Für Bayer wird es ernst - im juristischen Scharmützel steht es 1:1.

Glyphosat-Prozess in den USA : Jetzt wird es für Bayer ernst

In San Francisco startet der Prozess des krebskranken Ed Hardeman gegen Bayer. Er macht Glyphosat für sein Leiden verantwortlich. Nach den juristischen Scharmützeln im Vorfeld steht es 1:1. Der Ausgang gilt als richtungsweisend für Hunderte andere Klagen.

Das Schicksal von Bayer wird seit Montag an einer wohlklingenden Adresse verhandelt: in der Golden Gate Avenue in San Francisco. Hier im Gerichtssaal 4 des Distrikt-Gerichts Kalifornien startet Richter Vince Chhabria den Prozess von Ed Hardeman (70) gegen den von Bayer 2018 übernommenen US-Konzern Monsanto. Hardeman macht den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup für seinen Lymphdrüsenkrebs verantwortlich – wie über 9300 weitere Kläger auch. Monsanto habe das gefährliche Produkt ohne hinreichende Warnungen verkauft und müsse dafür zu Schadenersatz verurteilt werden, heißt es in der Anklageschrift. Bayer weist die Vorwürfe zurück. Nun geht es in einen Marathon: Chhabria hat in San Francisco bis zum 29. März zahlreiche Verhandlungstermine angesetzt, an jedem Wochentag außer donnerstags.

Der Fall Hardeman zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich, weil er der erste von Hunderten ist, die in einer sogenannten Multi-District-Litigation (MDL) gebündelt sind. Eine Multi-District-Litigation ist zwar keine Sammelklage, bei der der Ausgang des Musterfalls rechtlich bindend für andere Prozesse ist. Sie ist eine Art Massenklage, bei der ähnlicher Fälle gebündelt sind und Beweisaufnahme und Zeugenvernehmungen gemeinsam durchgeführt werden. Dabei gilt der Fall Haderman als sogenannter „Bellwether-Fall“, dessen Ausgang Hinweise für Kläger und Beklagte in vergleichbaren Prozessen liefert.

Der US-Anwalt Mark Behrens, dessen Kanzlei für Bayer gearbeitet hat, aber nicht bei Glyphosat vertritt, sagte es unlängst so: „Ein Bellwether-Fall soll den Parteien und dem Gericht ein besseres Verständnis über die Erfolgsaussichten anderer Fälle in der MDL geben.“

Auf ihn wird viel ankommen: Richter Vince Chhabria. Foto: United States District Court

Auch daher blicken Bayer und Anleger gespannt nach San Francisco. Als bei einem anderen Fall (der Einzelklage des Platzwartes Dewayne Johnson) ein Jury-Gericht Bayer 2018 zunächst zu 289 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt hatte, stürzte die Bayer-Aktie ab. Am Montag herrschte bei 67 Euro gespannte Ruhe.

Die Spannung ist groß, auch weil die Haltung von Richter Chhabria, der einst von US-Präsident Barack Obama ernannt wurde, noch offen ist. Einerseits hat er den Prozess gegen Monsanto zugelassen und ist offenbar auch bereit, viel Monsanto-kritisches Material zu berücksichtigen. Noch bevor der eigentliche Prozess überhaupt losging, waren die Juristen beider Seiten in die Schlacht gezogen und stritten darum, welche Studien, Zeugen und Dokumente eingereicht werden dürfen.

Doch auch Bayer konnte im Vorfeld einen Punkt machen: So entschied Chhabria vor Wochen, dass der Prozess in zwei Runden geteilt wird: Als erstes geht es um die Frage, ob Roundup und Glyphosat krebserregend sind. Und nur wenn dies der Fall ist, geht es überhaupt in die nächste Runde und damit um die Frage, ob Monsanto seine Kunden nicht ausreichend informiert oder gar getäuscht hat.

Schon die erste Runde hat es in sich: Bayer führt an, dass zahlreiche Studien und amtliche Zulassungen belegen, dass Glyphosat bei korrekter Anwendung nicht krebserregend sei. Die Kläger wiederum berufen sich auf eine Studie der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, wonach Glyphosat wahrscheinlich krebserregend sei.

Der Fall Hardeman ist für Bayer unberechenbar, weil auch hier zunächst eine Jury urteilt. Im Fall Dewayne Johnson einigte sich die Jury auf einen Schuldspruch, den die zuständige Richterin in der Sache übernahm, wenngleich sie die Höhe des Schadenersatzes senkte. Hier ist Bayer nun in der nächsten Instanz, bei der keine Geschworenen, sondern Richter entscheiden. Zudem hofft Bayer, mit seiner Erfahrung aus Pharma-Klagen besser abzuschneiden als Monsanto. Bayer-Chef Werner Baumann betont stets: „Wir beabsichtigen, uns in all diesen Verfahren entschieden zur Wehr zu setzen.“

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