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Der lange Abschied vom Bergbau

Industriegeschichte : Der lange Abschied vom Bergbau

Am heutigen Freitag schließt mit Prosper Haniel die letzte deutsche Zeche. Es ist das Ende einer Ära, die mit dem sagenhaften Schweinejungen an der Ruhr begann. Es ist eine Geschichte von Krieg und Frieden, von Milliarden-Subventionen, von Arbeitskampf und Bergarbeiter-Stolz.

Er war der ganze Stolz des deutschen Bergbaus: der 80 Tonnen schwere und 16 Meter lange Walzenschrämlader. Tag und Nacht fuhr er durch die 380 Meter langen Strebe und schnitt Kohle aus den schwarzglänzenden Flözen. Hier, 1200 Meter unter der Kirchheller Heide im nördlichen Ruhrgebiet, wo Bergleute die letzte Steinkohle aus der Erde holten, bis zu 4000 Tonnen am Tag. Doch nun liegt er da wie das Skelett eines mächtigen Tieres: Schienen und Maschinenschlitten liegen im Staub. Walzen, Schneidezähne und Antriebskette sind schon abgebaut und zu Tage gebracht. Kein Krach mehr, kein Staub, keine Produktion. Schon sechs Wochen, bevor die Zeche Prosper-Haniel endgültig schließt, herrscht unter Tage Friedhofsatmosphäre. Ab und zu kommen Bergleute vorbei – Steiger mit weißem Helm, Elektriker mit blauem. „Glückauf“, grüßen sie, oft auch nur „auf“. Doch Kohle holen sie nicht mehr rauf, nur noch Material und Maschinen. „Wir haben hier bis zum Schluss zu tun und hinterlassen die Gruben ordentlich“, sagt Reviersteiger Holger Stellmacher, seit 34 Jahren ist er im Bergbau.

Bis zum Schluss sind die Männer (Frauen gibt es bis heute nur ausnahmsweise) in vier Schichten pro Tag eingefahren. Haben ihre Freizeitkleidung in der Weißkaue abgelegt und mit Ketten unter die Decke gezogen. Haben die Bergmannskleidung angezogen: dicke Baumwolle, die sich nicht elektrisch auflädt, damit sie bei Funkenschlag keine Methangasexplosion auslöst (die gefürchteten „schlagenden Wetter“). Haben Grubenlampen angelegt und CO-Filter für den Notfall. (3,5 Kilogramm Ausrüstung trägt jeder Bergmann mit sich herum und gerne Schnupftabak. Rauchen ist unter Tage ebenso streng verboten wie Handys.) Sind nach acht Stunden wieder ausgefahren und haben sich in der Schwarzkaue den Kohlenstaub vom Körper gewaschen.

Reviersteiger Holger Stellmacher in der Lampenstube von Prosper Haniel. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Der Bergbau wickelt sich selbstbewusst ab. Dazu gehört es auch, möglichst viel zu demontieren. „Kunststoffe, Leuchtstoffröhren, Maschinenöl – alles was umweltgefährlich ist oder verkauft werden kann, holen wir wieder hoch“, sagt Stellmacher. Der Rest aber – fest eingebauter Stahl und Betonplatten – bleibt unter der Erde und wird dort versinken in der Dunkelheit. Versinken wie vor Millionen Jahren im Sumpf die Bäume, aus denen die Steinkohle einst entstand.

Verglichen damit war die Zeit kurz, in denen Menschen Kohle abbauten. Die Sage erzählt es so: Im Mittelalter hütete ein Junge Schweine bei Wetter an der Ruhr. Abends zündete er ein Feuer an. Das Holz brannte runter, doch schwarze Steine rund um die Feuerstelle brannten und wärmten ihn bis zum Morgen. Der Junge hatte die Steinkohle entdeckt, die an der Ruhr bis an die Oberfläche reicht. Zunächst wurde sie im wilden Tagebau herausgeholt. Richtig los ging es 1834, als Franz Haniel in Essen die wasserundurchlässige Mergelschicht durchbohrte und den ersten Tiefbauschacht anlegte. Von da an bohrte der Bergbau immer tiefer und zog weiter nordwärts. Denn die mächtigen Flöze senken sich tief hinab, unterqueren die Nordsee, um in Großbritannien wieder aufzusteigen.

