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Von der Kohle bis zu Opel: Der Niedergang der Ruhr-Industrie

Von der Kohle bis zu Opel : Der Niedergang der Ruhr-Industrie

Kohle, Babcock, Nokia – der Rückzug von Opel aus Bochum ist nur ein weiterer Schritt zur De-Industrialisierung der einst so stolzen Region, des Ruhrgebiets. Und das wird zunehmend auch ein Problem für die SPD.

Kohle, Babcock, Nokia — der Rückzug von Opel aus Bochum ist nur ein weiterer Schritt zur De-Industrialisierung der einst so stolzen Region, des Ruhrgebiets. Und das wird zunehmend auch ein Problem für die SPD.

Wenn Opel 2016 sein Autowerk in Bochum schließt, werden Tausende Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren: bei Opel, in den Zulieferbetrieben, im Handel rundherum. Das ist ein neuer Schlag für eine Region, die einst das Kraftzentrum der deutschen Wirtschaft war und seit nunmehr 40 Jahren an Schwindsucht leidet. "Land der tausend Feuer" nannten sie einst in Anspielung auf die Hochöfen und Kokereien das Revier. Herbert Grönemeyer sang von der Kohle als dem "Grubengold, das uns wieder hochgeholt". Das ist lange vorbei.

Allein im Bergbau sind seit den 1950er Jahren rund eine halbe Million Arbeitsplätze verloren gegangen, viele von ihnen anspruchsvoll und gut bezahlt. Zum Jahresende schließt das Bergwerk West in Kamp-Lintfort. Damit sind von den einst über hundert Zechen im Ruhrgebiet nur noch Auguste Victoria in Marl und Prosper Haniel in Bottrop übrig geblieben, die im Jahr 2015 beziehungsweise 2018 schließen.

Aber auch die Feuer in den Hochöfen gehen mehr und mehr aus. Denn auch in China, Indien und anderen Ländern der Welt kann man längst hochwertigen Stahl herstellen — und das oft günstiger. Aus den vielen Stahlkrisen der Vergangenheit retteten sich die Konzerne erst durch Zusammenschlüsse und Werksschließung.

Zechen-Sterben begann in den 60ern

Das Aus 1987 für das Stahlwerk Duisburg-Rheinhausen markierte dabei nur einen Höhepunkt. Der Mann, der die Werkschließung damals trotz eines der härtesten Arbeitskämpfe der Geschichte durchsetze, war Gerhard Cromme. Ihm, der heute als Aufsichtsrats-Chef bei ThyssenKrupp die Strippen zieht, trauen viele zu, dass er auch das Stahlwerk in Duisburg verkauft, falls das zum Überleben des angeschlagenen Konzerns notwendig ist. Fünf Milliarden Euro Jahresverlust und ungelöste Probleme in Brasilien und USA müssen schließlich bewältigt werden.

Nun sind Bergbau- und Stahlkrise alte Begleiter im Revier. Das Zechen-Sterben hatte schließlich schon in den 1960er Jahren begonnen. Doch auch mit dem Versuch, neue Industrien anzusiedeln, hatte die Region nicht viel Glück — jedenfalls nicht auf Dauer.

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1962 lief in Bochum der erste Kadett vom Band, und die Region glaubte die Zukunft sicher. In seinen besten Zeiten beschäftigte das Opel-Werk 20.000 Mitarbeiter. Doch am Gängelband der amerikanischen Mutter, die Opel den Zugang zum Weltmarkt versperrte, und geführt von teilweise schlechten Managern hatte Opel Bochum auf Dauer keine Chance.

So ging es auch anderen stolzen Konzernen. Die Klöckner-Werke wurden zu einer Firmenhülle, die Spekulanten nutzen. In der silbernen Klöckner-Trutzburg hinter dem Duisburger Hauptbahnhof findet heute nichts mehr statt, was mit Stahl zu tun hat. Der Maschinenbauer Babcock Borsig, einer der größten Arbeitgeber in Oberhausen, wurde von einem größenwahnsinnigen Vorstand in die Insolvenz geführt.

