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Gas-Embargo: BASF-Chef warnt vor schwerster Wirtschaftskrise seit Zweitem Weltkrieg

Bei Gas-Embargo : BASF-Chef warnt vor schwerster Wirtschaftskrise seit Zweitem Weltkrieg

BASF-Chef Martin Brudermüller hat für den Fall eines Importstopps oder längerfristigen Ausfalls von Gas- und Öllieferungen aus Russland vor beispiellosen wirtschaftlichen Schäden für Deutschland gewarnt.

„Das könnte die deutsche Volkswirtschaft in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen“, sagte Brudermüller der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Vor allem für viele kleine und mittelständische Unternehmen wäre dies aus seiner Sicht existenzbedrohend.

Forderungen nach einem europäischen Energie-Importboykott gegen Russland wies der BASF-Chef zurück: „Wollen wir sehenden Auges unsere gesamte Volkswirtschaft zerstören? Das, was wir über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben? Ich glaube, ein solches Experiment wäre unverantwortlich“, sagte Brudermüller. Die Risiken eines Boykotts würden von vielen Bürgern in Deutschland unterschätzt.

Ein vollständiger Verzicht auf russische Erdgaseinfuhren sei in Deutschland erst mittelfristig möglich. „Wenn wir uns beeilen, dann können wir das in vier bis fünf Jahren hinbekommen“, sagte der BASF-Chef. Andere Energieimporte, etwa von Flüssiggas aus den USA, könnten „nicht auf Knopfdruck“ erhöht werden.

Dem Nachrichtenmagazin „Focus“ sagte Brudermüller, über Subventionen oder Finanzhilfen könne man die Folgen eines Gasmangels nicht abfangen – solch hohe Summen könne der Staat gar nicht leisten: „Die Dimensionen, über die wir hier reden, sind noch viel größer als bei Ausbruch der Corona-Pandemie.“ Der BASF-Chef fürchtet Einschnitte bei der Produktion – auch im größten Werk am Hauptsitz: „Ab einem gewissen Punkt, können Sie einen Standort wie Ludwigshafen nicht mehr
betreiben.“ Das träfe nicht nur 40.000 Mitarbeiter. „Wir stellen Produkte her, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen“, sagte Brudermüller. „Da hängt am Ende die Versorgung mit täglichen Gütern von Lebensmitteln bis hin zu Medikamenten dran.“

Auch die Bau- und Energie-Expertin Lamia Messari-Becker warnt für den Fall eines Stopps von russischen Gaslieferungen nach Deutschland vor verheerenden Folgen für die deutsche Wirtschaft. „Wenn Grundstoff-Industrien zum Erliegen kämen, würde ein Dominoeffekt entstehen, der nicht mehr aufzuhalten und nur schwer reparabel wäre“, sagte Messari-Becker am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Nach Angaben der Expertin, die die Bundesregierung in Bau-und Energiefragen berät, hängt etwa die Bauwirtschaft „maßgeblich“ an gasintensiven Industrien wie der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie. „Im Hauptbaugewerbe wären knapp eine halbe Million Jobs betroffen“, sagte Messari-Becker in Berufung auf Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Sie forderte die Politik auf, „ideologiefrei alle nationalen Reserven zu mobilisieren“ und notfalls auch Laufzeitverlängerungen konventioneller Kraftwerke, etwa von Kohlekraftwerken, in Erwägung zu ziehen. Das wäre aus ihrer Sicht „allemal verkraftbarer als eine über Jahrzehnte aufgebaute soziale Marktwirtschaft zu schädigen“, sagte die Expertin.

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Oberstes Ziel müsse es sein, „mit allen Mitteln eine drohende Wirtschaftstriage zu verhindern“, sagte Messari-Becker. Damit meint die Expertin ein Szenario, bei dem im Falle von Versorgungsengpässen gewisse Unternehmen und Einrichtungen bevorzugt mit Gas versorgt würden - in Anlehung an den medizinischen Begriff „Triage“.

Solch eine Priorisierung würde etwa greifen, wenn in Deutschland die Notfallstufe des Notfallplans Gas ausgerufen würde. Die Bundesregierung hatte in dieser Woche vorsorglich bereits die Frühwarnstufe dieses Plans aktiviert. Hintergrund ist die Vorbereitung auf mögliche Folgen des russischen Kriegs in der Ukraine auf die Gasversorgung in Deutschland.

Am Donnerstag hatte der russische Präsident Wladimir Putin mit Wirkung zum 1. April angeordnet, dass westliche Staaten Konten bei der Gazprombank eröffnen müssen, um weiter russisches Gas zu erhalten. Andernfalls würden die Lieferungen für die „unfreundlichen“ Länder eingestellt, sagte er.

Die Bundesregierung wolle die jüngsten Forderungen der russischen Regierung zur Bezahlung von Gas-Lieferungen prüfen, hieß es dazu am Donnerstag aus dem Wirtschafts- und Klimaschutzministerium.

(felt/dpa)