Werner Müller war RAG-Chef und schrieb die Blaupause für den Kohleausstieg. Foto: ddp, ddp

Kohle wurde zum Treibstoff der Industrialisierung. Eisenbahnen und Dampfmaschinen liefen mit Kohle. Zugleich wurde sie zum Treibstoff für Kriege. Und spielte bei den Friedensverhandlungen 1918 wie 1945 eine zentrale Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg erklärten die Alliierten das Ruhrgebiet zur entmilitarisierten Zone. Als Deutschland 1923 seine Reparationen nicht zahlte, besetzten die Franzosen kurzerhand das Ruhrgebiet und marschierten mit 60.000 Soldaten ein. Das schwarze Gold war mehr wert als Säcke voll Reichsmark.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war man schlauer. Kohle sollte nicht länger Kriegsgrund sein, sondern Friedensprojekt werden. 1952 gründeten die Erzfeinde Frankreich und Deutschland mit den Beneluxstaaten und Italien die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“, die Keimzelle der EU. Die Staaten vereinbarten, einander Kohle und Stahl zu liefern, ohne Zoll zahlen zu müssen. Am 9. Mai 1950 hatte der französische Außenminister Robert Schumann den Anstoß für die Montanunion gegeben: „Die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion wird die Bestimmung jener Gebiete ändern, die lange Zeit der Herstellung von Waffen gewidmet waren.“ Kohle als Friedensstifter – noch heute ist der 9. Mai Europatag.

Steinkohle lieferte auch den Treibstoff für Wirtschaftswunder und soziale Marktwirtschaft. „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt“, sang Herbert Grönemeyer in der Hymne an seine Heimatstadt Bochum. Der Zweite Weltkrieg hatte zwar die Städte zerstört, doch viele Anlagen unter Tage waren intakt geblieben. So konnte die Förderung im Revier rasch hochgefahren werden. Die Arbeit war hart, Lebensmittel nach dem Krieg rationiert, Bergleute aber bekamen 1000 Kalorien mehr am Tag. Das machte den Bergbau als Arbeitgeber attraktiv, und das blieb er auch später.

Auf dem Höhepunkt 1957 beschäftigte der deutsche Bergbau 600.000 Menschen und lieferte 125 Millionen Tonne Steinkohle ab. Die Bergwerksdirektoren konnten vor Kraft kaum laufen – und erkannten nicht, dass das Aufkommen des Erdöls alles änderte. Disruption würde man es heute nennen. „Erdöl wurde schlagartig zur existenziellen Bedrohung. Es war preiswert, in großen Mengen verfügbar, ließ sich leicht transportieren und hatte einen anderthalb mal höheren Brennwert als Kohle“, schreiben Frank Jochims und Christoph Oboth in ihrer „Kleinen Geschichte des Bergbaus“. Zugleich ermöglichte die Herstellung neuer Schiffe den billigen Transport von Importkohle. Ausgerechnet in dieser Lage erhöhte der deutsche Bergbau die Preise.

Schon 1958 kam es zu Entlassungen, 1959 begann das Grubensterben, binnen zehn Jahren schlossen in NRW 78 Zechen. Deutsche Kohle war auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig, ab 1962 war man auf Subventionen angewiesen. Die Wirtschaftskrise 1966 verschärfte die Lage. Im Ruhrgebiet kam Unruhe auf, zumal auch der Stahl in der Krise war. „Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, um zu löschen", warnte Rainer Barzel, damals CDU-Fraktionschef.

1968 wurde die Ruhrkohle AG gegründet, in der 52 deutsche Bergwerke mit 180.000 Mitarbeitern aufgingen. Es war eine Art „Bad Bank“, die die unrentablen Bergwerke auffing und die Zechenstilllegungen in geordnete Bahnen lenkte. Am Ende dauerte dieser Prozess 50 Jahre – bis es nun am 21. Dezember auf Prosper-Haniel heißt: „Letzte Seilfahrt.“

Glatt lief der Prozess nicht. Dazu ging es um zu viele Menschen und zu viel Geld. Heute kostet eine Tonne Steinkohle auf dem Weltmarkt 86 Euro, made in Bottrop kostet sie 160 Euro. 120 Milliarden Euro hat der deutsche Steuerzahler über die Zeit an Subventionen gezahlt. Lange war die Gesellschaft bereit, das zu tragen.

