1. Wirtschaft
  2. Unternehmen

Commerzbank: Martin Blessing überrascht mit Rücktritt

Commerzbank-Chef : Martin Blessing überrascht mit Rücktritt

Der Abgang von Martin Blessing erwischt den Aufsichtsrat kalt. Die Bilanz des Bankier-Sohns fällt zwiespältig aus.

Der Vater hatte Martin Blessing gewarnt: "Lerne was Anständiges, werde kein Banker." Doch Martin Blessing hörte nicht. Schließlich war sein Großvater als Präsident der Bundesbank erfolgreich, sein Vater selbst hatte es bis in den Vorstand der Deutschen Bank gebracht. Also lernte auch Martin Blessing das Finanzgeschäft und brachte es 2008 bis an die Spitze der Commerzbank. Gestern überraschte er mit der Ankündigung, dass er seinen bis Ende Oktober 2016 laufenden Vertrag nicht verlängert.

"Ich will ein neues Kapitel in meinem beruflichen Leben aufschlagen", erklärte Blessing. "Und ich glaube, dass 2016 ein guter Zeitpunkt für einen Führungswechsel ist." Die Entscheidung sei ihm schwergefallen. "Bank und meine Kollegen sind mir ans Herz gewachsen." Wichtig war ihm aber auch, zu betonen, dass er aus freien Stücken geht: "Ich habe mich über das Angebot einer Vertragsverlängerung und das mir dadurch entgegengebrachte Vertrauen sehr gefreut." Nach langem Nachdenken habe er sich aber entschieden, abzulehnen..

Aufsichtsrats-Chef Klaus-Peter Müller wurde kalt erwischt. Anders als bei Chefwechseln üblich konnte er daher auch keinen Nachfolger präsentieren: "Ich respektiere die Entscheidung und habe hohe Wertschätzung für Blessings Commitment, sich während der verbleibenden Zeit für die Bank hochengagiert einzusetzen. Dies gibt uns die Möglichkeit, einen geordneten Nachfolgeprozess zu gestalten", lautete Müllers gequälte Reaktion.

Die Bilanz von Blessings Amtszeit fällt zwiespältig aus. Der Bremer ist mitverantwortlich dafür, dass die zweitgrößte deutsche Bank in eine existenzielle Krise geriet. Zugleich ging es in jüngster Zeit bergauf.

Martin Blessing sitzt seit 14 Jahren im Vorstand der Commerzbank, seit 2008 als Chef. Und er war einer der Treiber für die Übernahme der Dresdner Bank. An diesem Deal hätte sich die Commerzbank fast verhoben, zumal 2008 die Finanzkrise ausbrach und viele giftige Wertpapiere der Dresdner zu einer schweren Last wurden. Die Commerzbank stand am Abgrund und musste am Ende mit 18 Milliarden Euro Steuergeld gerettet werden. Zeitweise gehörten dem Staat gut 25 Prozent an der "gelben Bank".

  • Frankfurt : Gewinneinbruch bei der Commerzbank
  • Eine Passantin geht an einer Filiale
    Für 2,5 Milliarden Euro : Volkswagen und Europcar einigen sich auf Übernahmedetails
  • Die Logos der Internetkonzerne Facebook und
    Homeoffice-Ende : Google und Facebook lassen US-Beschäftigte nur mit Impfung ins Büro

Auf den Hauptversammlungen warfen die Aktionäre Blessing jahrelang vor, er sei einer der größten Kapitalvernichter. Zu Recht. In der Krise brach der Kurs ein. Später sorgte Blessing mit vielen Kapitalerhöhungen dafür, dass die Aktien weiter verwässert wurden. Die Aktionärsschützer der DSW nannten Blessing den "ungekrönten König der Anteilsverwässerung". Seit 2008 hat die Commerzbank-Aktie 90 Prozent ihres Wertes verloren. Das schafft sonst nur der Energiekonzern RWE.

Blessing musste sich immer wieder neues Geld von den Aktionären holen, weil er es nicht schaffte, genug Gewinne zu machen. Dabei brauchte er Milliarden - um Staatshilfen zurückzuzahlen und das Eigenkapital zu stärken, wie es die Bankenaufsicht forderte, damit die Institute besser gegen neue Krisen gewappnet sind. Weil die Bank lange keine Gewinne einfuhr, gab es seit 2007 auch keine Dividende mehr. Die Commerzbank-Aktie war ein schlechtes Geschäft für Aktionäre. Und der Staat ist noch immer mit 15 Prozent an ihr beteiligt.

Blessing selbst ertrug Kritik und Rücktrittsforderungen mit stoischer Gelassenheit. Marathonläufer war er nicht nur im Sport, sondern auch bei der Arbeit. Er beendete den abenteuerlichen Ausflug der Commerzbank in die Schiff- und Staatsfinanzierung, er wickelte die Hypotheken-Tochter Eurohypo ab. Heute konzentriert sich die Commerzbank vor allem auf die Finanzierung des Mittelstandes und ihre zwölf Millionen Privatkunden. Während Branchenprimus Deutsche Bank in Gerichtsprozessen versinkt, die ihr die Investmentbanker eingebracht haben, backt die Nummer zwei kleine Brötchen und konzentriert sich auf die vermeintlich langweiligen Privatkunden. Dass ihr Werbeträger eine joggende Filialleiterin ist, soll die neue Bodenständigkeit beweisen. Umso ärgerlicher für die Bank. dass vor wenigen Monaten die Steuerfahnder anrückten, es geht wieder einmal um Luxemburger Geschäfte.

Immerhin hat Blessing für 2015 wieder eine kleine Dividende in Aussicht gestellt. Im ersten Halbjahr schaffte die Bank einen Gewinn von 650 Millionen Euro. Wenn's wieder schön ist, sollte man eben gehen.

(anh)