Bayer unter Druck: Was die Milliardenstrafe für den Konzern bedeutet

Fragen und Antworten : Das bedeutet die Milliardenstrafe für Bayer

In einem dritten Prozess ist Bayer zur Zahlung von zwei Milliarden Dollar verurteilt worden. Das ist eine Rekordstrafe und setzt den Konzern weiter unter Druck. Die Aktie stürzt erneut ab.

Schlimmer geht immer: Auch das dritte Verfahren gegen den Unkrautvernichter Glyphosat hat Bayer in den USA verloren. Und dieses Mal verhängte die Jury gar eine Rekordstrafe von zwei Milliarden Dollar. Die Aktie ging erneut auf Talfahrt und fiel mit Börsenstart um vier Prozent auf 54 Euro. Die Folgen.

Worum ging es? Das Ehepaar, Alva und Alberta Pilliod, beide über 70 Jahre, haben Jahrzehnte lang den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup in ihrem Garten benutzt. Sie machen den von Bayer übernommenen Hersteller Monsanto für ihre Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung verantwortlich. Ihr Anwalt hatte eine Milliarde Dollar Schadenersatz gefordert. Die Geschworenen-Jury verurteilte Bayer nun sogar zu zwei Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro). In zwei früheren Verfahren (gegen Dewayne Johnson und Ed Hardeman) hatten andere Jurys Bayer zu je rund 80 Millionen Dollar verurteilt.

Was sagt Bayer? „Bayer ist von der Entscheidung der Jury enttäuscht und wird Rechtsmittel dagegen einlegen“, erklärte der Konzern. „Wir haben großes Mitgefühl für Herrn und Frau Pilliod. Die Beweislage ist jedoch eindeutig: Beide Kläger hatten eine lange Historie von Vorerkrankungen, die bekanntermaßen erhebliche Risikofaktoren für eine Erkrankung am Non-Hodgkin-Lymphom darstellen.“ Doch das sehen die Geschworenen anders, sie folgen den Klägeranwälten, die Glyphosat verantwortlich machen. Weiter betont Bayer: „Das Jury-Urteil steht in direktem Widerspruch zu der Einschätzung der US-Umweltschutzbehörde EPA, die erst vergangenen Monat veröffentlicht wurde. Nach Auffassung der EPA sowie weiterer führender Regulierungsbehörden sind glyphosatbasierte Produkte bei sachgerechter Anwendung sicher und Glyphosat ist nicht krebserregend.“ Es ist auch ein Streit der Experten, die Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft.

Welche Folgen ergeben sich für die anderen Klagen? Die Klage der Pilliods ist eine von 13.400, denen sich Bayer wegen Glyphosat mittlerweile gegenübersieht. Das Urteil hat keine rechtlich bindende Wirkung auf andere Verfahren, aber auch hier werden andere Verfahren nicht unbeeindruckt bleiben. Denn der Fall Pilliod ist Teil eines „Judicial Council Coordinated Proceedings“ (JCCP), einem konsolidierten Verfahren vor einem bundesstaatlichen Gericht in Kalifornien. Zudem könnten durch den dritten Sieg gegen Bayer in Folge weitere Kläger angelockt werden. Opferanwälte machen in den USA aggressiv Werbung für die Einreichung von Klagen.

Was droht dem Konzern? Für Bayer ist die Niederlage besonders schmerzlich, weil der Konzern hier die Fäden der Verteidigung selbst in der Hand hatte und nicht auf die mangelnde Erfahrung der Monsanto-Verteidiger mit Produkthaftungsklagen verweisen kann. Allerdings ist dies erst die erste Instanz und Bayer setzt hier wie in den vorangegangenen Fällen darauf, in der nächsten Instanz zu siegen, in der Berufsrichter entscheiden und keine Geschworenen. Rückstellungen für Schadenersatz hat Bayer bislang nicht gebildet, nur Rückstellungen für Verteidigungskosten. Analysten gehen davon aus, dass Bayer am Ende Schadenersatz und/oder Vergleiche bis zu 25 Milliarden kosten kann. Das wäre fast die Hälfte dessen, was Bayer für Monsanto bezahlt hat. Bayer selbst geht davon aus, dass die Prozesse sich noch Jahre hinziehen. Das bindet nicht nur Kapazitäten, sondern liegt wie Blei auf dem Aktienkurs. Von den 144 Euro von einst ist nichts mehr zu sehen, die Aktie ist bis zum heutigen Dienstag um fast zwei Drittel gefallen. Schon jetzt erhöht sich der Druck auf Bayer, andere Geschäfte wie die Tiergesundheit zu verkaufen, um genug Spielraum zu haben, wenn am Ende tatsächlich Milliardensummen zu zahlen sind.

Muss der Bayer-Chef gehen? Der Vorstand um Bayer-Chef Werner Baumann hat unlängst auf der Hauptversammlung ein historisch einmaliges Misstrauensvotum kassiert, die Mehrheit der Eigentümer hat ihm die Entlastung verweigert. Viele Fondsmanager warfen dem Vorstand vor, die Rechtrisiken beim Kauf von Monsanto völlig unterschätzt zu haben. Das hatte keine rechtlich bindende Wirkung und der Aufsichtsrat hat sich anschließend auch hinter den Vorstand gestellt. Doch mit jedem verlorenen Prozess steigt der Druck auf den Vorstand, denn auch die Aktie geht weiter auf Talfahrt. Mittlerweile ist Bayer weniger wert, als die 59 Milliarden Euro, die man für Monsanto bezahlt hat. So lange Werner Wenning Aufsichtsratschef ist, dürfte Baumann zwar bleiben können. Aber der Vorstand ist zunehmend ohnmächtig, die Statements klingen hilflos. Und auch der Aufsichtsrat wurde nur so eben von der Hauptversammlung entlastet.

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