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Übernahmeschlacht gegen Schaeffler: Der dicke Fisch, der Conti heißt

Übernahmeschlacht gegen Schaeffler : Der dicke Fisch, der Conti heißt

Hannover (RPO). Fünf Wochen lang hat er gekämpft, doch jetzt hat Continental-Chef Manfred Wennemer verloren. Erst baute er den Reifenhersteller zum Weltkonzern aus, dann wurde ihm der Übernahmehunger zum Verhängnis. Nun hat die Schaeffler-Gruppe den dicken Fisch an der Angel und erntet dafür von allen Seiten Applaus. Wennemer gab unterdessen seinen Rücktritt bekannt.

Die Schaeffler-Gruppe hatte sich leise herangepirscht. Niemand, nicht einmal die Börsenaufsicht und schon gar nicht Conti selbst, ahnten von den Plänen des Autozulieferers aus dem Fränkischen. Plötzlich gab es einen Knall, der den Conti-Oberen ins Mark fuhr. Schaeffler platzierte ein öffentliches Übernahmeangebot in Höhe von 70,12 Euro. Das Unternehmen hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits über eigene Anteile, Optionen und sogenannte Swap-Geschäfte 36 Prozent der Anteile gesichert.

Conti wusste es noch nicht, aber der Fisch hing bereits am Haken. Und es war ein dicker, aber etwas kränkelnder Fisch, den sich die deutlich kleinere Schaeffler-Gruppe geangelt hatte. Conti hatte gerade eine Phase außerordentlichen Erfolgs hinter sich. Wennemer hatte den Reifenhersteller seit seinem Amtsantritt zum Hightech-Konzern und einem der weltweit größten Autozulieferer umgebaut. Mit rigorosen Sparmaßnahmen, darunter der Schließung unrentabler Werke und der Verlängerung der Arbeitszeiten, steigerte er Jahr für Jahr den Profit des Unternehmens, produzierte Rekordergebnisse in Serie.

An VDO überfressen

2004 kürte ihn das "Manager Magazin" Wennemer zum Manager des Jahres und er avancierte immer mehr zum Liebling der Börse. 2006 übernahm Conti die Autoelektroniksparte des US-Konzerns Motorola. Im Juli vergangenen Jahres erreichte der Kurs der Conti-Aktie fast 110 Euro. Doch dann verkündete Wennemer die Übernahmen von Siemens VDO.

Durch den Kauf der Siemens-Tochter wurde Continental mit mehr als 150.000 Beschäftigte der viertgrößte Autozulieferer der Welt. Vom Jahresumsatz des Konzerns von mehr als 26 Milliarden Euro entfällt mittlerweile nur noch ein gutes Drittel auf Reifen und andere Kautschukprodukte.

Der von Wennemer über Jahre hin konsequent betriebene Umbau zum Hightech-Zulieferer der Autoindustrie hatte aber einen hohen Preis. Der letzte Conti-Quartalsbericht wies Netto-Finanzschulden von 11,2 Milliarden Euro aus. Die Conti-Aktie verlor an Wert, notierte zeitweise mit nur noch etwa der Hälfte des Spitzenkurses. Das ermöglichte letztlich erst die feindliche Übernahme durch Schaeffler. Der dicke Fisch hatte sich überfressen, auch wenn die allgemeine Börsenflaute, die Finanzmarktkrise und der Anstieg der Rohstoffpreise das Geschäft belasteten.

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Verzweifelter Abwehrkampf

Nach dem Angebot von Schaeffler wollte Conti nicht klein beigeben. Die Offerte wurde vom Vorstand zurückgewiesen, nach einer Giftpille und einem weißen Ritter gesucht. Geholfen hat es nichts. Nach und nach bröckelte die Abwehrfront, die durch öffentliche Zugeständnisse von Schaeffler zusätzlich aufgeweicht wurde.

Zuletzt erhöhte Schaeffler den Angebotspreis von 70,12 Euro auf 75,00 Euro je Continental-Aktie. Darüber hinaus sagte das Herzogenauracher Unternehmen zu, seinen Anteil an Conti innerhalb der nächsten vier Jahre auf bis zu 49,99 Prozent zu beschränken, wie die Unternehmen am Donnerstag mitteilten.

Das Familienunternehmen sicherte außerdem zu, gegen den Willen von Conti keine Veränderungen bei Unternehmensform, Firmensitz und Konzernzentrale vorzunehmen. Das gilt auch für die Börsennotierung, die Dividendenpolitik, die Geschäftsbereiche und eine Erhöhung des Verschuldungsgrads. Schaeffler gleicht zudem mögliche steuerliche Nachteile oder negative Folgen für Finanzierungsverträge von Conti bis zu 522 Millionen Euro aus. Der Autozulieferer sprach von einem akzeptablen Gesamtpaket. Es enthalte "eine spürbar höhere Gegenleistung."

Schröder wahrt Conti-Interessen

Zum Schutz der Interessen der Arbeitnehmer verpflichtete sich Schaeffler, ohne Zustimmung des Conti-Vorstands nichts zu unternehmen, was auf eine Änderung von Betriebsvereinbarungen, tarifvertraglichen Vereinbarungen oder die Mitbestimmung abzielt. Bestehende Rechte von Mitarbeitern, Betriebsräten und Gewerkschaften würden respektiert. Als Garant für die Wahrung der Interessen von Continental soll Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder über die Einhaltung der Vereinbarung wachen. Sie ist unbefristet und kann den Angaben zufolge frühestens im Frühjahr 2014 gekündigt werden.

Die Unternehmen wollen nun so schnell wie möglich Kooperationsmöglichkeiten prüfen, insbesondere im Bereich der Antriebstechnik (Powertrain). Durch den Vereinbarung "schaffen wir die Kombination zweier deutscher Technologieführer, die innovative Lösungen für die künftigen Herausforderungen der Automobilindustrie liefern wird", erklärte Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger.

Applaus von allen Seiten

Arbeitnehmervertreter im Conti-Aufsichtsrat begrüßten das Ende der Übernahmeschlacht. "Die Zeit der Unsicherheit und Unklarheit ist vorüber, jetzt gilt es den Blick nach vorn zu richten", sagte der stellvertretende Aufsichtsratschef und IG-BCE-Vorstandsmitglied Werner Bischoff.

Der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht in der Einigung einen "sinnvollen und zukunftsweisenden Deal" für die gesamte deutsche Autoindustrie. Die Vereinbarung habe nur Gewinner, sagte der Direktor des Center of Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen am Donnerstag und fügte hinzu: "Das ist ein großer und wichtiger Schritt."

Und Wennemer: Er hat gekämpft und verloren. Die Konsequenzen zog er mit seinem Rücktritt selbst. Conti will kurzfristig einen Nachfolger bestellen. Laut "Manager Magazin" soll der jetzige Technologie-Vorstand Karl-Thomas Neumann den Posten übernehmen.

Hier geht es zur Infostrecke: Der Conti-Krimi