Deutsche Bank: Christian Sewing verschickt erste Kündigungen

Radikaler Umbau : Deutsche-Bank-Chef Sewing verschickt erste Kündigungen

Der Chef der Deutschen Bank hat es eilig: Schon am Montag mussten in Asien die ersten Mitarbeiter gehen. Der Ostwestfale verteidigte den Abbau und rechnet mit seinen Vorgängern ab. Die Aktie aber fällt weiter.

Glamour und St. Gallen – das ist nicht die Welt von Christian Sewing. Der Chef der Deutschen Bank kommt aus Ostwestfalen, wo Pumpernickel statt Kaviar auf den Tisch kommt, wo es mit Bielefeld nur einen zweitklassigen Fußballverein, aber erstklassige Mittelständler gibt. Sewings Vater hatte eine kleine Druckerei und ließ ihn erst studieren, nachdem der Junge eine Ausbildung gemacht hatte. Erstmal was Ordentliches lernen, war die Devise. Und als Studium musste das berufsbegleitende an der Bankakademie reichen.

Inzwischen ist aus dem Bielefelder Bank-Lehrling der Chef der größten deutschen Bank geworden – und die will er nun mit einem radikalen Umbau aus der Krise führen: Schluss mit dem Spielcasino, zurück zu den Wurzeln. Vor 149 Jahren wurde die Bank gegründet, um Mittelständler ins Ausland zu begleiten. Darum soll es wieder gehen, nicht um wilde und dunkle Geschäfte.

Der Ostwestfale ist bedächtig, Doch wenn er sich eine Meinung gebildet hat, verliert er keine Zeit. Schon am Tag eins nach der historischen Aufsichtsrats-Sitzung schickte die Bank Mitarbeiter nach Hause, die ersten von 18.000, die gehen müssen. In Asien begann die Kündigungswelle am Morgen, berichtet die Agentur Reuters: In Hongkong und Singapur wurden ganze Teams vor die Tür gesetzt. „Die halbe Etage ist weg und die anderen warten nur darauf, dass sie einbestellt werden“, sagte ein Aktienhändler in Hongkong. Er sei zusammen mit anderen Kollegen direkt aus dem Gebäude geführt worden. „Einer nach dem anderen wird in einen Konferenzraum gebeten, bekommt nach Gesprächen mit Personalern einen Umschlag gereicht und muss das Gebäude verlassen“, sagte ein anderer. Auch in London und den USA begann der Kahlschlag. In London, wo die Bank 8000 Beschäftigte hat, werden Hunderte Kündigungen erwartet.

Die Deutsche Bank hatte am Sonntag den Abbau von weltweit 18.000 Arbeitsplätzen angekündigt, damit fällt jede fünfte Stelle weg. „Wir wissen, dass dahinter Menschen und Schicksale stehen“, schreibt Sewing nun in einer Nachricht an alle Mitarbeiter. „Wir haben aber keine andere Wahl, als die Transformation konsequent anzugehen.“ Der Vater von vier Kindern dankt „von ganzem Herzen“ den drei Vorständen, die ebenfalls gehen müssen.

Schwerpunkt des Abbaus ist das Investmentbanking, aber auch das Privatkundengeschäft wird betroffen sein. Allein im Zuge der Integration der Postbank sollen 2000 Stellen wegfallen. Zum Abbau in Deutschland will die Bank sich nicht äußern und auch nicht zur Frage, ob es wie bisher ohne betriebsbedingte Kündigungen gehen wird. „Wir werden alles dafür tun, die Einschnitte so verantwortungsbewusst wie möglich umzusetzen“, schreibt Sewing weiter. Im nächsten Schritt werde man die Planungen mit den Arbeitnehmervertretern beraten.

In der Region Deutschland-Nordwest hat die Bank rund 100 Filialen (die größte an der Düsseldorfer Königsallee) und knapp 3000 Mitarbeiter. Und sie hat hier eine lange Tradition als Begleiter von namhaften Unternehmen ins Ausland. Deshalb hofft man in der Region, bei der neuen Unternehmensbank eine zentrale Rolle zu spielen.

Stellen streichen, das konnten auch Sewings Vorgänger. Doch keiner wagte tiefe Schnitte ins Investmentbanking. Für Hilmar Kopper, Rolf Breuer, Josef Ackermann und erst recht Anshu Jain war der Handel mit Wertpapieren und Derivaten der Olymp, das Schwarzbrot-Geschäft mit Mittelständlern und Privatkunden lästiges Übel. Koppers Spruch, 50 Millionen Mark seien Peanuts, war bezeichnend. Dann kamen Finanzkrise, Prozesslawine und die staatliche Regulierung. Später als Konkurrenten erkannte die Deutsche Bank, dass die Goldgräberzeit vorbei war.

Sewing wurde 2012 Chef der internen Revision, 2015 Rechtsvorstand. Er ging mit Eifer und ohne Angst vor großen Tieren ans Werk. Im Rahmen einer Untersuchung verlangte er, auch Mails des damaligen Chefs Anshu Jain einzusehen, wird berichtet. Der soll empört gewesen sein, musste sich aber fügen. Im April 2018 löste Sewing John Cryan ab, der die Bank stabilisiert hatte, aber keinen großen Wurf wagte. Sewing wurde Chef, weil er gerade da war, lästerten manche. Mit seiner Entschlossenheit nun dürfte der 49-Jährige viele überraschen.

In der Botschaft an die Mitarbeiter rechnet Sewing mit seinen Vorgängern ab. „Es geht um eine neue Kultur, eine Kultur, die die Bank und ihre Kunden immer über die Interessen des Einzelnen stellt. Eine Kultur, in der Integrität und Teamarbeit Grundwerte sind. Eine Kultur, die unsere Verantwortung für die Gesellschaft ernst nimmt.“ Davon waren Kopper und Co. weit entfernt.

Analysten begrüßten Sewings Plan, haben aber Zweifel, ob er rechtzeitig kommt. So legte die Aktie am Montag erst zu und drehte dann kräftig ins Minus. Von einem mutigen Schritt sprach die Bank JP Morgan, doch es gebe viele Fragen. Die Verkleinerung von unrentablen Geschäften werde sich positiv auf die Kreditwürdigkeit auswirken, meint die Ratingagentur Moody’s. Aber auch: „Eine nachhaltigere Profitabilität zu erreichen, wird Quartale, wenn nicht Jahre dauern.“

Als leidenschaftlicher Tennisspieler weiß Sewing, dass ein guter Aufschlag nur der Anfang ist. Um das Match zu gewinnen, braucht er Zeit.

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