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Ex-Nissan-Chef setzt sich in den Libanon ab

Rätsel um Carlos Ghosn : Ex-Nissan-Chef setzt sich in den Libanon ab

Eigentlich steht Carlos Ghosn in Japan unter Hausarrest. Doch taucht er nun überraschend im Libanon auf. In einer Erklärung gibt sich der Ex-Nissan-Chef trotzig. Ghosn wird in Japan Untreue vorgeworfen.

Der Ex-Verwaltungsratschef von Nissan, Carlos Ghosn, ist überraschend im Libanon aufgetaucht. Er habe Japan wegen der „Ungerechtigkeit und politischen Verfolgung“ verlassen, die ihm dort widerfahren sei, teilte Ghosn am Dienstagmorgen über Sprecher mit. Zugleich betonte er, dass er nicht vor der Justiz fliehe. Laut seinem Freund Ricardo Karam, einem libanesischen TV-Moderator, traf der Automanager am Montagmorgen in der Hauptstadt Beirut ein. „Er ist zu Hause. Es ist ein großes Abenteuer“, sagte Karam im Gespräch der Nachrichtenagentur AP weiter.

In Japan soll sich Ghosn im April 2020 einem Prozess wegen Finanzvergehen stellen, vorab wurden strikte Kautionsauflagen erlassen, darunter ein Ausreiseverbot. Wie er Japan dennoch verlassen konnte, war zunächst unklar. Nach einem Bericht der libanesischen Zeitung „Al-Dschumhurija“, reiste er an Bord eines Privatjets über die Türkei in den Libanon. Die Angaben ließen sich zunächst nicht bestätigen.

Ghosn war vor mehr als einem Jahr festgenommen worden, weil er als Nissan-Verwaltungsratschef Finanzdokumente gefälscht und Untreue begangen haben soll. Ihm wird zur Last gelegt, seine Entschädigungen nicht in der tatsächlichen Höhe gemeldet zu haben, außerdem wird ihm anderes Fehlverhalten rund um finanzielle Fragen vorgeworfen. Er hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Seine Anwälte sprechen von einer Verschwörung von Nissan-Managern, Politikern und Staatsanwälten, die zum Ziel habe, eine tiefere Fusion mit Nissans Vertragspartner Renault SA zu verhindern. Im April kam Ghosn nach mehr als 120 Tagen in Haft unter strengen Auflagen in Tokio frei.

Ghosn galt als Lichtgestalt der Autobranche. Über 20 Jahre hinweg hatte er den kurz vor der Insolvenz stehenden Konzern Nissan zu einem der größten Akteure der Branche geformt und in eine Allianz mit Renault und dem kleineren japanischen Partner Mitsubishi geführt. Sein Fall hat international großes Aufsehen ausgelöst. Im Libanon jedoch gilt Ghosn nach wie vor als Held. Nicht wenige hoffen dort, dass er eines Tages eine wichtige Rolle in der Politik spielen oder dabei helfen könnte, der maroden libanesischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen.

Ghosn kam in Brasilien zur Welt, wo sein libanesischer Großvater einst sein Glück versuchte. Doch wuchs er in Beirut auf, wo er einen Teil seiner Kindheit an einer Jesuitenschule verbrachte. Noch heute spricht Ghosn fließend Arabisch und besuchte den Libanon häufig. Er besitzt die libanesische und französische Staatsbürgerschaft.

(csi/dpa)