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Bei Karstadt sind 3500 Jobs bedroht

Harter Sparkurs : Bei Karstadt sind 3500 Jobs bedroht

Die angeschlagene Warenhauskette kündigt in einem Brief an die Belegschaft einen harten Sanierungskurs an. Mehr als 20 Filialen stehen auf dem Prüfstand. Experten bezweifeln aber, dass der geplante Sparkurs reicht.

Die Turbulenzen beim schwer angeschlagenen Warenhaus-Konzern Karstadt gehen weiter. Nach dem Rückzug von Spitzenmanagerin Eva-Lotta Sjöstedt und Gerüchten über Verhandlungen des Eigentümers Nicolas Berggruen mit einem österreichischen Investor über einen Verkauf der Warenhäuser hat nun der Aufsichtsrats-Chef ausgesprochen, wovor die Beschäftigten seit langem Angst haben: Bei Karstadt werde es tiefe Einschnitte ins Filialnetz geben, mehr als 20 der 83 Standorte arbeiteten nicht profitabel genug, zudem werde es auch Einschnitte in der Essener Hauptverwaltung und in der Logistik geben, sagte Stephan Fanderl. Noch gebe es keinen Schließungsbeschluss, ein umfassendes Sanierungskonzept werde demnächst vorgelegt. Welche Häuser betroffen sind, ist noch unklar. Nach Einschätzung des Handelsexperten Thomas Roeb von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg könnten bis zu 3500 der 17 000 Mitarbeiter ihren Job verlieren.

Erstmals ist bei dem seit Jahren in der Krise steckenden Konzern von einer Flurbereinigung die Rede, was auch den Rückzug Sjöstedts in einem neuen Licht erscheinen lässt: Die Schwedin wollte offenbar die Schließungspläne in der nun angekündigten Form nicht mittragen. Die neuen Geschäftsführer Kai-Uwe Weitz und Miguel Müllenbach wandten sich gestern mit einem Brief an die Mitarbeiter und kündigten einen kompromisslosen Sanierungskurs an: "Um Karstadt zu retten, muss alles auf den Prüfstand." Es gebe keine Tabus, der Sparkurs müsse intensiviert werden, Karstadt sei aber keinesfalls chancenlos. Und: "Karstadt verdient kein Geld über die Ladenkasse."

Arbeitnehmer-Vertreter reagierten überrascht. "Die Äußerungen von Herrn Fanderl in Bezug auf die Sanierungsabsichten des Unternehmens haben bei den Beschäftigten für große Unsicherheit gesorgt", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt. Der Betriebsrat hatte gehofft, ohne Schließungen von Standorten auskommen zu können. Auch die Gewerkschaft Verdi hatte erklärt, nicht über die Schließung einzelner Filialen mit dem Management verhandeln zu wollen. "Ich bin überrascht, dass es jetzt um Häuserschließungen geht. Bisher haben wir von einem Sanierungskonzept gesprochen", sagte Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes. Eigner Berggruen solle endlich seine Vorstellungen über Karstadts Zukunft offenbaren, so Peukes. Die Berggruen Holding gab dazu keine Stellungnahme ab. Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger forderte Karstadt auf, ein Zukunftskonzept vorzulegen, das die Interessen der Beschäftigten im Fokus habe. Die bisherigen Pläne seien nur Kostensparprogramme.

In der Branche löst der Auftritt Karstadts Besorgnis aus. "Fassungslosigkeit und Angst", bemerkt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. "In einer solchen Situation wird es vor allem für die verbleibenden Geschäftsführer alles andere als witzig." Er geht davon aus, dass die Schließung von 20 Filialen nicht ausreichen, um Karstadt Halt zu geben. Nur für etwa 30 der 83 Standorte finde sich eine Lösung. "Da die Schließungskosten enorm sein dürften, wird wohl nach heutigem Stand schon das Geld dafür sowie für die notwendige Restrukturierung fehlen", sagt Heinemann. Er geht von einem Investitionsbedarf von 1,5 Milliarden Euro aus, um Karstadt zukunftsfähig auszurichten. "Die Ausdünnung um ein Viertel dürfte nur ein wirklich kleiner Tropfen auf den heißen Stein sein."

Heinemann glaubt zudem nicht, dass ein seriöser Geldgeber noch Gefallen an einem Einstieg bei Karstadt finden könnte. Schließlich müsse er eine nachhaltige Sanierung mit ungewissem Ausgang finanzieren.

(RP)