Bochum: Vor zehn Jahren schloss das Nokia-Werk

Vor zehn Jahren schloss das Nokia-Werk in Bochum: „Damals sind wir kalt erwischt worden“

Nokia - das stand nach dem Stahlzeitalter für technologischen Wandel. Doch aus dem Ruhrgebiet wurde kein Silicon Valley. Stattdessen schloss am Mittwoch vor zehn Jahren das Nokia-Werk in Bochum. Einige ehemalige Mitarbeiter entwickeln heute wieder Innovatives.

Horst Seehofer, damals Verbraucherschutzminister in Berlin, tauschte demonstrativ sein Nokia-Handy gegen das Modell eines anderen Herstellers aus, FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sprach von einer „absoluten Sauerei“. Als der finnische Mobiltelefon-Hersteller Nokia vor zehn Jahren völlig überraschend sein Werk in Bochum dicht machte und nach Rumänien weiterzog, war die Empörung groß.

Der Weltkonzern galt vielen plötzlich als „Subventions-Heuschrecke“, denn in das Werk waren viele Millionen Euro an Fördergeldern geflossen, die den Strukturwandel im Revier voranbringen sollten. Am 16. Mai 2008 wurde im Bochumer Werk die letzte Schicht gefahren. Am Mittwoch jährt sich der Tag zum zehnten Mal. Rund 2300 Menschen hatten dort gearbeitet. Hinzu kamen Hunderte Leiharbeiter und Beschäftigte bei Zulieferern.

„Damals sind alle kalt erwischt worden“, erinnert sich Eva Kerkemeier, die heute 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Bochum ist. Von Opel sei man da schon seit Längerem schlechte Nachrichten gewohnt gewesen. „Aber Nokia war ja ein Konzern, der Gewinne machte.“

Nokia-Werk in Rumänien machte schnell dicht

Für den Regionalforscher Uwe Neumann vom RWI Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen ist das Schicksal des Bochumer Nokia-Werks „ein Symbol dafür, dass der Strukturwandel nie haltmacht“. Der Ersatz der alten montanindustriellen Strukturen von Kohle und Stahl durch modernere Technologien sei keine einmalig zu bewältigende Angelegenheit. „Was im technologischen Wettlauf Spitze ist, ändert sich ständig“, sagt der Wissenschaftler.

Das musste der einstige Handy-Marktführer Nokia selbst erfahren. Das Werk in Rumänien wurde schnell wieder geschlossen, die Produktion komplett aus Europa nach Asien verlagert. Vor vier Jahren verkauften die Finnen dann die Handy-Sparte an Microsoft. Smartphones, die wieder unter der Marke Nokia in den Regalen liegen, werden mittlerweile von der Firma HMD gebaut, die eine Lizenz auf die Namensrechte bekam.

Geld für Strukturwandel war futsch

So gesehen hätte es Bochum beim Nokia-Weggang noch schlimmer treffen können, meint Gewerkschafterin Kerkemeier. Rund 200 Millionen Euro zahlten die um ihren Ruf in Deutschland bangenden Finnen in den Sozialplan für ihre Ex-Beschäftigten, weitere Millionen sagten sie für das Programm „Wachstum für Bochum“ zu, das neue Arbeitsplätze bringen sollte. Das Geld für den Fonds hätte es vielleicht später nicht mehr gegeben.

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Das ehemalige Nokia-Gelände ist inzwischen gut belegt, viel Logistik ist darunter. So hat die Deutsche Post eine Zustellbasis gebaut, die allerdings weitgehend automatisch arbeitet. In großer Zahl neue Arbeitsplätze sind dadurch nicht entstanden. Eine Erfahrung, die die Ruhrgebietsstädte immer wieder machen müssen.

„Die Zeiten großer Industrieansiedlungen mit sicheren und gut bezahlten Jobs für eine große Zahl von Beschäftigten sind weitgehend vorbei“, analysiert Neumann die Entwicklung. Es gebe aber durchaus Positives zu beobachten. „Die Zahl der Beschäftigten im Ruhrgebiet hat in den vergangenen Jahren nicht abgenommen. Die Jobs verteilen sich auf viel mehr Unternehmen als früher.“

Früher bei Nokia heute bei VW-Infotainment

Diese Entwicklung personifiziert geradezu Bernhard Krauße. Der 52-Jährige war Entwicklungschef bei Nokia. Als das Bochumer Werk geschlossen wurde, wechselte er mit Kollegen aus seiner Abteilung zu Blackberry in deren Bochumer Entwicklungszentrum. Doch dem Smartphone-Pionier erging es kaum anders als Nokia.

Mit dem Erfolg von Apples iPhone und später Googles Android-System geriet Blackberry ins Abseits und stellte die eigene Entwicklung und Produktion von Smartphones ein.

Krauße und seine Kollegen sind jetzt bei Volkswagen. Die Wolfsburger übernahmen 2014 das Bochumer Blackberry-Labor und führen es als VW-Infotainment weiter. Dort wird kein Handy mehr entwickelt, sondern ein kleiner Kasten, der zum Herzstück des vernetzten Autos wird. Wenn VW-Fahrzeuge bei Unfällen automatisch einen Notruf absetzen oder bei Diebstahlsversuchen Alarm schlagen, ist das in Bochum entwickelte Steuergerät entscheidend daran beteiligt. „Ohne unser Modul ginge das nicht“, sagt Krauße, der Geschäftsführer der VW-Tochter ist. Mit rund 50 Online-Anwendungen könne das Gerät ein Fahrzeug inzwischen vernetzen.

VW-Infotainment, direkt an der Ruhr-Universität in Bochum angesiedelt, ist damit zu einem Vorzeigeunternehmen für den Strukturwandel im Ruhrgebiet geworden. 430 Mitarbeiter gibt es inzwischen, „aus 29 Nationen“, wie Co-Geschäftsführer Tobias Nadjb berichtet. Knapp 100 von ihnen waren früher bei Nokia.

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(dpa/heif)