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Claus Weselsky: Der meistgehasste Gewerkschafter

Claus Weselsky : Der meistgehasste Gewerkschafter

Claus Weselsky, der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, hat in diesen Tagen nahezu die gesamte Republik gegen sich aufgebracht. Porträt eines machtbewussten Mannes mit klarem Ziel.

"Es ist beeindruckend, Macht zu haben", gab Claus Weselsky jüngst in einem Interview mit der "Welt" zum Besten. Und genau darum geht es dem Mann aus Sachsen, der als Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) die Republik drangsaliert. Er will Macht, mehr Macht. Weselsky möchte seinen Einfluss beim Bahn-Personal auf Teufel komm raus ausbauen. Die Vertretung der Lokführer allein reicht ihm nicht mehr aus.

Dass er dabei zu einem der meistverhassten Gewerkschafter der Republik aufsteigt, scheint ihm egal zu sein. Gern gibt sich der 55-Jährige in Talkshows unerbittlich. Das Wohl Tausender Ferienreisender, Pendler und der deutschen Wirtschaft muss zurückstehen hinter seinen Bedürfnissen - und denen seiner Mitglieder. Seine abfälligen Aussagen über Behinderte dürften ebenfalls nicht zu seiner Popularität beigetragen haben. Zumindest entschuldigte er sich später dafür.

Der gebürtige Dresdener hat eine mustergültige Bahngewerkschafter-Karriere hingelegt: Ausbildung zum Schienenfahrzeug-Schlosser, später der Aufstieg zum Lokführer. Mit erreichen der Volljährigkeit nahm er im Führerstand von E- und Dieselloks Platz. Doch nach der Wende schien dem geschiedenen Vater eines erwachsenen Sohnes die Zeit reif für einen beruflichen Wechsel: Weselsky war mit dabei, als die GDL nach dem Ende der DDR in den Osten expandierte. Die Leitung der Ortsgruppe im malerischen Pirna - nur unweit von Dresden entfernt - reichte dem Ehrgeizling schnell nicht mehr aus. Sein Aufstieg bis in die Frankfurter Gewerkschaftszentrale erfolgte in einem atemberaubenden Tempo. 2002 wurde er in die Tarifabteilung des Bundesvorstands berufen.

Aus heutiger Sicht ist es nahezu unvorstellbar, dass es lange Zeit sogar aussah, als gehöre Weselsky zu den vernünftigen Stimmen innerhalb der GDL. Das war unmittelbar im Anschluss an die große Streiksaison 2007/08. Damals hatte die Gewerkschaft noch unter dem Vorsitz von Manfred Schell eindrucksvoll demonstriert, wozu nur ein paar Hundert Lokführer in der Lage sind: Über mehrere Monate lang rief die Mini-Gewerkschaft immer wieder zu Arbeitskämpfen bei der Deutschen Bahn auf und ging am Ende als Sieger vom Platz - mit einem eigenen Tarifvertrag für die Lokführer.

Die Republik atmete auf, als die Dauerstreiks endlich vorüber waren und deren markantestes Gesicht, Manfred Schell, sich vom Konflikt ermattet von der GDL-Spitze zurückzog. Unter der Führung Claus Weselskys, so die Hoffnung vieler Beteiligter, würde sich die Lage beruhigen. Und tatsächlich wurde die Stimmung bei den Verhandlungen besser. Die Zahl der Streiks ging zurück. "Man kann die Ära Schell nicht einfach so fortsetzen", hatte Weselsky bei seinem Antritt scheinbar bescheiden verkündet - aus heutiger Sicht klingt das wie Hohn.

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Der Startschuss für den neuen, aggressiveren Stil des GDL-Chefs Weselsky fiel spätestens 2010. Damals kippte das Bundesarbeitsgericht den bis dahin geltenden Grundsatz der Tarifeinheit. Dieser besagt, dass es pro Unternehmen nur einen Tarifvertrag geben kann. Das sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, urteilten die Richter. Es war nicht weniger als die Legitimation für die Arbeit der mächtigen Mini-Gewerkschaften wie Ufo (Flugbegleiter), GdF (Flugsicherung), Vereinigung Cockpit (Piloten), Marburger Bund (Ärzte) und eben auch der GDL.

Das Urteil war für Weselsky allerdings Chance und Risiko zugleich. Die Wirtschaft schrie Zeter und Mordio, warnte vor den berüchtigten britischen Verhältnissen und verlangte nach einem Eingriff der Politik. Ähnlich agierte der Deutsche Gewerkschaftsbund, der schwindenden Einfluss fürchtete. Doch vonseiten der Politik kam lange Zeit nichts - auch wenn Weselskys Parteifreundin, Kanzlerin Angela Merkel (CDU), nie müde wurde, auf Unternehmertagen ein Gesetz für die Tarifeinheit in Aussicht zu stellen. Nur Taten blieb sie schuldig.

Das kam Weselsky gelegen. Der wartete lauernd ab, bis der Grundlagen-Tarifvertrag bei der Deutschen Bahn auslief. Darin waren die Zuständigkeiten klar geregelt: Die GDL verhandelt für die Lokführer, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft für die übrige Belegschaft. Seit diese Regel nicht mehr gilt, bläst Weselsky zum Sturm. Die GDL will nun auch das übrige Personal vertreten. Seitdem ist das Personal im Konzern gespalten. Was das Kalkül des Mannes mit dem markanten Schnäuzer ist? Durch Kampfeswillen Mitglieder für die GDL gewinnen. Tatsächlich ist es wohl das letzte Aufbäumen, bevor die Politik Wort hält und die Tarifeinheit per Gesetz zementiert. Und wahrscheinlich ist es nicht zuletzt seine Lust an der Macht.

(maxi)