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Fleischkonsum: Aldi will bis 2030 auf Billigfleisch verzichten

Umstieg auf Haltungsformen 3 und 4 : Aldi will bis 2030 auf Billigfleisch verzichten

Der Lebensmittel-Discounter Aldi will bis zum Jahr 2030 auf Frischfleisch-Produkte mit den beiden niedrigsten Haltungsformen verzichten. Zu diesem Zeitpunkt soll dann nur noch Fleisch aus den Tierwohl-Haltungsformen 3 und 4 verkauft werden.

"Wir geben heute ein großes Versprechen ab", sagten Erik Döbele, Managing Director Corporate Buying bei Aldi Süd und sein Kollege Tobias Heinbockel, Managing Director Category Management bei Aldi Nord in einer Presseerklärung des Unternehmens.

Ab 2030 soll in den Kühltheken nur noch Fleisch aus Außenklima- und Biohaltung zu finden sein, wie die beiden Unternehmen am Freitag ankündigten. Mit diesem Schritt wolle man Landwirten und Fleischverarbeitern Planungssicherheit für die Umstellung der Produktion geben.

Aldi und andere große Lebensmittelhändler hatten 2019 ein vierstufiges System der Haltungskennzeichnung eingeführt. Die erste Stufe „Stallhaltung“ entspricht lediglich den gesetzlichen Anforderungen. In der Stufe 2 „Stallhaltung plus“ gibt es für die Tiere unter anderem mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial. Stufe 3 „Außenklima“ garantiert den Tieren noch mehr Platz und Frischluft-Kontakt. Bei Stufe 4 „Premium“ haben sie außerdem Auslaufmöglichkeiten im Freien, auch Biofleisch wird in diese Stufe eingeordnet.

Aldi will nun bis 2025 vollständig auf Fleisch aus der Haltungsform 1 verzichten. Ein Jahr später soll dann ein Drittel des Fleischs bei Aldi aus den Stufen 3 und 4 kommen. Bis 2030 soll bei Aldi dann kein Fleisch der beiden unteren Haltungsstufen zu kaufen sein. Verbraucher- und Tierschützer hatten wiederholt kritisiert, dass es bislang kaum Fleisch der höheren Haltungsstufen zu kaufen gebe. Der Deutsche Tierschutzbund begrüßte am Freitag die Ankündigung von Aldi. Entscheidend werde jetzt sein, dass andere Handelsunternehmen diesem Schritt von Aldi folgten.

Ist Fleischkonsum ethisch vertretbar?

Nach den Worten des Philosophen Thomas Mohrs ist die industrielle Produktion von Fleisch "ethisch nicht vertretbar". Dies bedeute nicht, dass Fleischkonsum generell verwerflich sei, sagte er bei der digitalen Jahrestagung des Deutschen Ethikrats. Unter der Fleischindustrie litten jedoch Tiere ebenso wie kleinbäuerliche Betriebe und die weltweite Artenvielfalt.

Bei der Ernährung sei jeder für den eigenen Konsum verantwortlich, trage aber auch eine gesellschaftliche Verantwortung, fügte Mohrs hinzu. Dies betreffe auch etwa die steigenden Kosten für Krankheiten, die auf Mangel-, Fehl- oder Überernährung zurückgehen: "Mein Interesse an einem dauerhaften funktionsfähigen und leistungsstarken Gesundheitssystem impliziert meine Verantwortung, diese Kostenexplosion zu reduzieren."

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Der Ethikrat tagt zum Thema "Wohl bekomms! Dimensionen der Ernährungsverantwortung". Während der Corona-Pandemie habe diese Thematik eine neue Relevanz erhalten, sagte das Ethikratsmitglied Elisabeth Gräb-Schmidt. Studien zufolge haben 39 Prozent der Deutschen während der Pandemie zugenommen. Auch soziale Unterschiede hätten eine Rolle gespielt, so die Theologin: Während die einen mehr Zeit zum Kochen gefunden hätten, hätten andere verstärkt zu Fastfood gegriffen, wieder anderen habe die einzige warme Mahlzeit in der Schulkantine gefehlt.

Mohrs bezeichnete Bildung als entscheidenden Schlüssel für Veränderungen. So solle "Ernährungslehre und Kochen" als Schulfach etabliert werden.

Anette Buyken, Professorin für Public Health Nutrition, erklärte, bestimmte Faktoren, die die Essensauswahl mitbestimmten, seien bislang unterschätzt worden. Dies betreffe insbesondere die Ernährungsumgebung: Dazu zähle die Frage, welche Snacks etwa in einem Bahnhof überhaupt im Verkaufsangebot seien, aber auch, wie Lebensmittel im Supermarkt präsentiert würden.

Buyken forderte ein Bündel an Maßnahmen. Ein gutes Beispiel sei der im vergangenen Jahr eingeführte "Nutri-Score": Die Farbskala, die Aufschluss über Nährwerte gibt, biete dem Verbraucher eine Orientierung - und zugleich einen Anreiz für Unternehmen, gesündere Produkte herzustellen. Denkbar wären weitere Anreize wie eine reduzierte Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse oder aber abschreckende Maßnahmen wie eine Zuckersteuer. Jedenfalls dürfe die Verantwortung nicht allein dem Individuum oder den Familien überlassen werden, mahnte die Wissenschaftlerin: "Das größte Risiko ist das Nichtstun."

Die Neurobiologin Annette Horstmann sprach sich dafür aus, etwa bei der Regulierung von Werbung diejenigen einzubeziehen, die bereits unter ernährungsassoziierten Krankheiten wie Adipositas leiden. Sie reagierten nachweislich anders auf das Nahrungsangebot als andere Menschen. Zudem müsse die Stigmatisierung solcher Krankheiten enden. "Die landläufige Meinung ist immer noch: Die Betroffenen müssen halt weniger essen und sich mehr bewegen", sagte Horstmann. Tatsächlich handle es sich bei Adipositas um eine chronische Krankheit, die die Struktur des Gehirns verändere.

(felt)