Christian Sewing soll Deutsche Bank leiten

Nachfolge von John Cryan: Christian Sewing soll Deutsche Bank leiten

Nach nur drei Jahren an der Spitze des Geldhauses muss John Cryan seinen Posten räumen. Sein Nachfolger kommt aus den eigenen Reihen. Die Berufung von Privatkundenchef Christian Sewing könnte jedoch weitere personelle Folgen haben.

An seinem ersten Tag als Deutsche-Bank-Chef hat John Cryan einen Brief an die Mitarbeiter geschrieben. "Ich werde Ihnen nicht sagen, dass in den nächsten Monaten alles harmonisch und ohne Probleme verlaufen wird", schrieb der Brite im Juli 2015.

Er sollte Recht behalten: Zunächst strich der neue Mann an der Spitze Filialen und Personal, wenig später musste er einen Milliardenverlust bekannt geben. Doch besser wurde es seitdem nicht: der Aktienkurs des wichtigsten deutschen Geldhauses hat in den vergangenen drei Jahren zwei Drittel seines Werts verloren und dümpelt momentan bei knapp elf Euro. Drei Jahre in Folge schrieb die Bank tiefrote Zahlen.

Nun zieht der Aufsichtsrat offenbar die Reißleine. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll Privatkundenchef Christian Sewing Cryan an der Spitze der Deutschen Bank ablösen und sein Amt nach der Hauptversammlung am 24. Mai antreten. Die Personalie soll demnach Thema bei einer kurzfristig einberufenen Besprechung des Aufsichtsrates sein, die gestern Abend stattfand. Das Ergebnis der Sitzung war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

Mit Sewing würde ein Eigengewächs auf dem Chefsessel Platz nehmen. Seit knapp drei Jahrzehnten arbeitet der heute 47-Jährige bei der Bank, bei der er bereits seine Ausbildung in einer Bielefelder Filiale absolvierte. 2015 stieg er in den Vorstand auf, wo er für das Privatkundengeschäft zuständig ist. Zu seinen Aufgaben gehörte dabei unter anderem die Integration der Postbank und die Schließung von Deutsche-Bank-Filialen.

Sewing, der unter der Woche in Frankfurt lebt und an den Wochenenden zu seiner Familie nach Osnabrück pendelt, kennt allerdings auch das Investmentbanking des Konzerns gut aus seiner Zeit im Risikomanagement. Das Sorgenkind des Konzerns dürfte seine größte Aufgabe werden.

Denn das Geschäft, jahrelang die Gewinnmaschine der Deutschen Bank, ist seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008 umstritten - immerhin hatten hier viele der späteren Probleme der Deutschen Bank ihren Ursprung. Skandale wie die Manipulation von Referenzzinssätzen oder fragwürdige Deals rund um US-Hypothekenpapiere kosteten die Bank Milliarden.

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Das Problem hatte auch Cryan erkannt, war jedoch zuletzt nach einer Gewinnwarnung und einem massiven Absturz des Aktienkurses immer stärker unter Druck geraten. Höhepunkt waren dann vor Ostern Berichte, wonach Aufsichtsratschef Paul Achleitner einen Nachfolger für den Briten sucht. Der 57-jährige Cryan, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2020 läuft, bekräftigte daraufhin zwar, er wolle bleiben. Rückendeckung aus dem Kontrollgremium oder von Achleitner persönlich bekam er jedoch nicht.

Dabei hat er viele Probleme geerbt. Die Verluste der vergangenen Jahre resultierten unter anderem aus der Beilegung teurer Rechtsstreitigkeiten, die in den Amtsjahren seiner Vorgänger ihren Ursprung hatten. Dem ehemaligen UBS-Finanzchef gelang es, mehrere dieser juristischen Altfälle endlich zu beenden, das Institut mit einer milliardenschweren Kapitalerhöhung zu stärken und die Fondstochter DWS an die Börse zu bringen.

Doch eine wirkliche Wachstumsstrategie war gleichzeitig nicht zu erkennen. Investoren hatten Cryan oft vorgeworfen, er sei zwar ein Kostensparer, habe aber keine Vision, wie die Bank wieder Geld verdienen könne: Im Kapitalmarktgeschäft sind die US-Banken führend, bei den Privatkunden hierzulande die Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Welche Rolle die Deutsche Bank künftig einnehmen soll, blieb vielen unklar. "Bislang habe ich keine Antwort auf die Frage, wie die Deutsche Bank nachhaltig Geld verdienen soll", sagt beispielsweise Aktionärsvertreter Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Der Abgang von Cryan hinterlässt gleichzeitig auch Kratzer am Image des mächtigen Aufsichtsratschefs Achleitner. Der Österreicher hatte Cryan geholt, steht selbst aber bereits seit 2012 an der Spitze des Gremiums - und dürfte daher selbst stärker unter Druck geraten, wenn die Neubesetzung des Vorstandspostens nun misslingt.

Denn die Berufung von Christian Sewing dürfte weitere personelle Veränderungen nach sich ziehen. Unklar ist beispielsweise, wie es nach einer Entscheidung pro Sewing mit Marcus Schenk weitergeht. Der Leiter des Investmentbankings war im vergangenen Jahr gemeinsam mit Sewing zu Co-Vorstandsvorsitzenden der Bank berufen worden. Beide galten seitdem als Kronprinzen. Doch am Ende konnte es nur einen geben.

(frin)
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