Coca Cola: 1929 wurde die erste Cola in Deutschland abgefüllt

Erste Abfüllung vor 90 Jahren : Wie die Cola nach Deutschland kam

Vor 90 Jahren wurde die erste Coca-Cola in Deutschland abgefüllt. Von Essen aus eroberte die braune Limonade das Land – gleichzeitig wurde die Stadt zum Ort einer der wichtigsten Erfindungen der Firmengeschichte.

Egal ob bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, dem Radrennen „Deutschlandfahrt“ 1937 oder der Propagandaschau „Reichsausstellung Schaffendes Volk“ in Düsseldorf im selben Jahr – die Großartigkeit des Deutschen Reiches lässt sich am besten bei einer eiskalten Cola genießen. Voll des Lobes vermelden die deutschen Statthalter des amerikanischen Brauseherstellers diese Erfolge in der hauseigenen Unternehmenszeitung. Das Deutsche Reich erhebt sich in braunen Uniformen auf zu neuer Größe – und die braune Brause ist dabei.

90 Jahre ist es her, dass der bekannteste Getränkehersteller der Welt aus dem amerikanischen Atlanta über den großen Teich expandierte. Am 8. April 1929 wurde hier in der „Essener Vertriebsgesellschaft für Naturgetränke“ die erste Coca-Cola in Deutschland abgefüllt. Die Wahl fiel nicht zufällig auf die Stadt im Herzen des Ruhrgebiets, immerhin gab es hier, im industriellen Zentrum des Landes, jede Menge Arbeiter, deren Durst man löschen konnte.

Im heutigen Nordrhein-Westfalen begann die Geschichte von Coca-Cola in Deutschland, hier wurde später mit Fanta eines der erfolgreichsten Produkte des Konzerns erfunden und gleichzeitig mit einer Cola-Dose ein Stück Sportgeschichte geschrieben.

Doch der Reihe nach, denn die Geschichte des Unternehmens, das heute als Coca-Cola European Partners Deutschland GmbH firmiert und hierzulande rund 3,8 Milliarden Liter im Jahr absetzt, begann wenig spektakulär in einer Essener Produktionshalle mit einer halbautomatischen Abfüllmaschine, die damals von Josef Ignasiak bedient wurde. „Es war ein bescheidener Anfang“, erinnerte sich dieser vor einigen Jahren.

Denn während die Light-Variante von Coca-Cola heute in der Werbung schon mal von schmucken Männern in Büros voller verzückter weiblicher Fachkräfte vorbeigebracht wird, kam die erste Cola vor 90 Jahren noch ziemlich unspektakulär per Pferdebahn zum ersten Kunden.

Später wurden Flaschen dann auch per Fahrrad ausgeliefert – in einer Art Aktentasche, die mit Zink ausgeschlagen und mit Eiswasser befüllt wurde. Trotz der Lieferung per Kühltasche blieben die Wirte zunächst skeptisch. Viele Kneipen hatten Brauereien als Partner oder waren gar in deren Besitz. Da schenkte man lieber weiter Bier aus, bevor es Ärger gab. Köstlich und erfrischend, wie die Coca-Cola zu sein versprach, war das schließlich auch. Anfangs kauften die Wirte nur zwei, manchmal auch sechs Flaschen. Als einmal 24 Flaschen an einem Tag verkauft wurden, galt das schon als Rekord. Am Ende des Jahres 1929 hatte man knapp 6000 Kisten verkauft.

Schon damals vergab der US-Konzern Konzessionen, statt selbst vor Ort zu produzieren. Nach kurzer Zeit wurde die Limonade daher nicht nur in Essen, sondern auch in Düsseldorf oder Emmerich abgefüllt. 1934 gab es bereits 124 Konzessionäre, die jährlich mehr als 200.000 Kisten im Deutschen Reich vertrieben – aufgereiht ergäbe das eine Strecke von Königsberg bis Köln, heißt es 1939 stolz in einer Sonderausgabe der Unternehmenszeitung.

Coca-Cola ist bald überall, Fabriken in München, Hamburg und Leipzig werden eröffnet. Und als 1935 das Saarland zurück an das Deutsche Reich fällt, dauert es nicht lange, bis auch in Saarbrücken die Cola-Kisten vom Band liefen.

Die Coca-Cola GmbH, die inzwischen das Geschäft in Deutschland übernommen hatte, verstand es, die Marke als deutsches Produkt zu positionieren, so deutsch wie Krupp-Stahl oder die IG Farben – angeblich sollen deutsche Kriegsgefangene in den USA beim Anblick einer Werbetafel von Coca-Cola mal ganz erstaunt ausgerufen haben: „Ach was, die gibt es hier auch?“

So beschreiben es jedenfalls Eleanor Jones und Florian Ritzmann, die die Geschichte von Coca-Cola in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht haben. „Coca-Cola goes to war“, heißt ihr Aufsatz, in dem sie beschreiben, wie sich das amerikanische Unternehmen im Deutschen Reich behauptete und dabei auch vor Kollaborationen mit dem Regime nicht zurückschreckte.

