Brun-Hagen Hennerkes über Familienunternehmen

Interview mit Brun-Hagen Hennerkes : „Ich habe noch nie einen Playboy an der Spitze eines Familienunternehmens getroffen“

Der Experte für Familienunternehmen, Brun-Hagen Hennerkes, über Gehaltsobergrenzen für Top-Manager - und warum es einen Unterschied macht, ob ein Dax-Konzern-Chef zehn Millionen Euro verdient oder ein Familienunternehmer.

Brun-Hagen Hennerkes schreibt gerade an seinen Memoiren. Es gibt viel zu erzählen, immerhin gilt der 78-Jährige als einer der führenden Experten für Familienunternehmen in Deutschland – und seit der Gründung der Stiftung Familienunternehmen 2002 auch als deren Chef-Lobbyist. In diesem Monat veranstaltet die Stiftung wieder ihren „Tag des deutschen Familienunternehmens“.

Braucht es Ihre Stiftung in Zukunft noch? Das klassische Familienunternehmen stirbt doch aus, oder?

Brun-Hagen Hennerkes Wieso?

Weil die Leute heute eher Start-ups gründen – und die dann irgendwann an die Börse bringen oder an Konzerne verkaufen, statt den Betrieb an die nächste Generation zu vererben.

Hennerkes Ich bin davon überzeugt, dass wir auch künftig starke Familienunternehmen haben. Familienunternehmer verfolgen das Ziel, ein gesundes Unternehmen über Generationen hinweg zu erhalten. Privat mögen sie in Start-ups investieren. Doch das ist eine andere Welt. Von 50 Gründungen haben vielleicht drei bis vier dauerhaften Bestand.

Gründer tragen heute Jeans und T-Shirt statt Anzug. Die Wirtschaft hat sich auch sonst ganz schön gewandelt in den vergangenen Jahrzehnten, oder?

Hennerkes Ja, aber leider nicht immer nur zum Guten.

Inwiefern?

Hennerkes Die Moral in der Wirtschaft hat sich geändert. Früher hätten Vorstände börsennotierter Unternehmen keine Geschäftsentscheidungen getroffen, nur um ihre Bezüge zu verdoppeln. Das ist heute zum Teil anders.

Ex-VW-Chef Matthias Müller hat sein Gehalt mal verteidigt und gesagt, als Vorstand stünde man dafür immer mit einem Fuß im Gefängnis.

Hennerkes Das halte ich für übertrieben. Aber das Haftungsrisiko ist heute in der Tat viel größer. Man kann schnell wieder arm werden an der Spitze. Das gilt auch für die Aufsichtsräte.

Wenn das Risiko zugenommen hat, ist es doch okay, wenn Gehälter steigen.

Hennerkes Geld hat zwei Gesichter: Solange es Schmiermittel der Volkswirtschaft ist, erfüllt es einen Sinn. Aber wenn das Geld nur noch unvertretbarem Luxus dient, wird es zum schnöden Mammon.

Ab welcher Summe ist ein Gehalt denn nicht mehr vertretbar?

Hennerkes Zunächst mal: Von einer gesetzlichen Deckelung halte ich nichts. Vorstandsgehälter sollte weiterhin der Aufsichtsrat festlegen. Allerdings sollten sich die Aufseher fragen, ob die zur Unternehmenskultur passen und gesellschaftliche Akzeptanz finden.

Finden Sie zehn Millionen Euro Gehalt zu viel?

Hennerkes Wie gesagt, es kommt darauf an, was mit dem Geld passiert. Wenn ein Unternehmer zum Beispiel Start-ups finanziert, ist es aus meiner Sicht gut verwendet, weil es der Gesamtwirtschaft zugute kommt. Wenn ein Manager aber nur Luxusgegenstände kauft, wird das Geld nicht sinnvoll eingesetzt.

Könnten Sie sich eine Obergrenze von, sagen wir mal, fünf Millionen Euro vorstellen?

Hennerkes Ich würde mich ungern auf eine Zahl festlegen. Vermutlich ist es aber so: Wenn wir die Vorstandsgehälter halbierten, würde es an der Wirtschaftskraft des Landes nichts ändern, wohl aber würde es die Unternehmenskultur günstig beeinflussen. Ich sehe aber auch eine zweite problematische Entwicklung.

Welche?

Hennerkes Der Abstand der Bezüge zwischen Vorstand und zweiter Ebene ist oft viel zu hoch. Da bekommt ein Vorstand zehn Millionen, die zweite Ebene erhält nur 800.000 Euro – dabei sind die ähnlich qualifiziert. Das ist natürlich immer noch viel Geld, ich will lediglich deutlich machen, dass der Abstand zu den Gehältern unterhalb des Vorstands angemessen sein muss.

In mancher Bank verdient der Investmentbanker ein zigfaches mehr als sein Vorstandschef.

Hennerkes Dafür habe ich kein Patentrezept. Aber Vorstände stehen in Unternehmen nun mal stärker im Fokus. Deswegen täten börsennotierte Unternehmen gut daran, alle Details aus den Vorstandsverträgen generell offenzulegen, damit transparent wird, was zu den Bezügen noch an Sonderleistungen und Rentenansprüchen hinzukommt.

Ist nicht ein Grundproblem, dass man sich ab einer gewissen Karrierestufe nur noch in einem Umfeld bewegt, in dem gewisse Gehälter und ein gewisser Lebensstandard Normalität sind? Man trifft sich in Kitzbühl oder Kampen und bleibt unter sich.

Hennerkes Wenn die Eliten unter sich bleiben, ist das tatsächlich ein gesellschaftliches Problem. Das ist aber nicht die Realität unserer Familienunternehmen. Sie haben ihren Betrieb meist in ländlichen Regionen. Dort gibt es einen starken gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt.

Würden Sie also zwischen dem Dax-Chef, der zehn Millionen verdient, und dem Familienunternehmer, der dasselbe kriegt, unterscheiden?

Hennerkes Total. Es geht nämlich um die Motivation. Familienunternehmer müssen stets für die Zukunft sorgen. Zum Beispiel muss für überraschende Erbfälle stets Kapital zur Verfügung stehen.

Es gibt doch weit verzweigte Familienunternehmen, in denen manche nur noch die Hand aufhalten.

Hennerkes Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist aber nicht die Allgemeinheit. Mit dem Anwachsen der Gesellschafterzahl wird es schwerer, die Interessen aller unter einen Hut zu bringen. Doch die meisten Familienunternehmen versuchen, die Ausschüttungen an die Gesellschafter gering zu halten.

Tickt die Mehrzahl der Familienunternehmen denn anders?

Hennerkes Ich habe jedenfalls noch nie einen Playboy an der Spitze eines Familienunternehmens getroffen. Natürlich gibt es junge, unfähige Nachfolger. Aber ich habe auch erlebt, was diese Erben vom Vater zu hören bekamen, wenn sie mit dem Porsche am Betrieb vorfuhren und auf dicke Hose gemacht haben.

(frin)
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