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Lokführer beschließen unbefristete Streiks: Die GDL weckt böse Erinnerungen

Lokführer beschließen unbefristete Streiks : Die GDL weckt böse Erinnerungen

Düsseldorf (RP). Die Lokomotivführer der GDL haben für einen unbefristeten Arbeitskampf gestimmt. Damit werden Erinnerungen an 2007 wach. Damals hielt die Gewerkschaft ganz Deutschland monatelang in Atem. Schier endlose 18 Monate dauerte der Streit mit der Bahn damals. Auch im März 2011 zeigen sich die Gewerkschaft fest entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen.

Es waren drei Buchstaben, die Berufspendlern, Bahnreisenden und der Industrie ab Sommer 2007 die Zornesröte ins Gesicht trieben: GDL — die Abkürzung für "Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer". Bis zum damaligen Zeitpunkt dürften nur wenige Bürger überhaupt von der kleinen Branchengewerkschaft Notiz genommen haben, die gerade einmal 34.000 Mitglieder zählt, aber dennoch als extrem schlagkräftig gilt.

Im Frühjahr 2007 trat Manfred Schell, damals GDL-Vorsitzender, vor die Mikrofone und verkündete, man werde mit der Deutschen Bahn einen eigenen Tarifvertrag aushandeln — und das nur kurz nachdem die bekannteren Bahn-Gewerkschaften GDBA und Transnet mit 4,5 Prozent und einer Einmalzahlung von 600 Euro einen Rekordabschluss erzielt hatten.

Vorbild Manfred Schell

Aber Schell wollte mehr und so stellte er im März seine eigene Forderung vor: ein Lohnplus von 31 Prozent — ein Fehdehandschuh für die Deutsche Bahn. Was folgte, bezeichnete die GDL nach dem Ende des 18 Monate dauernden erbitterten Tarifstreits als den längsten Bahn-Streik der Nachkriegsgeschichte. Schell wurde mit seiner unnachgiebigen Haltung berühmt. Viele Beobachter mutmaßten, der Gewerkschaftsboss habe sich kurz vor seiner Pensionierung im Mai 2008 ein Denkmal setzen wollen.

Tatsächlich erreichte der inzwischen zum GDL-Ehrenvorsitzenden ernannte Schell einen deutlich höheren Abschluss als GDBA und Transnet: eine Lohnerhöhung um elf Prozent und eine Einmalzahlung von 800 Euro. Am Ende gab sich die Deutsche Bahn geschlagen und beugte sich den Forderungen.

Kampfeslustige Rhetorik

Schells Nachfolger an der Spitze der GDL heißt Claus Weselsky. Er gilt als nicht minder streitlustig und könnte nun in ähnlicher Weise die Bahn und zusätzlich deren sechs Privatkonkurrenten drangsalieren. Bei der am Montag ausgezählten Urabstimmung erreichte der 52-Jährige nahezu das Rekord-Ergebnis seines Vorgängers. 2007 stimmten 95,8 Prozent der GDL-Mitglieder bei der Deutschen Bahn für den Streik, NUN waren es immerhin 92 Prozent Zustimmung bei der Deutschen Bahn und 96 Prozent bei den Privatbahnen.

Dass es ihm ernst ist, demonstrierte der gebürtige Dresdner nicht nur mit kampfeslustiger Rhetorik ("Wir machen ein für alle Mal Schluss mit Angst um den Arbeitsplatz und Lohndumping im Eisenbahnverkehr"), sondern auch mit Taten. Durch die drei Warnstreiks der vergangenen beiden Wochen bekamen die Deutschen schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was nun dauerhaft droht.

Verbraucherschützer sind empört

Fahrgastverbände sind empört über die sture Haltung der Mini-Gewerkschaft. Der Vorsitzende von Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, warnte davor, die Kunden als Geiseln zu nehmen. "Der Streik sollte vor allem die Bahnunternehmen treffen und nicht in erster Linie die Fahrgäste", forderte Naumann in der "Passauer Neuen Presse".

Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) warnte vor einer Eskalation. Der Minister ermahnte die GDL in der Zeitung "Welt", sie müsse sich der Auswirkungen für die gesamte Wirtschaft bewusst sein. "Ich warne eindringlich davor, dass in Deutschland der Tarifegoismus zunimmt." Der Kampf um sie dürfe nicht grenzenlos auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen werden.

In den festgefahrenen Verhandlungen fordert die GDL einen einheitlichen Tarifvertrag für alle 26.000 Lokführer im Fern-, Nah- und Güterverkehr. Dieser soll auf dem Niveau des Marktführers Deutsche Bahn liegen, das zuvor jedoch noch einmal um fünf Prozent angehoben werden soll. Für die Bahn wäre das eine schmerzhafte, aber leistbare Größenordnung.

Die Industrie verfolgt das Szenario mit Sorge

Anders jedoch sieht es bei den Privatbahnen Abellio, Arriva, Benex, Keolis, Veolia und den Hessischen Landesbahnen aus. Diese zahlen ihren Mitarbeitern zum Teil Löhne, die 30 Prozent unter dem Niveau der Deutschen Bahn liegen. Sie argumentieren damit, dass sie nur so wettbewerbsfähig bleiben könnten.

Doch diese Bedenken scheinen die GDL nicht zu schrecken. Sie hat vielmehr eine Ausweitung der Streiks auch auf den bislang ausgenommenen Güterverkehr angekündigt. Da viele Betriebe inzwischen auf sogenannte "Just in time"-Produktion setzen — also eine Anlieferung von Roh- und Betriebsstoffen erst im Bedarfsfall —, blickt die Industrie mit Sorge auf drohende Lieferengpässe. Sollte die GDL den Güterverkehr dauerhaft bestreiken, müsste der Transport auf die Straße verlagert werden.

Die GDL liegt voll im Trend

Auch langfristig bergen Streiks im Güterverkehr Gefahren: Wenn die Bahnen aufgrund wiederkehrender GDL-Arbeitskämpfe nicht mehr als zuverlässige Transportunternehmen gelten, könnte das nicht nur den Konzernen, sondern letztlich auch den dort beschäftigten GDL-Mitgliedern schaden.

Mit ihrer Fünf-Prozent-Forderung liegt die GDL übrigens im Trend. Vom öffentlichen Dienst über die Baubranche bis zur Chemieindustrie: Die Arbeitnehmer fordern derzeit zwischen fünf und sieben Prozent. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt attestierte den Gewerkschaften deshalb jüngst, ihre Forderungen kämen "aus dem Wolkenkuckucksheim und sind vollkommen illusionär".

Ein Teufelskreis deutet sich an

Die Sorge wächst, überzogene Lohnvorstellungen könnten die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen: Eine zu starke Lohnerhöhung während eines Aufschwungs würde zunächst die Güterherstellung verteuern. Die Produzenten müssten deshalb die Preise für die Kunden erhöhen. Gewerkschafter beziehen sich bei ihren Lohnforderungen jedoch häufig auf die Inflation, also die Preissteigerungen. Sie würden deshalb noch höhere Löhne fordern — ein Teufelskreis.

(RP/RTR)