Datenskandal um Facebook: Im Kreuzfeuer der Kritik

Datenskandal: Facebook im Kreuzfeuer der Kritik

Je größer das als Dating-Plattform gegründete soziale Netzwerk wurde, desto gewaltiger wurden die Visionen. Doch statt die Welt zu verbinden, spaltet Facebook nun die Gesellschaft.

Je größer das anfangs als Studenten-Plattform gegründete soziale Netzwerk wurde, desto gewaltiger wurden die Visionen. Doch statt die Welt zu verbinden, spaltet Facebook nun die Gesellschaft.

Der Mann, dessen Geschäftsmodell das öffentliche Zurschaustellen des Privatlebens ist, mag es diskret. Deshalb kaufte Mark Zuckerberg kurzerhand vier Häuser samt Grundstück, die an sein eigenes Heim angrenzten. So berichteten es US-Medien vor einigen Jahren.

Nun ist das per se nichts Ungewöhnliches für einen der reichsten Menschen der Welt, zu denen der Facebook-Gründer mit einem Vermögen von geschätzt rund 60 Milliarden Euro zählt. Viele von ihnen leben zurückgezogen. Doch Facebook ist nicht irgendein Konzern: Tag für Tag sammelt er Millionen Informationen seiner Nutzer; welche Fotos sie teilen, wem sie schreiben, welche Kontakte sie im Telefonbuch gespeichert haben, um ihnen dann passende Werbung zu zeigen. Das Geschäftsmodell von Facebook ist der Mangel an Diskretion seiner Nutzer.

Dieses Modell gerät ins Wanken. Der Skandal um Cambridge Analytica, das mit 50 Millionen über das soziale Netzwerk gewonnenen Datensätzen US-Wähler beeinflusst haben soll, bringt Facebook in Bedrängnis. Denn man wusste seit mehr als einem Jahr davon, mahnte, aber unternahm ansonsten nichts.

Denn ausgerechnet das soziale Netzwerk, das Menschen zusammenbringen will, grenzt sich ab, wenn es um die eigenen Probleme geht. Auch die offenen Räume der Niederlassung am Berliner Potsdamer Platz sind daher eher Fassade als Ausdruck der Unternehmenskultur. "Sie machen nette Partys, aber einen ernsthaften Diskurs über Datenschutzprobleme wollen sie nicht", sagt etwa der Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner (Grüne).

Zuckerberg sprach von "Vollidioten"

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Versuche der Politik, näher an Facebook heranzukommen, doch das gestaltete sich stets mühsam. 2015 etwa lud der Rechtsausschuss des Bundestags Richard Allan vor, den für Europa zuständigen "Politik-Direktor". Anlass waren die neuen Nutzungsbedingungen, die eine umfassendere Speicherung von Daten vorsahen. Allan antwortete den Abgeordneten freundlich, doch schlauer waren sie hinterher nicht. "Mit blumigen Formulierungen ist er allen konkreten Fragen ausgewichen", erinnert sich der CDU-Rechtspolitiker Ansgar Heveling.

Es ist das System Facebook. Zuckerberg schottet sein Unternehmen ab wie sein Zuhause - und das öffentliche Bild wird perfekt inszeniert. So gelang es ihm nicht nur, Milliarden Menschen zu Nutzern zu machen, sondern auch am eigenen Bild zu feilen. Denn das war arg ramponiert, nachdem 2010 der Film "The Social Network" in die Kinos kam.

Der Film über die Anfangsjahre von Facebook, das 2004 als Bewertungssystem für das Aussehen von Frauen an der Harvard Universität startete, zeigt Zuckerberg als Unsympathen, der Mitgründer über den Tisch zog und rücksichtlos eigene Ziele verfolgte. "Vollidioten" seien Leute, die ihr Privatleben freiwillig offenlegen würden, soll er damals gesagt haben.

  • Barley verlangt Aufklärung : Facebook soll Betroffene des Datenskandals informieren

Möglicherweise ein Skandal zu viel

Doch je erfolgreicher Facebook wurde, umso mehr gerieten solche Episoden in Vergessenheit. Stattdessen: Fotos von Zuckerberg und seiner Tochter, Zuckerberg joggt am Brandenburger Tor, Zuckerberg kündigt an, sein Vermögen zu spenden. Ein Mann auf Sympathie-Mission.

Doch selbst die PR-Maschine half nicht, die Probleme des Netzwerks dauerhaft zu überdecken. Es ging um Rassismus und Falschinformationen, die über das Netzwerk verbreitet wurden. Es ging um die Frage, wie die durch Algorithmen erzeugten Filterblasen die Weltsicht der Nutzer verändern. Und immer wieder ging es um den Datenschutz.

Der Verdacht, über Facebook sei die US-Wahl beeinflusst worden, war nun möglicherweise der eine Skandal zu viel. Denn er stellt weniger das Verhältnis von Facebook zu seinen Nutzern auf die Probe als das zu Politik und Werbekunden. Sollten sie sich abwenden, steht Facebooks Geschäftsmodell auf dem Spiel.

Und selbst die Tech-Elite des Silicon Valley geht inzwischen auf Distanz. Lange Zeit herrschte dort die Meinung vor, Technologie werde die Welt zum besseren Ort machen und die Politik sei bei diesem Prozess eher hinderlich sein. Inzwischen hat sich die Wahrnehmung verändert.

"Sei schnell und zerstöre Dinge"

Also löscht Elon Musk öffentlichkeitswirksam die Facebook-Seiten seiner Unternehmen Tesla und SpaceX. Und Apple-Chef Tim Cook fordert härtere Gesetze. Eine kluge Regulierung sei erforderlich, sagte Cook zuletzt: "Mir ist klar, dass ein tiefgreifender Wandel nötig ist."

Auch Mark Zuckerberg gelobte Besserung, als er sich fünf Tage nach Bekanntwerden des Skandals erstmals öffentlich äußerte. Doch die Frage ist, wie ernst es dem 33-Jährigen damit diesmal wirklich ist.

"Move fast and break things" ("Sei schnell und zerstöre Dinge") war früher mal das Unternehmensmotto. Die Demokratie, die viele Politiker durch Facebook in Gefahr sehen, hat er damit wohl nicht gemeint.

(mar, frin)
Mehr von RP ONLINE