Putins gigantische Modernisierungs-Offensive Deutsche Wirtschaft entdeckt Russland

Moskau · Maschinen gegen Gas: Russland ist für Deutschland ein wichtiger Handelspartner. Aber Wladimir Putins gigantische Modernisierungs-Offensive macht Russland jetzt auch als Standort attraktiv – sogar für den Mittelstand.

 Der Rote Platz in Moskau. Putins Regierung setzt auf wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland.

Der Rote Platz in Moskau. Putins Regierung setzt auf wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland.

Foto: AFP

Maschinen gegen Gas: Russland ist für Deutschland ein wichtiger Handelspartner. Aber Wladimir Putins gigantische Modernisierungs-Offensive macht Russland jetzt auch als Standort attraktiv — sogar für den Mittelstand.

Bisher hat die deutsche Wirtschaft Russland vor allem als Handelspartner geschätzt: Als Kunde deutscher Exporte im Wert von 34,4 Milliarden Euro und als Lieferant von Waren für 40,6 Milliarden Euro gehört Russland zu den Top Ten der wichtigsten deutschen Außenwirtschaftsnationen. Seit etwa drei Jahren kommt eine erstaunliche Dynamik bei den Versuchen deutscher Unternehmen hinzu, nicht nur mit, sondern auch in Russland Geschäfte zu machen.

Vor fünf Jahren lagen die deutschen Direktinvestitionen in Russland noch bei acht Milliarden Euro, im vergangenen Jahr waren es bereits 22,2 Milliarden Euro. Angezogen von dem robusten Wirtschaftswachstum im einstigen Zarenreich (voraussichtliches Wachstum 2012: 3,5 Prozent gegenüber 0,7 Prozent in Deutschland) machen sich immer mehr deutsche Unternehmen auf den Weg an die Wolga. Denn wegen einer neuen Strategie der russischen Zentralregierung haben sich ihre Chancen spürbar verbessert.

"2012 wird für die deutschen Unternehmen in Russland wieder ein Rekordjahr", kündigte am Mittwoch der Chef der deutsch-russischen Außenhandelskammer in Moskau, Michael Harms, an. Er sprach nur einen Steinwurf vom Kreml entfernt vor einer Doppel-Delegation der Stadt Düsseldorf und der IHK zu Düsseldorf. Rund 60 Unternehmer aus NRW bereisen in dieser Woche unter der Führung von IHK-Präsident Ulrich Lehner, dem Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers und mit Unterstützung der NRW-Landesregierung Russland, um die neue Lage auszuloten. Derzeit erwirtschaften in Russland 6300 deutsche Unternehmen 40 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. "Das ist beachtlich, aber der Boom fängt jetzt erst an", sagte Harms.

Denn ähnlich wie seit den 1980er Jahren die arabischen Staaten versucht inzwischen auch Russland, sich mit dem Aufbau neuer Industrien von seiner bisherigen Gas- und Öl-Abhängigkeit zu befreien. Aber anders als die Araber, die sich mit ihren Petro-Dollars vor allem in ausländische Konzerne wie die EADS oder Daimler eingekauft haben, will Russland die eigene Industrie modernisieren und neue Wirtschaftszweige im Inland aufbauen.

"Bis 2030 will Russland in die Modernisierung des Landes eine Billion Euro investieren", sagte Harms. Deutsche Firmen, insbesondere Mittelständler, seien dabei nach seiner Einschätzung besonders willkommene Partner: "Hier in Russland gelten deutsche Unternehmer als zuverlässig und fortschrittlich. Die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben, ist in der russischen Wirtschaft klar erkennbar."

Bei einem Symposium am Rande der Reise zählten Experten wie Harms, der Wirtschaftsattaché der Deutschen Botschaft in Russland, Holger Kolley, und Andreas Knaul von der Moskauer Niederlassung der Anwaltskanzlei Rödl&Partner neue Fakten auf, die das Wirtschaften in Russland für Deutsche einfacher machen.

WTO Nach 16 Jahren Verhandlungen ist Russland seit 2011 Mitglied der Welthandelsorganisation. Damit verpflichtet sich Russland zum Abbau zahlreicher Handelshemmnisse: Die Zölle sinken, die Restriktionen für Überflüge, Telekommunikation und den Zahlungsverkehr wurden spürbar entschärft.

OECD Russland will noch in diesem Jahr Vollmitglied der Organsisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit werden. Dafür muss das Land wirksame Maßnahmen gegen Korruption nachweisen, die bislang zu den größten Hemmnissen ausländischer Unternehmer gehörte.

Recht Seit 2000 greift in Russland ein "kodifiziertes Recht". Das heißt: Nicht das Ermessen der Richter oder die bisherige Praxis, sondern das offizielle Gesetz ist alleiniger Maßstab der Rechtssprechung. Schätzungen zufolge sind in erster Instanz zwar immer noch 15 bis 20 Prozent aller Urteile korrumpiert. In den höheren Instanzen gilt die russische Rechtsprechung inzwischen aber auch Ausländern gegenüber als fair.

Stadterweiterung Das spektakulärste von aktuell mehreren Hundert Regierungsvorhaben ist die Erweiterung Moskaus: Die Hauptstadt soll in den nächsten 20 Jahren um 1480 Quadratkilometer auf das fast Dreifache ihrer jetzigen Größe anwachsen. 19 Gemeinden im Südwesten Moskaus sollen der Hauptstadt zugeschlagen werden. In dem neuen Gebiet wird bereits mit dem Bau von Gleisen, Straßen, Schulen und Kindergärten begonnen.

Experten schätzen die Kosten für das Mammutvorhaben auf mehrere Dutzend Milliarden Euro. In einem persönlichen Gespräch mit Elbers und Lehner wies der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin am Mittwoch ausdrücklich darauf hin, dass die Bewerbung deutscher Unternehmen bei den laufenden Ausschreibungen gewünscht ist.

(RP/csi)
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