Interview mit dem Chef von Rheinmetall: "Eine Welt ohne Waffen ist reine Utopie"

Interview mit dem Chef von Rheinmetall: "Eine Welt ohne Waffen ist reine Utopie"

Klaus Eberhardt (64), Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, spricht im Interview mit unserer Redaktion darüber, was ihn an der Wehrtechnik interessiert und welche Länder das Unternehmen als Kunden ausschließt und wie er die Zukunft von Rheinmetall sieht.

Herr Eberhardt, Sie sind seit fast 13 Jahren Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall. Wie erklären Sie Ihren Kindern diesen Beruf?

Eberhardt Rheinmetall bietet mit seinen Produkten Schutz und Sicherheit für Menschen und Länder. Sicherheit ist die Grundvoraussetzung für Freiheit und Wohlstand. Tatsächlich hat mich mein Sohn mit kritischen Fragen zur Rüstungsindustrie konfrontiert — so habe ich ihm geantwortet.

Ihr Konzern ist aber auch an der Fertigung von großkalibrigen Kriegswaffen wie dem Leopard-Kampfpanzer oder Panzerhaubitzen beteiligt.

Eberhardt Es ist natürlich richtig, dass unsere Produkte auch in harten Einsätzen genutzt werden können. Aber unsere Kunden sind legitimierte Regierungen und deren Streitkräfte, die den enorm strengen deutschen Restriktionen für Waffenexporte entsprechen müssen. Und unsere Vertragsabschlüsse kommen in vertrauensvoller Absprache und nur mit Genehmigung der Bundesregierung zustande.

Was fasziniert Sie an Wehrtechnik?

Eberhardt Die Entwicklung von Produkten, die stets an der Grenze des technisch und physikalisch Machbaren sind. Und das Zusammenspiel mit den Spitzen der internationalen Politik, die ich als Chef eines reinen Automobilzulieferers sicher nicht so leicht kennengelernt hätte.

Gibt es Länder, die Sie als Kunden ihrer Wehrtechnik ausschließen?

Eberhardt China, zum Beispiel. Dorthin gibt es seitens Rheinmetall keine Rüstungsexporte.

Hatten Sie während des "Arabischen Frühlings" Sorge, die Regime könnten mit Ihren Waffen gegen Demonstranten vorgehen?

Eberhardt Sorgen habe ich mir nie machen müssen. Rheinmetall ist kein Haus- und Hoflieferant der beteiligten Länder gewesen. Außerdem haben wir weder Kontakte in den Irak, noch in den Iran. Rheinmetall ist derzeit in keinem Brandherd aktiver Lieferant.

Aber Länder im Nahen und Mittleren Osten sind ja kein Tabu für Sie. Zuletzt gab es viel Ärger um einen geplanten Panzer-Deal mit Saudi Arabien.

Eberhardt Die Kritik war von neuer Qualität. Bisher konnten wir uns darauf verlassen, dass aus dem Bundessicherheitsrat, der über Rüstungsexporte entscheidet, nichts nach außen dringt. Ich bin häufig in Saudi Arabien und von der Vertrauenswürdigkeit der Regierung überzeugt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, außer dass es sicherlich gute Gründe dafür gibt, warum die Bundesregierung mittlerweile Rüstungsexporte nach Saudi Arabien in Erwägung zieht.

Nochmal: Länder im Nahen und Mittleren Osten sind also kein Tabu?

Eberhardt Nein, warum auch? Was wir uns in Europa oft nicht ausreichend klarmachen ist, dass in anderen Ländern die eigene Souveränität und Sicherheit viel stärker als bei uns von einer aktiven Grenzsicherung und Verteidigung des Territoriums abhängen. Dabei können und wollen wir behilflich sein. Im Übrigen war es die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder, die für uns die Türen in der Region geöffnet hat.

Ausgerechnet Sozialdemokraten und Grüne haben der deutschen Rüstungsindustrie neue Märkte erschlossen?

Eberhardt Ja, denn erstmals wurde die Frage kontrovers diskutiert, ob sich Deutschland wirklich nur als Exportweltmeister verstehen kann, der Wohlstand anhäuft, oder ob die Bundesrepublik nicht international mehr Verantwortung für die Staatengemeinschaft übernehmen sollte — auch in Regionen mit Konfliktpotenzial. Letzteres wurde schließlich mit Ja beantwortet, wovon wir profitieren.

Wünschen Sie sich mehr Freiraum bei den Exporten, wie ihn Ihre Konkurrenten aus den USA, aus Frankreich und England haben?

Eberhardt Aus rein geschäftlicher Sicht sind die deutschen Exportbeschränkungen ein Hemmschuh. Aber ich halte das deutsche System für besser, weil es auch gegenüber der Öffentlichkeit glaubwürdiger ist.

Was sind in Ihren Augen die Zukunftsmärkte für Rüstungsexporte?

Eberhardt Indien ist ein wichtiger Abnehmer unserer Verteidigungstechnik. Kritiker halten uns vor, dass der damalige Kaschmir-Konflikt mit der Atommacht Pakistan solche Exporte verbieten müsste. Ich sehe das anders und denke, dass sich das Gewaltpotenzial in der Region gen Null bewegt. Ein weiterer Zukunftsmarkt, neben dem Mittleren Osten, ist Russland.

