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Bei Evonik fallen 3000 Stellen durch Verkäufe weg​

Kündigungen soll es nicht geben : Bei Evonik fallen 3000 Stellen durch Verkäufe weg

Der Essener Konzern will eine Sparte durch Verkäufe auflösen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben. Als Chemie-Präsident warnt Evonik-Chef Kullmann vor einem Gas-Embargo: Frühstens Mitte 2024 könnte Deutschland auf russisches Gas verzichten.

Der Chemiekonzern Evonik will sich neu aufstellen. Die volatile Sparte Performance Materials soll „mit der Zeit durch Verkäufe aufgelöst werden“, kündigte Konzern-Chef Christian Kullmann an. So will sich Evonik vom C4-Geschäft trennen, das Basis-Chemikalien in Marl und Antwerpen herstellt. Davon sind insgesamt rund 1000 Mitarbeiter betroffen. Auch das Werk in Lülsdorf südlich von Köln soll abgegeben werden, damit verlassen 600 Mitarbeiter den Konzern. Daneben spaltet Evonik das Geschäft mit Absorbern für Windeln (Baby Care) ab, das 700 Mitarbeiter hat. Insgesamt gehen damit rund 3000 Stellen aus dem Konzern. Seit 2017 hätte der Konzern weltweit mehr als 7000 Stellen abgebaut. Aktuell beschäftigt er 33.000 Menschen.

„So lange ich Vorstandsvorsitzender bin, wird es bei Evonik keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Wir machen Stellenabbau stets sozialverträglich“, kündigte Kullmann an, dessen Vertrag noch bis 2027 läuft. Bis dahin solle Evonik der „beste Spezialchemie-Konzern der Welt“ werden. „Wir konzentrieren uns noch weiter auf die Spezialchemie: Wir investieren in Geschäfte, die hoch profitabel und weniger zyklisch sind.“ Künftig wird es nur noch drei Divisionen geben, in deren Wachstum der Konzern weiter investieren will: Smart Materials, Special Additives, Nutrition&Care. Bei seinem wichtigen Produkt Methion sagte Kullmann: „Im Geschäft mit dem Futtermittelzusatz Methionin reicht es nicht aus, Weltmarktführer zu sein. Wichtig ist hier: Wir müssen Kostenführer sein.“

Evonik will bis 2030 acht Milliarden Euro investieren, davon drei Milliarden in das, was Kullmann „Next Generation Solutions“ nennt – Produkte, die nachhaltig sind und Kunden helfen, klimaneutral zu werden.

Evonik will auch klimafreundlicher werden. „Bislang war unser Ziel, die CO2-Emissionen von 2008 bis 2025 zu halbieren. Das haben wir bereits nahezu erreicht. Bis zum Jahr 2030 wollen wir weitere 25 Prozent unserer CO2-Emissionen reduzieren. Dieses Ziel bezieht sich auf das Basisjahr 2021.“ Zum Vergleich: Die anderen Chemiekonzerne in NRW haben weitergehende Ziele. Lanxess will bis 2040 klimaneutral sein, Covestro bis 2035 und Bayer bis 2030. „Wir haben unser CO2-Ziel bewusst so gesetzt, dass es zu schaffen ist. Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann“, sagte Kullmann. Die Nachhaltigkeitsziele würden auch Teil des Vergütungssystems für den Vorstand und der 150 Top-Führungskräfte werden.

In seiner Eigenschaft als Präsident des Verbands der chemischen Industrie (VCI) warnte Kullmann eindringlich vor einem Gasembargo seitens des Westens: „Die Verluste an Wohlstand, Wertschöpfung und Arbeitsplätzen wären dramatisch. Man kann Chemiewerke nicht einfach abschalten.“ Scharf kritisierte er die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die ein Embargo für machbar hält: „Das sind Grimms Märchen. Das hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Frau Grimm blendet die Sekundär- und Tertiäreffekte eines Embargos aus. Dabei steckt die Chemie am Beginn von 90 Prozent aller Wertschöpfungsketten.“

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Kullmann lobte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): „Er muss brutal viel aushalten und hat die Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft im Blick.“ Weiter betonte er: „Alle Chemieunternehmen bereiten sich auf Worst-Case-Szenarien vor. Aber wir brauchen Zeit für die Umstellung. Mitte 2024 könnte Deutschland auf russisches Gas verzichten.“ Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Genehmigungen schneller und die Unternehmen steuerlich entlastet werden, der Strompreis für die energieintensive Industrie müsse sinken. „In Deutschland brauchen wir sechs Jahre für ein Windrad, in der Zeit baut Peking einen neuen Staatsflughafen.“

Der Bund hat die erste Stufe beim Notfallplan Gas ausgerufen. Derzeit wird nach Wegen gesucht, wie man knapper werdendes Gas verteilen kann. Die Bundesnetzagentur hat dazu 2500 Unternehmen angeschrieben, die einen hohen Gasbedarf haben. Sollte Putin den Gashahn zudrehen, kommt man nach Einschätzung von Beobachtern mit Preismodellen nicht weiter, dann muss abgeschaltet werden. „Netzagentur, Bundesregierung und Wirtschaft sind in engem Austausch“, sagte Kullmann.

Ein besonderes Problem ist, dass bei einem Lieferstopp die Gasströme ihre Richtung ändern müssen: Derzeit strömt das Gas vom Russland in den Westen. Bei einem Lieferstopp müssten die Ströme von West nach Ost fließen, da in den westeuropäischen Ländern das Flüssiggas anlandet und auch östliche Nachbarn von Deutschland versorgt werden sollen.

Evonik schraubt seine Aktivitäten in Russland herunter: „Methionin steht auf der Liste des sechsten EU-Sanktionspakets.“ Zudem funktioniere wegen des Krieges die Logistik nach Russland kaum noch. Evonik setzte in Russland 2021 rund 200 Millionen Euro um, hat dort aktuell rund 50 Mitarbeiter im Vertrieb, aber keine Produktionsstätten.

Ein paar Sätze sagte Kullmann auch zur Landtagswahl: „NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst macht ordentliche Arbeit.“ Auch die grüne NRW-Chefin Mona Neubaur lobt er: „Ich traue Mona Neubauer jedes Ministeramt in NRW zu. Sie hat das Zeug dazu.“