Werner Müller, ab 2003 Chef des Zechenkonzerns RAG und später Chef der RAG-Stiftung, sagte es mal so: „50 Jahre Kohlesubvention kosten weniger, als uns heute drei Jahre Ökostromförderung kosten. Zudem ging es um eine Sicherheitsprämie für Deutschland. Man darf nicht vergessen: Über Jahrzehnte herrschte Kalter Krieg, die Ölkrise kam dazu.“ Mitte der 60er-Jahre habe die Region vor dem Kollaps gestanden, so Müller. „Hätte man damals nicht politisch gehandelt, hätten 400.000 Bergleute ihre Arbeit verloren.“

Erst zahlten Stromkunden die Subvention („Kohlepfennig“), nach einem Veto des Verfassungsgerichts mussten die Steuerzahler ran. Als Kanzler Helmut Kohl 60.000 Jobs streichen wollte, bildeten 220.000 Menschen am 14. Februar 1997 ein 93 Kilometer langes „Band der Solidarität“ durch das Revier, von Neukirchen-Vluyn bis Kamen, begleitet vom Geläut der Kirchenglocken. Am Ende lenkte Kohl ein, und man fand einen Kompromiss bis 2005. Dann ging es in eine neue Runde. Denn das Grundproblem war nicht gelöst – bis Werner Müller die Blaupause für den sozialverträglichen Ausstieg schrieb. Nach langen, hitzigen Verhandlungen stimmten Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft zu.

2007 unterzeichnete Bundespräsident Horst Köhler das Steinkohlefinanzierungsgesetz, das den Weg der letzten acht Zechen in die Stilllegung und den Abbau von 34.000 auf 600 Stellen begleitete. Das war – bei großzügigen Vorruhestandsregeln (Bergleute können mit 49 Jahren gehen) – binnen elf Jahren möglich. So ergab sich 2018 als Ausstiegsdatum. Noch heute ist Müller stolz darauf: „Wir werden das Steinkohlekapitel beenden, ohne dass je ein Kumpel ins Bergfreie fällt.“ Möglich wurde das auch, weil die Gewerkschaft IG BCE nicht dogmatisch an der Kohle festhielt, sondern für die Abfederung kämpfte. Abgesehen von der EU-Kommission, die plötzlich schon 2014 den Stecker ziehen wollte, hielten alle Wort. Müller sagt es so: „Ich bin im Bergbau noch nie beschissen worden.“

Ein so schneller, friedlicher Ausstieg war nicht selbstverständlich: In England ließ Margaret Thatcher nach dem hartem Bergarbeiterstreik 1985 den Bergbau ausbluten und Regionen in Armut gleiten.

Blieben die Ewigkeitslasten: Die RAG muss auf ewig Wasser im Ruhrgebiet pumpen – um zu verhindern, dass tiefliegende Städte wie Essen versinken und salziges Grubenwasser bis zum Grundwasser ansteigt. Denn seit Haniel wurde die Mergelschicht durchlöchert wie Käse. Müllers Lösung hierfür hieß RAG-Stiftung. In diese brachten die Eigentümer der RAG, die Konzerne Eon, RWE, Thyssenkrupp und ArcelorMittal, ihre Anteile für einen Euro ein und wurden im Gegenzug die Ewigkeitslasten los. Finanziert wird die Stiftung durch die profitablen Teile des RAG-Konzerns, die Müller in die spätere Evonik abspaltete. Bald konnte er feststellen: „Die Stiftungslösung funktioniert, der Steuerzahler muss nicht einspringen.“

2012 endete nach einem Beben der Bergbau im Saarland. Am 21. Dezember nimmt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bottrop die letzte Kohle in Empfang. Die Flöze unter dem Ruhrgebiet reichen zwar noch für 40 Jahre. Doch nun kommt der Deckel drauf: Die Schächte werden mit Massen an Beton verfüllt, Strecken und Strebe dem Einsturz überlassen. Ein Bergwerk, das geschlossen ist, kann man wegen der unberechenbaren Einstürze nicht wieder öffnen.

Der Walzenschrämlader von Prosper-Haniel geht ins Bergbau-Museum nach Bochum, Holger Stellmacher wie viele Bergleute in den Vorruhestand. Der Steiger kommt nicht mehr, nirgends. „Es tut weh, dass der Bergbau nun Geschichte wird“, sagt der 50-Jährige. Und ist doch stolz darauf, dass er am letzten Kapitel dieser Industriegeschichte mitgeschrieben hat.

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