Gelockerte Sanktionen: Europäische Konzerne sehen ihre Chance im Iran

Gelockerte Sanktionen : Europäische Konzerne sehen ihre Chance im Iran

Der Iran hat sich auf Kompromisse bei seinem Atomprogramm eingelassen, im Gegenzug wurden einige Sanktionen für zunächst sechs Monate aufgehoben. Europäische Wirtschaftsführer stehen nun bereit, um die Geschäftsbeziehungen mit dem Land wiederzubeleben.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos saßen der iranische Präsident Hassan Ruhani und Außenminister Dschawad Sarif direkt neben dem Chef des französischen Ölkonzerns Total, Christophe de Margerie. Ein Zufall? Seit der Lockerung der gegen den Iran verhängten Sanktionen wollen europäische Unternehmen mit dem an Rohstoffen reichen Land wieder ins Geschäft kommen.

Erste Treffen sind bereits geplant: Demnächst werden Vertreter eines französischen Lobby-Verbandes, der mehr als 100 Firmen repräsentiert, nach Teheran reisen. Hoffnungen machen sich auch die Automobil- und Luftverkehrbranche. Ölkonzerne reagieren zunächst verhalten. Sie wollen offenbar abwarten, ob sich die politische Entspannung fortsetzt.

Der Iran hatte, wie im November vereinbart worden war, seine Urananreicherung gedrosselt. Daraufhin setzten die EU-Außenminister einen Teil ihrer Sanktionen für ein halbes Jahr aus. So wurden zum Beispiel 4,2 Milliarden US-Dollar, die sich auf Konten außerhalb des Irans befanden und blockiert worden waren, freigegeben. Auch die USA wollen ihre Strafmaßnahmen lockern.

Für die westliche Wirtschaft ist der Iran von größtem Interesse: Da ist zum einen die überwiegend gut ausgebildete Bevölkerung, zum anderen verfügt der Staat über riesige Öl- und Gasvorkommen, die zum Teil noch nicht erschlossen sind.

Im Wettlauf mit den USA hat Europa bessere Ausgangsbedingungen: Die Handelsbeziehungen zwischen dem Iran und europäischen Ländern waren traditionell immer recht gut; die EU verhängte erst 2007 nach und nach Wirtschaftssanktionen. Allerdings verloren damit auch EU-Staaten einen wichtigen Absatzmarkt, den sie gerne wieder erobern möchten.

Erste Zeichen einer Entspannung zeigt bereits die Bewegung beim Luftverkehr: Die österreichische Fluggesellschaft Austrian Airlines kündigte in der vergangenen Woche an, künftig wieder fünfmal in der Woche Teheran anzufliegen. Die Lufthansa, die derzeit täglich einen Linienflug in die iranische Hauptstadt unterhält, erwägt ebenfalls, ihr Angebot zu erweitern, ebenso wie Turkish Airlines.

Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), spricht von verbreitetem Optimismus, dass sich die politischen Beziehungen verbesserten und damit die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit wieder gegeben sei.

Der niederländische Botschafter im Iran, Jos Douma, lud in der vergangenen Woche Unternehmen, die an Geschäftsbeziehungen zum Iran interessiert sind, zu einem Treffen ein. Zwei Schwerpunkte hätten sich herauskristallisiert, sagte er: die Lieferung von Ersatzteilen für die veraltete iranische Flugzeugflotte sowie der Export landwirtschaftlicher Produkte. "Sie brauchen alles Mögliche", erklärte Douma.

Auch die Automobilindustrie ist auf dem Sprung. Die französischen Konzerne PSA Peugeot Citroen und Renault beispielsweise hatten ein wichtiges Standbein im Iran, PSA verkaufte noch im Jahr 2011 dort 455.000 Fahrzeuge. Damit war das Land in Vorderasien für das Unternehmen nach Frankreich der zweitgrößte Absatzmarkt. Man verfolge die derzeitige Entwicklung mit großem Interesse, sagte PSA-Sprecher Pierre-Oliver Salmon.

"Die Unternehmensgruppe hat die Kontakte erneuert, um auf eine mögliche Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen zum Iran vorbereitet zu sein", erklärte Salmon. Auf Seiten des Irans dürfte das Interesse ebenfalls groß sein: Die dortige Autoindustrie ist in der Krise, Hunderttausende Arbeitsplätze wurden gestrichen. Der größte Automobilhersteller des Landes, Iran Chodro, will Kooperationen mit ausländischen Unternehmen eingehen.

Allerdings verhalten sich die westlichen Firmen vorsichtig: Sie wollen sicher sein, dass die internationalen Strafmaßnahmen in sechs Monaten nicht wieder erneuert werden. Renault-Sprecher Bruno Moreau sagte, Unternehmenschef Carlos Ghosn betrachte den Iran als wichtigsten Markt im Nahen Osten, sei aber der Ansicht, dass vor einem Engagement die Sanktionen noch weiter gelockert werden müssten.
Renault hatte 2011 rund 100.000 Fahrzeuge im Iran abgesetzt.

Ähnlich zurückhaltend agieren derzeit die Ölkonzerne."Der Iran hat auf jeden Fall riesige Ressourcen", erklärte BP. Es sei aber wahrscheinlich ein sehr schwieriger politischer Prozess. Auch seitens Total, Shell oder Eni wird Interesse signalisiert. Angesichts erforderlicher großer Investitionen wollen die Unternehmen mit einem Engagement aber offensichtlich abwarten, bis die Sanktionen dauerhaft beendet werden.

Die iranische Öl- und Gasindustrie sei in einem sehr schlechten Zustand, betonte Howard Rogers, Direktor des Erdgasforschungsprogramms am Oxford-Institut für Energiestudien. Die Produktion könne nicht ohne weiteres wieder aufgenommen werden, außerdem müsse das Handelsrecht im Iran modernisiert werden. "Aber sobald die Sanktionen aufgehoben worden sind", sagt Rogers, "erwarte ich einen Andrang der Großkonzerne".

(ap)
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