Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen: Deutschlands "Mr. Digital" kommt aus Neuss

Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen : Deutschlands "Mr. Digital" kommt aus Neuss

Die lange erfolgsverwöhnte Medienbranche steht weltweit vor einer Herausforderung: Wie schafft sie es, die bewährten Produkte aus der Print-Welt von Tageszeitungen und Magazinen in die digitale Welt zu überführen? Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen macht die Hälfte des wachsenden Verlagsumsatzes im Netz. Erfolgsrezepte hat er gleich mehrere.

Die meisten Schlagzeilen zum Thema macht der börsennotierte Springer-Verlag, der zur Erhöhung seiner digitalen Lernkurve wie des Aktienkurses seine wichtigsten Leute ins Silicon Valley schickte, das "Tal der Träume" ("Zeit") aller Medienschaffenden. Gruner und Jahr, mit "Stern" und "Geo" früher Vorreiter im Verlagsmarkt, ist derweil weniger mit Digitalisierung als mit Restrukturierung beschäftigt.

Auch die Schwäche der Konkurrenz ist einer der Gründe, dass der oft im Windschatten der Aufmerksamkeit segelnde Münchner Burda-Verlag am weitesten auf der Reise ins gelobte Land Digitalien gekommen zu sein scheint.

Burda-Verlagschef Paul-Bernhard Kallen, Spross einer Neusser Kaufmanns-Dynastie, hat die heimischen Gefilde seit langem verlassen. Doch bewahrte er sich eine Menge des verschmitzten, bei aller katholischen Prägung auch immer ein wenig schwäbisch anmutenden soliden Stils seiner Heimatstadt.

Die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr weisen Hubert Burda Media jedenfalls als den am weitesten digitalisierten Medienkonzern aus: Fast die Hälfte seines Umsatzes von 2,46 Milliarden Euro macht Burda mit digitalen Produkten; bei den Erlösen, die das Familienunternehmen nicht angibt, soll es nach Angaben aus Verlagskreisen auch erfreulich dreistellig aussehen.

Gleich mehrere Erfolgsrezepte

Wie Burda das geschafft hat? Es gibt mehrere Erfolgsrezepte: Der umtriebige Verleger Hubert Burda (73) begann in den frühen Neunzigern mit seinen "Digital-Life-Design" genannten Internetkongressen. Er begeisterte sich und sein widerstrebendes Management für das Thema, schuf sich ein unvergleichliches Netzwerk in der amerikanisch-indischen Netzgemeinde.

Dann holte er 1996 Paul-Bernhard Kallen als Technologie-Vorstand. Der verwandelte Burdas Vision in Geschäftsmodelle. Längst sitzt er in Palo Alto im Aufsichtsrat des Internet-Dienstleisters Glam und damit am Puls der Entwicklung. In Tochterfirmen bündelte er so erfolgreiche Portale wie das Netzwerk Xing, das Urlaubsportal Holiday Check, die Eheanbahnung Elitepartner und verkaufte auch — viel bespöttelt und durch satte Renditen rasch versöhnt — Tierfutter und -zubehör bei Zooplus.

Kallen setzt zunehmend weniger auf klassische Werbung als auf Transaktionsgeschäft, also das Vermitteln von Waren und Dienstleistungen. Darin hat Burda lange Erfahrung, sind doch seine Zeitschriften zwar journalistisch geprägt, jedoch auch immer Abverkaufsplattformen. Das hat der Verlag im Netz etwa in seinen Modeauftritten perfektioniert. Oben auf der Homepage empfiehlt die Style-Päpstin etwas, unten kann man es per Mausklick kaufen.

Das ist kein Journalismus? Dieser Vorwurf ist einer der wenigen, der den Blutdruck des gelassenen Kallen hochtreibt. Holiday Check etwa ist für ihn aggregierter und kuratierter Journalismus der neuen Form. Auf der Urlaubsplattform werteten 40 Journalisten die Hinweise von 1,2 Millionen Experten, also Holiday-Checkern aus, die im Durchschnitt drei Hotel- und Veranstalterbewertungen schreiben. Kallens Fazit: hoher Nutzwert, gut für den "Leser, Nutzer, Konsumenten", den er immer im Dreiklang nennt.

Ein eher medienscheuer Mann

Sein Rezept für die Branche ist auch, sich von traditionellem Denken zu verabschieden. Es werde künftig unterschiedliche Erlös- und Geschäftsmodelle, unterschiedliche Inhalte und Technologien unter einem Dach geben müssen. Von Paid Content, Bezahlschranken für Internet-Inhalte, hält er nichts.

Das bringt ihn regelmäßig in Gegensatz zum anderen Digital-Anführer der Verlagsszene, Springer-Chef Mathias Döpfner. Der eher medienscheue Kallen lässt dessen Attacken jedoch unbeantwortet. Vielleicht weil er weiß, was er nicht kann, zum Beispiel das öffentliche Raufen. Für die Bühne holte er sich so als Verlagsvorstand den Ex-Journalisten Philipp Welte an seine Seite, einen der letzten Live-Rock 'n' Roller der Medienszene.

Dass Burda keine Tageszeitungen außer der "elektronischen Tageszeitung focus.de" hat, sondern eher marktorientierte Zeitschriften, erleichtert Kallen natürlich die Umorientierung des Unternehmens. Umso mehr überraschte er jüngst die Szene, als er die US-Internet-Zeitung "Huffington Post" für Deutschland adaptierte. Die Plattform, die vereinfacht gesagt Inhalte anderer Netzanbieter sammelt und sehr schick und gratis aufbereitet, ist in den Vereinigten Staaten extrem erfolgreich. Mit Gründerin Arianna Huffington ist Kallen seit Jahren gut bekannt.

"Ritterschlag" von Hubert Burda

Ist das parasitärer Journalismus auf Kosten anderer Verlagshäuser? Kallen reagiert gelassen. Die Zeit, dass sich die Menschen auf 20 Internet-Seiten ihre Informationen zusammensuchten, neige sich dem Ende zu. Wer am besten aggregiere und verlinke, werde überleben.

Kallen sieht die Medienunternehmen künftig technologiegetrieben, also nicht mehr so stark von den Inhalten, sondern von der schnellen Nutzung der jeweils aktuellen technischen Plattformen her kommend.

Sein Chef Hubert Burda vertraut offenbar der Expertise seines Top-Managers. Vor Burdas Führungskräften erteilte er Kallen vor einiger Zeit den Ritterschlag: Dies sei der Mann, der sein Unternehmen die nächsten zehn Jahre führen werde und auch beurteilen müsse, ob die Kinder des Verlegers das Zeug hätten, später das Ruder zu übernehmen. Kallen, so wird berichtet, stand ziemlich cool daneben und sagte mal wieder nichts.

(RP/das)
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