Die MAN, die aus der Gutenhoffnungshütte hervorging, zog nach München und kämpfte mit Korruptionsskandalen. Hinzu kamen die Fehler der Landespolitik. Anstatt neue Investoren durch eine gute Infrastruktur (Köpfe, Straßen, Steuern) anzulocken, versuchte man lange, das Alte mit Hilfe der WestLB zu erhalten. So wurde kostbare Zeit vertan, wurden Milliarden Steuergeld verschwendet. Gut gemeint ist eben meistens das Gegenteil von gut, das gilt vor allem für Subventionen. Sichtbarstes Beispiel hierfür war die Ansiedlung des Handy-herstellers Nokia in Bochum.

Die A40 als "Sozialäquator"

Obwohl Kritiker von Anfang an warnten, wie sich die schlichte Arbeit des Handy-Zusammenschraubens im Hochlohnland Deutschland rechnen soll, flossen über 90 Millionen Euro Fördergeld. Nokia blieb ein paar Jahre, 2008 schlossen die Finnen das Werk und zogen weiter ins günstigere Rumänien. Wieder hatte Bochum 2300 Arbeitslose mehr.

Auch der hilflose Versuch der Landeswirtschaftsminister aller Farben, "Cluster" zu bilden, misslang. Ein Unternehmen siedelt sich doch nicht deshalb in Gelsenkirchen an, weil hier ein Minister das Cluster Gesundheitswirtschaft ausgerufen hat. "Viel erreicht, wenig gewonnen", lautet auch das Fazit von vier Bochumer Professoren um Jörg Bogumil über den Strukturwandel im Revier. Sie loben die starke Hochschul- und Forschungslandschaft und das ganz neue Kulturangebot. Und in der Tat sind Zechen, die wie der Essener Zollverein zum Museum wurden, Attraktionen. Oder Stahl-Brachen wie in Oberhausen, auf denen 2003 die Rolling Stones vor 63.000 Fans spielten.

Doch von Events allein kann eine Region, in der 5,3 Millionen Menschen wohnen, nicht leben. Die Forscher warnen davor, im Ruhrgebiet schon wieder den Phönix zu sehen, der mit Leichtigkeit seiner Asche entsteigt: "Man kann den Eindruck gewinnen, der Phönix sei eher ein Ikarus, der abstürzt, wenn er sich zu hoch hinaufschwingt."

Heute teilt mit der Autobahn 40 ein "Sozialäquator" das Revier, wie der Sozialforscher Volker Kersting formuliert. In den Städten nördlich davon sind Arbeitslosigkeit und Migrantenquote besonders hoch, Lebensdauer und Einkommen besonders niedrig. Gelsenkirchen und Duisburg haben stets die höchsten Arbeitslosenquoten in Westdeutschland. Viele Städte sind pleite und haben so gar keinen Ersatz finden können für die weggebrochene Industrie.

Nur noch 30 Prozent in Industrie und Bergbau

In den 1960er Jahren waren 70 Prozent der Menschen im Revier in Bergbau und Industrie beschäftigt, heute sind es keine 30 Prozent mehr. Die Entwicklung ist auch für die Sozialdemokraten ein Problem. Lange Zeit gehörte das zusammen: WestLB, Industriepolitik, Wähler, SPD.

Dortmund galt über Jahre als Herzkammer der Partei. Doch in dem Maße, wie der klassische Industriearbeiter verschwindet, verschwindet auch eine Gruppe potenzieller SPD-Wähler. Hinzu kommt: Die Verlierer des Strukturwandels, die Langzeitarbeitslosen, wählen seit den Hartz-Reformen oft lieber die Linkspartei — oder gehen gar nicht mehr zur Wahl.

Ralf Rothmann, der große Dichter über das Revier, hat es in seinem Buch "Wäldernacht" besonders gut eingefangen: "Unter Tage ist es immer dunkel, immer Nacht. Du legst dich krumm und rackerst dich ab, und am Ende reicht es wieder nur für Margarine." Was der Bergmann hier über seine Arbeit sagt, gilt am Ende auch für das Revier.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dezember 2012: Opel-Belegschaftsversammlung in Bochum

(RP/das)