Alles nur gefälscht: Berliner Firma erfolgreich mit Schein-Design

Alles nur gefälscht: Berliner Firma erfolgreich mit Schein-Design

Düsseldorf (RP). Die Berliner Designagentur "Schein Berlin" entwirft fiktive Markenprodukte für Fernsehserien und Filme: Zum Beispiel Bierflaschen, Müsli-Packungen, Zahnpastatuben und Hochglanzmagazine, die es gar nicht gibt. Die RTL-Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ist der Hauptauftraggeber der Etikettenschwindler.

Am Set von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" trinkt Susan Sideropoulos, die in der RTL-Soap die hippe Verena Koch spielt, gerne mal ein mexikanisches "Sandini"-Bier oder ein Gläschen "Brut des Cornet", während sie in der Modezeitschrift "Sarah" blättert. Hinterher spült sie ihre Gläser mit "Jux". Nie gehört von diesen Marken? Kein Wunder. Sämtliche "GZSZ"-Produkte - von der Zahnpastatube bis zu den Erbsen in der Dose - sind Fälschungen. Netter gesagt: Fantasieprodukte. Verantwortlich für diesen legalen Etikettenschwindel ist seit sechs Jahren das Berliner Designbüro "Schein Berlin" mit Jan Hülpüsch (38), Daniel Porsdorf (40) und Henning Brehm (33).

"Wenn unsere Produkte unauffällig in einem Supermarktregal stehen könnten, haben wir den Job gut gemacht", sagt Grafikdesigner Hülpüsch. "Während wir einen Artikel erfinden, orientieren wir uns deshalb am Querschnitt aller existierenden Produkte." Tatsächlich sehen die Dosen und Tüten den Originalen verblüffend ähnlich. Aber nicht mehr. Und das ist entscheidend: Mit den "Fakes" wollen Produzenten verbotene Schleichwerbung vermeiden. Gleichzeitig sollen sich die Zuschauer in der TV-Welt wiederfinden.

Besser als Schleichwerbung

"Solche Fakes zu erfinden, das macht etwa 50 Prozent unserer Arbeit aus", sagt Hülpüsch. Der Rest ist "normale" Designarbeit wie Plattencover oder Logos entwerfen. Wichtigster Auftraggeber der Berliner Kreativen ist "GZSZ". Hülpüsch: "Aktuell arbeiten wir an einem Außenset." Ein kompletter Straßenzug wird auf dem Studiogelände in Babelsberg nachgebaut. "Wir statten beispielsweise den Kiosk aus", sagt der Designer. Mit Nudeln, Cola, Kaugummis und allem, was es dort zu kaufen gibt.

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Am Anfang einer jeden Woche kommt bei "Schein Berlin" das Bestellfax der Seifenoper an. Jan Hülpüsch liest die aktuellen Aufträge vor: "Gipstütenaufkleber, Flugtickets, ein Führer für deutsche Schauspielschulen, ein Kaufvertrag, ein Logo für einen Internet-Auktionsanbieter, ein Verwaltungsschreiben und eine Hochglanzzeitschrift." In der Drei-Mann-Firma herrscht derselbe Fließbandbetrieb wie in der täglichen Serienproduktion: In zwei Tagen müssen die Entwürfe meist schon fertig sein.

Bei Aufträgen für Kinofilme ist das anders: aufwändiger und zeitintensiver. Die Berliner versuchen in solchen Fällen meist, Dinge originalgetreu nachzubauen und orientieren sich dabei an historischen Vorlagen. So haben sie u.a. den Inhalt der Vorratsschränke im Bunker und Hitlers Unterschriftenmappe für "Der Untergang" entworfen, einen Supermarkt mit russischen Lebensmitteln für "Die Bourne Verschwörung" und Straßenschilder aus Nachkriegsdeutschland für "The Good German" mit George Clooney. "Mein Wunsch wäre es, eine komplette Welt für einen Science-Fiction-Film zu erschaffen", sagt der 38-Jährige. "Aber den Traum hat ja jeder Designer."

Den Namen "Schein Berlin" hatten sich Jan Hülpüsch und sein bester Freund, der Fotograf Daniel Porsdorf, übrigens ausgedacht, lange bevor sie wirklich Schein-Produkte entwarfen. "Wir saßen in einem China-Restaurant und haben überlegt, wie unsere Agentur heißen könnte", sagt Hülpüsch. "Bei ,Schein' sind wir hängen geblieben." Er macht eine Pause. "Da hatten wir aber doch noch keine Ahnung, dass das mal irgendetwas mit unserem Job zu tun haben könnte."

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Gefälschte" Produkte von Schein Berlin

(Rheinische Post)
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