Bayer: Übernahme von Monsanto wird für Chemiekonzern zum Hochrisiko

Besuch bei Chemiekonzern : Für Bayer wird die Übernahme von Monsanto zum Hochrisiko

Die Klagewelle um den Unkrautvernichter Glyphosat lässt den Kurs einbrechen und die Übernahmegefahr wachsen. Doch Monsanto-Mitarbeiter und Farmer in St. Louis können die Aufregung nicht verstehen. Ein Ortsbesuch im Herzen Amerikas.

Eine Farm in Missouri: Riesige Felder ziehen sich entlang des Mississippi. Der Mais ist schon abgeerntet, jetzt sind die Sojabohnen dran. Auch bei Mark Scott. Wir treffen den 53-Jährigen auf seiner Farm in Wentzville, er trägt ein kariertes Hemd und eine Camouflage-Kappe. An den Wänden seiner Scheune hängen Wild-Geweihe und Schildkröten-Panzer, alle Tiere selbst erlegt. Er sagt, er habe Trump gewählt und der Präsident mache einen guten Job. Wie seine eigene Familie: „Mein Großvater hat die Farm gegründet, ich habe die Fläche verdoppelt“, erzählt Scott stolz. Fast 700 Hektar bewirtschaftet er – nur mit Hilfe seines Sohnes Aaron und eines Arbeiters, mit Hilfe eines 250.000 Dollar teuren John-Deere-Mähdreschers und mit Hilfe von Monsanto.

Das Unternehmen aus St. Louis, das seit einigen Monaten zu Bayer gehört, ist Scotts größter Saatgut-Lieferant. Das Saatgut ist gentechnisch verändert und so behandelt, so dass der Farmer keine Insektizide gegen tierische Plagegeister einsetzen muss. „Das ist doch gut für die Umwelt“, sagt Scott. Die Ernte muss er verkaufen oder an Tiere verfüttern. Er darf sie nicht für eine neue Saat nutzen, das verbietet Monsanto. Dass er jedes Jahr neues Saatgut kaufen muss, findet Scott ok. „So sind die Verträge, das machen alle so.“

Auch im Kampf gegen Unkraut setzt er schon seit den 90er Jahren auf Monsanto und das umstrittenes Pflanzengift Glyphosat. Scotts Maisfelder bekommen einmal im Jahr Glyphosat, seine Sojabohnen-Felder zwei Mal. Die ganze Aufregung um Glyphosat versteht er nicht. „Warum ich Glyphosat benutze? Weil es funktioniert“, sagt der kräftige Farmer verwundert. Ansonsten sprieße das Unkraut und er müsste es aufwendig mit Maschinen beseitigen. Bayer hat Journalisten eingeladen, ihn und Monsanto vor Ort zu besuchen. Scott und seine Frau Susan sagen viele Sätze, die dem Konzern gefallen. Von Dewayne Johnson haben sie natürlich gehört. Der Platzwart hatte Jahre lang Glyphosat an Schulen eingesetzt, ist unheilbar an Lymphdrüsen-Krebs erkrankt und hat Schadenersatz von 78 Millionen Dollar zugesprochen bekommen. Die Geschworenen hatten ihm zunächst sogar 289 Millionen Dollar zugesprochen, die ihnen zugeordnete Richterin Ramos Bolanos hatte die Summe dann auf 78 Millionen reduziert. „Ich habe keine Angst, dass Mark krank wird, er passt auf, wenn er Glyphosat benutzt“, sagt Susan Scott.

Tatsächlich geht es in dieser ersten von bislang 8700 Klagen gegen Monsanto auch genau um diese Frage: Ist Glyphosat, das Monsanto unter dem Namen Roundup verkauft, krebserregend? Und wenn ja: generell oder nur bei falschem Gebrauch?

Bayer weist alle Vorwürfe zurück. „Wir halten dagegen, wir gehen durch alle Instanzen“, sagt Liam Condon, Chef von Bayers Agrochemie-Sparte und neben Konzern-Chef Werner Baumann der Macher des Monsanto-Deals. Mehr als 800 wissenschaftliche Studien würden besagen, dass Glyphosat keine Krebsrisiken birgt, das sei durch Zulassungsbehörden in den USA und Europa bestätigt worden. Dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Pflanzengift 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft hat, zählt für Bayer nicht. „Eine Einzelmeinung“, sagt Jesus Madrazo, der schneidige „Head of agricultural affairs“ und damit Bayers Chefideologe in Sachen Glyphosat. Auch die Bedenken des EU-Parlaments, das nur zögerlich die Zulassung für Glyphosat verlängert hat, wischt er vom Tisch. „Das ist nicht die Institution, die über Schädlichkeit eines Mittels wissenschaftlich entscheidet“, sagt Madrazo hochnäsig.

Diese arrogante Haltung könnte Bayer noch teuer zu stehen kommen. Denn die Klage-Lawine hat den Konzern in eine beispiellose Krise gestürzt. Von Anfang an war der schlechte Ruf von Monsanto und Glyphosat eine Bürde für den Deal. