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Ifo-Geschäftsklima so stark wie lange nicht mehr: Blendende Stimmung bei deutschen Unternehmen

Ifo-Geschäftsklima so stark wie lange nicht mehr : Blendende Stimmung bei deutschen Unternehmen

Berlin (RPO). Nach der größten Krise in der Wirtschaft und Finanzwelt geht es nun scheinbar steil bergauf. Zumindest hat sich die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft im Juli so stark verbessert wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg überraschend auf 106,2 Punkte von 101,8 Zählern im Vormonat. Das teilte das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Freitag mit. Analysten hatten im Schnitt mit einem Rückgang auf 101,6 Zähler gerechnet. Das sei der größte Sprung seit der Wiedervereinigung, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Die 7000 befragten Unternehmen schätzten sowohl die Aussichten für die kommenden sechs Monate als auch die Lage deutlich besser ein als zuletzt. Das Barometer für die Erwartungen stieg auf 105,5 Punkte von 102,5. Das Lage-Barometer kletterte auf 106,8 von 101,2 Punkten.

Die meisten Experten sagen für das laufende dritte Quartal eine Konjunkturabkühlung voraus. Analysten rechnen mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,5 Prozent nach 1,0 Prozent im Frühjahrsquartal.

An den Börsen sorgte das Ergebnis für kräftige Kursaufschläge. Der Euro stieg nach Bekanntgabe der Daten über die Marke von 1,29 Dollar. Der deutsche Aktienindex Dax baute seine Gewinne aus.

Überraschte Analysten

Der Analyst Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg ist überrascht: "Ich kann mir diese Zahl gar nicht richtig erklären. Wir hatten zwar mit einem leichten Anstieg gerechnet, aber das übertrifft unsere Erwartungen." Er rechnet damit, dass sich die Konjunkturerholung im dritten Quartal fortsetzt. "In der Industrie scheint es ganz gut zu laufen", sagt er.

Andreas Scheuerle von der Deka-Bank erklärt: "Das sind bombige Zahlen, unglaublich was da abgeht." Die Einkaufsmanagerindizes hätten aber schon erahnen lassen, dass der Juli ein richtig kräftiger Monat werde.

Möglicherweise hätte es Sonderfaktoren gegeben, die zu dem starken Anstieg geführt hätten wie die Fußball-WM und die Hitzewelle. "Außerdem hören wir, dass die Werksferien gekürzt werden in einigen Unternehmen", erklärte Scheuerle. Tatsächlich hatten auch einige Unternehmen angekündigt, die Kurzarbeit herunterzufahren.

"Diese ganz tolle Zahlen unterstreichen, dass die deutsche Konjunktur im Moment im europäischen Vergleich richtig gut läuft", so Scheuerle. "Wir werden aber nicht in diesem Tempo weiterfahren können, dann würde der Motor heißlaufen. Die Konjunktur schaltet im zweiten Halbjahr einen Gang zurück, bricht aber nicht ein."

WM und Hitzewelle

Ralph Solveen von der Commerzbank sagte: "Wir hatten mit einem Anstieg gerechnet, aber das hatten wir nicht erwartet. Die deutsche Wirtschaft läuft im Augenblick sehr stark." Die Firmen ließen sich nicht durch die laufenden Diskussionen beeinflussen, erklärt er und denkt an die Stresstests für Banken, die Schuldenkrise oder den möglichen Rückfall in die Rezession in den USA.

"Das ist eine Wahnsinnszahl. Man muss sehr weit zurückgehen, bis man höhere Werte findet. Die deutsche Wirtschaft wächst sehr stark. Auch das dritte Quartal wird einen ordentlichen Zuwachs bringen. Das Ifo-Geschäftsklima liegt da meistens richtig", so Solveen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft und die Hitzewelle in Deutschland haben nach Einschätzung des Ifo-Instituts der Getränke-Industrie einen Schub gebracht. Gaststätten hätten ebenfalls stark profitiert, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger am Freitag.

Insgesamt sei die Stimmung bei den Unternehmen derzeit blendend. "Die deutsche Wirtschaft ist wieder stark und geht mit viel Schwung in den Sommer." Allerdings werde es im zweiten Halbjahr dämpfende Faktoren geben. Dazu gehörten die Sparpakete in Europa und eine voraussichtlich geringere Wachstumsdynamik in Asien und Südamerika.

Zum fünften Mal in Folge beurteilten die Umfrageteilnehmer ihre aktuelle Geschäftssituation günstiger. Der monatlich unter rund 7000 Unternehmen erhobene Ifo-Geschäftsklimaindex ist das wichtigste Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft.

(RTR/das)