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Insolvente Baumarktkette: Die "Praktiker" bangen um ihre Existenz

Insolvente Baumarktkette : Die "Praktiker" bangen um ihre Existenz

Die mehr als 12 000 Mitarbeiter der insolventen Baumarktkette blicken in eine ungewisse Zukunft. Viele werden wohl ihre Jobs verlieren. Die Stimmung in der Belegschaft ist schlecht. Und die Kunden hoffen auf Schnäppchen.

Als Rolf D.* zur Arbeit in seinen Praktiker-Baumarkt in einer niederrheinischen Stadt kommt, ist alles anders. Er hat seine Abteilung immer gut in Schuss gehalten. Aber seit gestern Morgen ist alles weg. Ein Lieferant hat seine Ware nach der Insolvenz der Baumarktkette bereits einkassiert, während der Betrieb eigentlich ganz normal weitergeht. Nun steht Rolf D. in seiner leeren Abteilung, von einen Tag auf den anderen ist nichts mehr zu tun. D. möchte anonym bleiben — aus Angst. Denn in fast allen Praktiker-Filialen sollen Geschäftsführung und Betriebsrat den bundesweit 12 000 Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst haben. Sie dürfen sich nicht öffentlich über die Situation ihres Arbeitgebers äußern.

Rolf D. hat — wie die meisten seiner Kollegen auch — erst aus den Medien erfahren, dass sein Arbeitgeber wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit ein Insolvenzverfahren beantragt hat und die Praktiker-Filialen im Rahmen eines vorläufigen Insolvenzverfahrens erst einmal fortgeführt werden sollen.

Bis jetzt ging es immer gut

Gefürchtet haben die Mitarbeiter das schon lange, aber es ging bis jetzt immer alles gut. Nun bangen sie doch alle um ihre Jobs. Auch wenn sie offiziell nichts sagen dürfen, hinter vorgehaltener Hand sprechen einige. Sie schimpfen auf diese Rabattaktionen, die die Gewinnmargen immer weiter gedrückt haben — bis gar kein Geld mehr verdient worden sei. Vor einem Jahr waren es die Schlecker-Frauen, sagen sie, nun sind es die Praktiker-Mitarbeiter, die um ihre Jobs bangen. Verdi-Sprecherin Christiane Scheller fordert: "Es müssen jetzt Investoren mit ins Boot, damit man eine Perspektive entwickeln kann."

Für Rolf D. hört sich das nach den gewöhnlichen Durchhalteparolen an. Er steht hinter seinem Tresen und muss den Kunden erklären, dass es bei ihm in der Abteilung gar nichts mehr gibt. Und es sind viele, die jetzt kommen. Rabattjäger. "Die glauben, jetzt gibt's hier alles noch billiger", sagt Rolf D. Über Wochen und Monate hat er um jeden Kunden gekämpft, hat mit Wonne seine Ware angepriesen, aber gekauft haben nur wenige. Weil es mal keine Rabatte gab. "Da hätten wir sie alle als Kunden gebraucht. Und jetzt kommen die, und ich darf nix mehr verkaufen." Seine Lippen beben, als er die Sätze ausspuckt. "Leichenfledderer."

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Seine Hände zittern

Seit seinem 14. Lebensjahr hat Rolf D. immer gearbeitet. Seine starken, rauen Hände erzählen von der vielen Arbeit, die er geleistet hat. Es sind die Hände eines Handwerkers. An diesem Morgen aber zittern sie. Immer wieder ziehen sie wie von alleine hektisch Klebefilmstreifen von einer Rolle ab und rollen sie dann sorgsam wieder zurück. "Jetzt habe ich kurz vor der Rente zum ersten Mal in meinem Leben Angst um meinen Arbeitsplatz."

Vor einer Praktiker-Filiale im Rheinland stehen gestern Morgen Hunderte Blumen, die massiv reduziert sind: darunter Chrysanthemen in verschiedenen Farben und Größen und Buchsbaum-Kugeln. Erwin R.* rollt eine Palette mit Zierbananen nach draußen und stellt sie dazu. "Die kosten jetzt zwei statt fünf Euro das Stück", sagt er. "Die gehen immer." Er senkt nachdenklich den Kopf. Ihm wird plötzlich klar, dass auch er vielleicht bald gehen muss. Er komme sich, brummt er vor sich hin, auch langsam so vor wie die Pflanzen, die er seit mehr als sechs Jahren jeden Morgen aus dem Lager holt und vor den Eingang stellt — wie Ware.

Seinem Chef würde er gern die Meinung sagen

Gerne würde er seinem Chef mal ordentlich die Meinung geigen, ihm sagen, wie es in ihm aussieht, wie er sich fühlt, dass es ihn einfach nur ärgert, aus der Zeitung erfahren zu haben, dass er vielleicht bald arbeitslos ist. Doch ihm fehle der Mumm dazu. "Ich hoffe ja, dass es irgendwie weiter für mich geht bei Praktiker", sagt er. "Und wenn ich mich beschwere, fliege ich wahrscheinlich als einer der Ersten raus." Neben den Blumen steht ein Rundgrill aus Edelstahl — ebenfalls deutlich reduziert. Auf dem Etikett steht neben dem Preis auch ein Hinweis darauf, wo man den Grill verpackt und abholbereit im Laden findet: Gang 6SB.

Dort trifft man auch auf Ludger F. Der 57-Jährige ist Experte für Gartengeräte aller Art und seit vielen Jahren im Unternehmen tätig. Ein älterer Kunde, der sich in der Abteilung geirrt hat, fragt ihn, ob die Badewannen jetzt zum halben Preis zu haben wären, er wolle sein Haus renovieren und habe gehört, dass bei Praktiker jetzt der große Ausverkauf begonnen habe. Ludger F.* ringt um Fassung. "Da sind Sie bei mir falsch. Fragen Sie bei der Information nach, die können Ihnen dort weiterhelfen." Der Kunde schüttelt den Kopf und raunt: "Kein Wunder, dass bei dem Service der Laden pleite ist." Ludger F. dreht sich um. Der nächste Kunde wartet auf ihn. Auch er wird ihn nach Rabatten fragen.

*Namen geändert

(RP)