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Hartmut Mehdorn: Dickschädel auf dem Abstellgleis

Hartmut Mehdorn : Dickschädel auf dem Abstellgleis

Düsseldorf (RPO). Bahnchef Hartmut Mehdorn hat wahrlich keinen leichten Job. Seit Jahren schon wird in schöner Regelmäßigkeit sein Rücktritt gefordert. Bisher hat der Manager das immer erfolgreich ignoriert. Diesmal scheint seine Frist endgültig abgelaufen zu sein. Vieles deutet darauf hin, dass spätestens nach der Bundestagswahl Schluss ist.

Der jüngste Datenskandal und der nachlässige Umgang Mehdorns mit dem Thema haben das Fass zum Überlaufen gebracht. 173.000 Mitarbeiter hat der Konzern ausgespäht. Die Aufarbeitung erfolgt lückenhaft und nur scheibchenweise. Der jüngsten Vorwurf: die Bahn habe nicht nur ermittelt, um gegen Korruption vorzugehen, sondern auch um mögliche Kontakte zu Journalisten und Politikern zu erfassen. Das sei mindestens genauso schlimm, ließ Mehdorn wissen.

Der Bahnchef hat für Anfang kommender Woche einen ausführlichen Bericht über den "aktuellen Erkenntnisstand" zugesagt. "Was wir wissen, kommt auf den Tisch und wird selbstverständlich Parlament, Regierung und Aufsichtsrat vorgelegt", heißt es in neue beschworener Transparenz. Fatale Erinnerungen werden wach: Erst am Mittwoch hatte Mehdorn in einer Pressekonferenz Besserung gelobt. Am selben Tag noch kam ans Licht, dass die Bahn auch im Jahr 2005 Daten ausgespäht hat. Auf der Pressekonferenz war davon kein Wort zu hören.

Warten bis zum September

Dass der Vorstandschef überhaupt noch auf dem Chefsessel sitzt, verdankt er offenbar der politischen Konstellation in Berlin. Das liegt nicht an der SPD, obwohl es doch gerhard Schröder war, der Mehdorn im Dezember 1999 zum neuen Bahnchef machte. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee betrachtet Mehdorn schon länger als Belastung, Innenexperte Dieter Wiefelspütz spricht schon offen vom Rücktritt.

Es ist die Union, die an ihm festhält. Das ist - wie man in Berlin munkelt - weniger Unentschlossenheit als taktisches Kalkül. Dem Vernehmen nach will die Union warten, bis ein neuer Bundestag gewählt ist. CDU und CSU hielten sich vorerst zurück, weil sie befürchteten, Mehdorn werde dann durch einen SPD-nahen Manager ersetzt, mit dem die Union auch nach einem möglichen Wahlsieg im September leben müsste, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf Unionskreise. Zudem dürfte der Wahlkampf eine Rolle spielen. Das Kalkül: Die Wähler verbinden die negativ besetzte Personalie Mehdorn eher mit seinem Förderer Gerhard Schröder und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee.

Noch ist das Urteil bei der Union wohl nicht endgültig gesprochen. Ob Mehdorn Konzernchef bleibe, hängt offenbar davon ab, was bei der Aufklärung des Datenskandals noch alles ans Licht kommt. Das Staatsunternehmen hatte auf der Suche nach Anhaltspunkten für Korruption und andere kriminelle Geschäfte die Adressen und Bankverbindungen von einem Großteil der Belegschaft mindestens zwei Mal mit den Daten von Lieferanten abgeglichen. Bundesregierung, Bundestag und der Aufsichtsrat der Bahn drängen auf eine rasche Aufklärung des Datenskandals.

  • Porträt : Hartmut Mehdorn - Manager mit Ecken und Kanten
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Der Vorsitzende der Bahngewerkschaft GDBA, Klaus-Dieter Hommel, der auch dem Bahn-Aufsichtsrat angehört, sagte der "SZ": "Wenn Mehdorn das Krisenmanagement nicht bald in den Griff bekommt, dann muss er seinen Hut nehmen." Erstmals deutete damit ein Mitglied des Kontrollgremiums der Bahn öffentlich die Möglichkeit einer Ablösung Mehdorns an.

Dickes Fell

Formal bleibt Mehdorn noch zwei Jahre im Amt. Sei Vertrag sieht einen Ausstieg im Jahr 2011 vor. Bisher hat er alle Krisen überstanden. Der Mann hat ein dickes Fell. Egal ob die teure Streik-Auseinandersetzung mit der Lokführer-Gewerkschaft GDL, Achsenrisse oder geplatzte Börsenpläne – Mehdorn hat immer weitergemacht.

Seine Ziele verfolgt er derart hartnäckig, dass er schon öfter mit einem starrköpfigen Kind verglichen wurde. Mehdorn ficht das nicht an. Politische Rücksichtnahme ist ihm fremd. "Diplomat wollte ich nie werden", lautet der Titel der Biographie des 66-Jährigen. Immerhin hat der Bahnchef seit 1999 schon vier SPD-Verkehrsminister überlebt.

mit Agenturmaterial