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Cromme, von Pierer, Schrempp: Die Aussitzer in den Chefetagen

Cromme, von Pierer, Schrempp : Die Aussitzer in den Chefetagen

Nach den Skandalen bei ThyssenKrupp wird die Verantwortung von Managern wieder breit diskutiert. Kleben gescheiterte Top-Leute auch deshalb an ihren Stühlen, weil sie den Überblick verloren haben?

Auch nach dem Rauswurf des halben Vorstandes gelingt es ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme nicht, den ältesten deutschen Industriekonzern aus den Schlagzeilen zu bringen. Gestern tagte unter seiner Führung der Aufsichtsrat. Am Dienstag informierte der Konzern offiziell über Abschreibungen, hohe Verluste und gestrichene Dividenden.

 Siemens-Chefkontrolleur Heinrich von Pierer wollte trotz mehrere Vorwürfe seinen Posten lange nicht räumen.
Siemens-Chefkontrolleur Heinrich von Pierer wollte trotz mehrere Vorwürfe seinen Posten lange nicht räumen. Foto: AP, AP

Der Druck auf den 69-Jährigen war immens: Schon zum zweiten Mal musste der einstige Vorzeige-Manager sich mit externen Gutachten rechtfertigen. Sie sollen beweisen, dass er und sein Aufsichtsrat keine Schuld tragen an dem Absturz des schillernden Konglomerats, das 1999 aus der Fusion der stolzen Unternehmen Thyssen und Krupp hervorging.

 Jürgen Schrempp fädelte den desaströsen Chrysler-Deal für Daimler ein.
Jürgen Schrempp fädelte den desaströsen Chrysler-Deal für Daimler ein. Foto: AP, AP

Er habe das alles so nicht gewusst. Der alte Vorstand habe ihn mit geschönten und im Nachhinein falschen Zahlen geblendet. Er sei seiner Aufsichtspflicht stets nachgekommen. Das sagt Cromme. Und das sagen die Gutachten, die ThyssenKrupp trotzdem nur in Teilen veröffentlicht.

Lange Reihe von Managern

Seine Kritiker glauben das nicht. Sie sehen Cromme inzwischen in einer langen Reihe von Managern, die eigene Fehler nicht wahrhaben wollen. Die verbissen an ihren Posten festhalten, bis der Zeitpunkt für einen würdigen Rücktritt verpasst ist. Der ehemalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp wird in diesem Zusammenhang oft genannt, der den Autobauer durch eine Fusion mit Chrysler beinahe ruiniert hat.

Oder Thomas Middelhoff, unter dessen umstrittener Führung der Wert des Karstadt-Nachfolgers Arcandor um 90 Prozent einbrach. Und natürlich Heinrich von Pierer, der seinen Posten als Siemens-Chefkontrolleur selbst dann noch behalten wollte, als er wegen einer Korruptionsaffäre an Aufsichtsratssitzungen nur noch teilweise teilnehmen konnte.

In einer Reihe mit von Pierer

Steht Cromme inzwischen in dieser Reihe? Immerhin ist er seit 2001 Chefkontrolleur bei ThyssenKrupp. Unter seiner Aufsicht häufte der Konzern sechs Milliarden Euro Schulden an, versenkte mit haarsträubenden Fehlinvestitionen Milliarden Euro in Übersee, wurde wegen einer Serie von Kartellverstößen zu Rekordbußen verurteilt und macht mit immer neuen Korruptionsaffären von sich reden.

Entweder war Cromme nicht in der Lage, bei ThyssenKrupp ein funktionierendes Kontrollsystem aufzubauen, oder er hat seine Informationen falsch bewertet. Das sagen immer mehr Aktionäre und hinter vorgehaltener Hand inzwischen auch einzelne Aufsichtsräte.

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Es stelle sich "die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern", begründete ThyssenKrupp in der vergangenen Woche den Kahlschlag im Vorstand. Aber wer stellt die Frage nach der bisherigen Aufsichtskultur im Konzern?

Wichtigste Fähigkeit eines Managers

Der renommierte Wirtschaftsethiker Karl Homann sagt: "Die Fähigkeit, Fehler zugeben zu können, ist die vielleicht wichtigste Anforderung an einen Manager." Erst diese Eigenschaft mache ihn glaubwürdig. Chefs, die sich aus Angst vor dem Verlust ihrer Autorität zu chronischen Rechthabern entwickeln, können laut Homann auch von ihren Mitarbeitern keine Lernfähigkeit einfordern.

Für den Moraltheologen Peter Schallenberg ist der Versuch, eigenes Versagen auf andere abwälzen zu wollen, in der Wirtschaftswelt üblich: "Gerade in Großkonzernen erleben sich auch Top-Manager als kleiner Teil eines unüberschaubaren Systems. Sie können ihre Wirkung auf das Ganze kaum noch beurteilen."

Hinzu komme, dass ranghohe Manager oft nur gefilterte Informationen erhielten. Informationen, deren Weitergabe für den Absender zwar zweckmäßig ist, die aber oft unvollständig sind. "Menschen wollen immer alles etwas beschönigen", sagt Schallenberg, "vor allem sich selbst."

Deutsche Moralvorstellungen

Sowohl Homann als auch Schallenberg sehen in der Globalisierung eine weitere Hürde für selbstkritisches Management. "Unsere deutschen Moralvorstellungen werden in internationalen Konzernen täglich durch die Moralvorstellungen anderer Erdteile relativiert", sagt Homann. Wenn ein Unternehmen schon bei den ersten Anzeichen einer Krise Mitarbeiter entlässt, wirkt das auf das deutsche Publikum vielleicht skrupellos. In den USA sieht man darin einen Ausdruck von Stärke und Konsequenz.

Die Frage, wann ein Manager zurücktreten soll, beantworten die Ethik-Experten unterschiedlich. "Wenn er andere Menschen ohne Not in Bedrängnis gebracht hat", sagt der Moraltheologe Peter Schallenberg. "Wenn er kein Vorbild mehr ist und seine Mitarbeiter nicht mehr erreicht", sagt der Ethik-Professor Karl Homann. Beide betonen aber, dass bloße Kritik an einem Top-Manager allein kein Rücktrittsgrund ist. Auch dann nicht, wenn sie von vielen geteilt wird. "Verantwortung heißt auch, Kurs halten zu müssen", sagt Homann.

Von 1999 bis 2011 war Ekkehard Schulz Vorstandschef von ThyssenKrupp. Unter ihm traf der Vorstand mehrere Entscheidungen, die sich heute als Ursache der ThyssenKrupp-Krise erweisen. Kurz vor seinem Rücktritt sagte Schulz öffentlich: "Ich habe Fehler gemacht." Die Belegschaft von ThyssenKrupp spricht noch heute mit großer Achtung von ihm. Nicht trotzdem, sondern deshalb.

(RP/csi/sap)