Tatsächlich bauen Sie dort in der Wolga-Region gerade das weltweit modernste Trainingszentrum für Soldaten auf. Geschieht das auf Wunsch der Bundesregierung?

Eberhardt Mit Zustimmung der Bundesregierung und auf Wunsch Russlands. Wir freuen uns über den Auftrag, weil wir bei simulationsgestützten Gefechtsübungszentren Weltspitze sind und das in Russland beweisen können.

Wie sieht die Zukunft des Krieges aus?

  • Fragen und Antworten : Die deutsche Rüstungsindustrie
  • Unsicherheiten an den Märkten : Rheinmetall kassiert Börsengang der Autosparte
  • Rüstungsschmieden : Krauss-Maffei und Rheinmetall — Vorteile einer Allianz

Eberhardt Die Zeit der großen Panzerschlachten ist sicherlich vorbei. Was immer wichtiger wird, ist die Vermeidung des Krieges. Und ich denke, dass sämtliche Formen der sogenannten Cyberkriegsführung, also der digitalen Konfliktausübung, eine größere Bedeutung bekommen werden.

Ist dann der Kampfpanzer Leopard II, für den Sie die Waffentechnik liefern, nicht ein Auslaufmodell?

Eberhardt Nein, denn schweres Gerät wird weiterhin wichtig sein, wenn es doch mal zu einem direkten Konflikt zwischen Armeen kommt. Dann ist ein solcher Panzer Ausdruck von Stärke, von Macht und durchaus geeignet zur Abschreckung. Eine Welt ohne Waffen ist reine Utopie.

Sie sind 13 Jahre lang Chef von Rheinmetall gewesen und gehen in drei Monaten in den Ruhestand. Was hat sich während Ihrer Zeit im Konzern verändert?

Eberhardt Wir haben uns als Unternehmen wieder auf die Bereiche Automobilzulieferung und Verteidigungssysteme konzentriert — so wie zur Gründungszeit 1889.

Sie haben Rheinmetall auf den Kopf gestellt...

Eberhardt ... und mich dabei anfangs wie ein Unternehmensverkäufer gefühlt: Zwei Drittel der Geschäftsbereiche haben wir veräußert und sind jetzt wieder solide aufgestellt. Auch, weil wir internationaler arbeiten und deswegen weniger krisenanfällig sind.

Seit Jahren gibt es Fusionsverhandlungen zwischen Rheinmetall und dem Panzerproduzenten Krauss-Maffei. Zuletzt scheiterten die Pläne. Ist das Thema abgeschlossen?

Eberhardt Die Tür war immer offen und bleibt es auch. Vielleicht sogar einen Spalt breiter als bisher. Ich bin überzeugt, dass wegen schwieriger Absatzmärkte sowohl in der Automobilbranche als auch im Bereich der Verteidigung Konsolidierungen nötig sind.

Leiden Sie unter dem geplatzten Zusammenschluss von EADS und BAE?

Eberhardt Auf Rheinmetall hat das keinen Einfluss. Aber ich bin schon verwundert darüber, dass sich die beteiligten Akteure die einmalige Chance haben entgehen lassen, im Bereich der Rüstung eine wahre europäische Lösung zu schaffen. Deshalb kann ich verstehen, dass Tom Enders als EADS-Chef darüber nicht glücklich sein kann.

Sie haben den Börsengang Ihrer Automotive-Tochter mehrfach abgesagt. Spielt das Thema noch eine Rolle?

Eberhardt Rheinmetall ist derzeit so aufgestellt, dass der Börsengang von Automotive nicht notwendig ist.

Also wird es in der Zukunft keine Aktien der Automobil-Tochter geben?

Eberhardt Ich will das nicht völlig ausschließen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist das keine Option.

Blicken Sie als Automobilzulieferer mit Sorge auf die Absatzkrise in Südeuropa?

Eberhardt Die Situation müssen wir in jedem Fall ernst nehmen. Natürlich ist es besorgniserregend, wenn in der gesamten Automobilbranche — auch bei deutschen Herstellern — die Alarmglocken schrillen.

Wie ernst ist die Krise?

Eberhardt Ich rechne nicht annähernd mit einer so desaströsen Lage wie während der vergangenen Automobilkrise. Zwar sind vor allem in Europa — nicht in den USA oder in China — die Absätze eingebrochen. Aber die Lagerbestände sind zum Beispiel keinesfalls so hoch wie vor vier Jahren.

Kann die Rüstungssparte von den Entwicklungen in der Automobiltechnik profitieren?

Eberhardt Das kommt darauf an. In der Automobiltechnik wird viel Hightech verbaut. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass wir in den nächsten 10 Jahren mit der Innovation in der Antriebstechnik soweit sind, dass wir den Spritverbrauch um 30 Prozent senken können. Und ob Sie es glauben oder nicht: Davon kann eines Tages auch ein Panzer vom Kaliber des Leopard profitieren.

Jan Drebes und Thomas Reisener fassten das Gespräch zusammen.

(tor)
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