.

Der Verwaltungsbeamte gründete 1864 den ersten Darlehenskassen-Verein, der als Genossenschaft organisiert war. Bis heute schließen sich Unternehmen, Landwirte, Bürger und sogar Schüler in Genossenschaften zusammen, um eine Geschäftsidee zu verwirklichen. Eine Genossenschaft ist immer dann eine Alternative, wenn es nicht allein um Gewinnmaximierung geht, sondern auch um Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung. Die Idee der Genossenschaft wurde mittlerweile von der Unesco sogar zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Bauern schließen sich zusammen

Genossenschaften kombinieren die wirtschaftliche Effizienz von Unternehmen mit den Partizipationsmöglichkeiten von Vereinen. Damit beschreibt Vorstandsvorsitzender Ralf Barkey die Vorteile dieser Organisationsform. "Es gibt keinen Lebensbereich, in dem nicht auch genossenschaftliche Lösungen Fuß fassen", sagt er und zählt ein paar Beispiele auf.

Edeka und Rewe sind Genossenschaften. In Hagen haben sich Betriebe zu einer Breitbandgenossenschaft zusammengeschlossen, um ein Gewerbegebiet mit schnellem Internet zu versorgen. Und dass sich Solidarität und Wettbewerb nicht ausschließen, zeigt die Genossenschaft Raiffeisen Schwalm-Nette. Sie wurde 1896 gegründet und gehört zu den ältesten landwirtschaftlichen Genossenschaften der Region. "Damals haben sich die Bauern zusammengeschlossen, um teures Saatgut zu kaufen", sagt Geschäftsführer Bernd Wolfs.

Nachhaltig - das ist nicht nur die Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, die sich in die ganze Welt ausgebreitet hat. Sie ist auch ein Kriterium für jede einzelne Genossenschaft: Die Sozialgenossenschaft hilft dabei, Zugewanderte in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Landwirtschaftsgenossenschaft Schwalm-Nette betreibt Photovoltaikanlagen, die mittlerweile mehr Strom produzieren, als die Genossenschaft benötigt. Der Überschuss wird ins Netz eingespeist. Und nutzt auf diese Weise allen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Nähkurse für syrische Schneider in Neukirchen-Vluyn

(heif)