Und während Coca-Cola alles daran setzte, möglichst deutsch zu wirken, versuchte die Konkurrenz, genau diesen Eindruck zu zerstören. So startete der Chef des Kölner Konkurrenten Afri-Cola, Karl Flach, angeblich 1936 eine Werbekampagne, in der er amerikanische Coca-Cola-Kronkorken zeigte, auf denen hebräische Schrift gedruckt war. Die Zeichen besagten zwar lediglich, dass es sich um ein koscheres Getränk handelt, doch Flach versuchte angeblich bewusst, den Eindruck zu erwecken, Coca-Cola sei ein jüdisches Unternehmen.

Natürlich wussten auch die deutschen Coca-Cola-Vertriebler um die antisemitischen Ressentiments in der Bevölkerung. Und so setzten sie alles daran, die Gerüchte zu wiederlegen – unter anderem mit Werbeanzeigen in der Nazi-Postille „Stürmer“, was dem Konzern in den USA wiederum die Kritik einbrachte, Coca-Cola finanziere Hitler.

Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte des berühmten Konzerns, der auf dem US-Markt Coca-Cola parallel als Getränk von Freiheit positionierte – und mit der politischen Entwicklung auf seinem zweitgrößten Markt außerhalb der USA alles andere als einverstanden gewesen sein dürfte. Doch gleichzeitig entstand in dieser Zeit auch eine Innovation, die das Unternehmen noch heute prägt.

Denn je weiter der Krieg voranschreitet, umso knapper werden auch die Rohstoffe. 1942 war abzusehen, dass die Coca-Cola-Produktion nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte, stattdessen begann man in Essen den Vertrieb einer neuen Erfindung namens Fanta, die zunächst aus Molke und Apfelresten hergestellt wurde.

Es war eine Erfindung aus der Not, aber sie zeigt exemplarisch, wie sich das Unternehmen im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt und neu angepasst hat. Unter Geschäftsführer Max Keith bestand die Coca-Cola GmbH in Zeiten des Nationalsozialismus, aber auch in den Jahren danach. Bis 1968 führte Keith die Geschäfte, Coca-Cola wurde auch zum Getränk des Wirtschaftswunders.

Obwohl der Sitz des Unternehmens heute in Berlin ist, wird in Nordrhein-Westfalen noch immer an gleich drei Standorten Coca-Cola produziert: in Köln, Dorsten und in Mönchengladbach. Die dezentrale Ausrichtung macht allein aufgrund der Transportwege für die schweren Kisten Sinn. Hinzu kommen daher auch drei Logistikstandorte in Bielefeld, Münster und Herten.

Allerdings hat das Unternehmen vor einigen Jahren auch eine harte Umstrukturierung durchlaufen, mit dem damals lahmende Geschäft wieder in Schwung gebracht werden sollte. In den 50er Jahren gab es noch mehr als 100 selbstständige Coca-Cola-Konzessionäre, die das Getränk in den verschiedenen Regionen abfüllten. Nach und nach wurden es immer weniger.

In Geldern hatten die Brüder Fritz Weber und Ferdinand Wentzel 1934 neben dem Betrieb einer Kornbrennerei als einer der ersten Betriebe in Deutschland auch noch den Vertrieb von Coca-Cola übernommen. 2003 wurde die Produktion nach einem Eigentümerwechsel endgültig eingestellt. Am 28. November 2003 rollte der letzte Lastwagen mit der Limonade vom Hof, danach sorgte nur noch ein Coca-Cola-Lkw für ähnliche Aufmerksamkeit in der Stadt, im Jahr 2009 war das, als der Weihnachtstruck in Geldern Station machte.

Wo früher Cola-Flaschen rappelnd und klappernd durch die Abfüllanlage ratterten, stehen sie stattdessen heute nur noch still und leise im Regal eines Supermarkts. Nach dem Abriss der Produktionshallen war in Geldern auf dem Gelände ein Kaufland gebaut worden.

Auch im nahegelegenen Rheinberg ist das Cola-Zeitalter vorbei, 2015 wurde hier der Logistik-Standort geschlossen. Das Geschäft am Niederrhein wurde stattdessen immer stärker in Mönchengladbach gebündelt.

Im November 1992 wurde dort die erste 1,0-Liter-Glasflasche abgefüllt, inzwischen laufen dort jährlich Millionen Kästen vom Band. Das Unternehmen ist in der Stadt fest verwurzelt, Borussia Mönchengladbach war der erste Verein, den Coca Cola in Deutschland sponserte, 1967 war das.

Gladbach und Coca-Cola – das ist seitdem eine Erfolgsgeschichte. Mit einer einzigen Ausnahme. Vielen Fußball-Fans dürfte der 20. Oktober 1971 noch ziemlich schmerzlich in Erinnerung geblieben sein. Damals gewann die Borussia mit 7:1 gegen Inter Mailand, doch am Ende wurde der Sieg aberkannt, weil in der 29. Minute ein Italiener zu Boden gegangen war, getroffen von einer Dose – einer roten Coca-Cola-Dose. Der Büchsenwurf vom Bökelberg besiegelte das Ende der Europapokal-Träume, denn nach einer Niederlage im Rückspiel endete auch das Wiederholungsspiel nur 0:0. Die Fohlen-Elf war ausgeschieden wegen einer Cola-Dose.

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