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Facebook: Ausfall mit fatalen Folgen

Facebook : Ausfall mit fatalen Folgen

Der Facebook-Blackout von Montag gibt Rätsel auf. Wie konnte es passieren, dass das Netzwerk und seine Chat-Dienste fast sechs Stunden nicht zu erreichen waren? Spurensuche – im Netz und vorm Senat.

Ausfälle von sozialen Netzwerken sind keine Seltenheit. Gerade in den Anfängen von Social Media wurde der sogenannte Fail Whale, eine Fehler-Seite, auf der ein blauer Cartoon-Wal erschien, zum geflügelten Begriff. Netzwerke wie Twitter steckten damals noch in den Kinderschuhen und erlebten zu dieser Zeit einen derartigen Zulauf, dass ihre Server unter der Last der Anfragen oft für mehrere Stunden zusammenbrachen.

Auch wenn der genaue Grund für den Facebook-Blackout vom Montagabend mitteleuropäischer Zeit noch immer nicht bekannt ist – so viel ist klar: Dieser Vorfall war anders. Zwar kommt es auch heute immer wieder vor, dass große soziale Netzwerke wie Facebook mal ausfallen. Solche Ausfälle sind dann oft aber nur temporär und betreffen in der Regel nur einzelne Regionen. Der Vorfall von Montag war deutlich größer, gravierender, global.

Offenbar ist der Blackout auf eine Umadressierung im BGP, dem „Border Gateway Protocol“, zurückzuführen. Dabei handelt es sich – vereinfacht ausgedrückt – um eine Art Wegweiser, auf den Computer und Server immer dann zurückgreifen, wenn eine neue Anfrage ein- oder ausgeht. Ruft ein Nutzer zum Beispiel die Facebook-Seite auf oder verschickt via Whatsapp eine Nachricht, muss das Netzwerk wissen, an welchen Server die Anfrage weitergeleitet werden muss. Das Problem von Montag: Das Netzwerk von Facebook war aus dem BGP-Netzwerk plötzlich verschwunden.

Nicht nur 3,5 Milliarden Facebook-, Instagram- und Whatsapp-Nutzer waren von der Panne betroffen. Auch bei dem Internetriesen selbst führte der Vorfall zu Chaos. Das hauseigene Firmennetzwerk, über das Facebook intern kommuniziert, lag komplett brach. Ein Super-Gau in einer Zeit, in der die meisten Facebook-Mitarbeiter pandemiebedingt noch immer von zu Hause aus arbeiten. Wie Beschäftigte hinter vorgehaltener Hand erklärten, wich man konzernintern zeitweise auf andere Kommunikationstools wie Slack oder Zoom aus.

Nach außen gab sich Facebook weiterhin bedeckt. Auf Medienanfragen reagierte der Social-Media-Konzern nicht. Und die knappen Erklärungen, die Facebook-Manager per Twitter abgaben, lasen sich kryptisch und waren offenbar mit Bedacht gewählt. So schreibt etwa Facebook-Sprecher Andy Stone zwei Stunden nach Beginn des Totalausfalls, man sei sich dessen bewusst, dass „ein paar Leute“ Probleme hätten, sich bei Facebook anzumelden. Als das Problem dann behoben war, richtete sich Mark Zuckerberg auf seiner offiziellen Facebook-Seite schließlich an die Öffentlichkeit: „Entschuldigung für die Unterbrechung heute. Ich weiß, wie sehr ihr auf unsere Dienste angewiesen seid, um mit Menschen in Verbindung zu bleiben, die euch wichtig sind.“

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Schließlich gab es auch einen Blogpost auf der Firmenseite des Konzerns, auf der Facebook einen Konfigurationsfehler bestätigt und sich für die Panne entschuldigt. Interessanter als das, was Facebook schreibt, ist allerdings, was Facebook nicht schreibt: nämlich die Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Umadressierung überhaupt kommen konnte.

Bemerkenswert an dem Vorfall ist außerdem der Zeitpunkt, an dem er passierte. Für den Social-Media-Riesen, der gerade in den USA unter enormem politischen Druck steht, war der mehrstündige Ausfall die blamable Krönung einer ohnehin miserablen Woche: Der Ausfall ereignete sich, nur einen Tag nachdem eine Ex-Managerin mit Dokumenten an die Öffentlichkeit gegangen war, die die Konzernführung schwer belasten. So soll Facebook bewusst Studien zurückgehalten haben, um die negativen Folgen seiner Netzwerke zu verschleiern.

Erst am Sonntag hatte sich die ehemalige Mitarbeiterin Frances Haugen als Whistleblowerin zu erkennen gegeben. Die 37-jährige Datenspezialistin hat Zehntausende geheimer Dokumente, darunter E-Mails und interne Facebook-Studien, kopiert und an zwei Senatoren der US-Regierung ausgehändigt. 

Am Dienstagabend mitteleuropäischer Zeit war nun die Informantin geladen, um selbst vor den Unterausschuss des US-Senats zu treten und dort unter Eid auszusagen. In ihrer vorab veröffentlichten Stellungnahme forderte sie mehr Transparenz bei den Software-Algorithmen, die entscheiden, was Nutzer zu sehen bekommen.

Und ihre Aussage hatte es in der Tat in sich: „Gestern haben wir erlebt, wie Facebook aus dem Internet verschwand“, sagte Haugen in ihrem Eröffnungsstatement vor dem Unterausschuss des Senats. „Ich weiß nicht, weshalb das geschah, aber ich weiß: Für mehr als fünf Stunden wurde Facebook nicht dazu benutzt, Spaltungen voranzutreiben, Demokratien zu destabilisieren sowie Mädchen und junge Frauen dazu zu bringen, sich in ihren Körpern schlecht zu fühlen.“

 Die Whistleblowerin appellierte an die Senatoren, zu handeln und Facebook zu regulieren, solange das noch möglich sei: „Es ist noch nicht zu spät“. Der Entschluss, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen, sei gefallen, als ihr klar geworden sei, dass sich Facebook aus sich heraus nie ändern werde. Das Management habe sich dazu entschlossen, Profit über Sicherheit zu stellen. Auch danach ließ die Frau kein gutes Haar an ihrem früheren Arbeitgeber, insbesondere nicht an Firmenchef Mark Zuckerberg, den sie auf Nachfrage als den Hauptverantwortlichen für die Missstände benannte. „Am Ende bestimmt immer Mark“, brachte es die Insiderin auf den Punkt.

 „In Harvard wird einem beigebracht, Verantwortung zu übernehmen für das Unternehmen. Zuckerberg habe Facebook „allein auf Metriken, auf Zahlen ausgerichtet“. Viele ethische und soziale Probleme, die von dem Netzwerk ausgingen, seien eine direkte Folge davon.

In Hacker-Foren gibt es seit einigen Tagen zudem Spekulationen, wonach es möglicherweise ein neues Datenleck bei Facebook gegeben haben könnte Die Rede ist von angeblich insgesamt 1,8 Milliarden Datensätzen, die neben dem Nutzernamen etwa auch E-Mail-Adressen und Telefonnummern enthalten sollen. Viel zu erklären also für Facebook und seine Macher – auch über den Systemausfall von Montag hinaus.  (mit dpa)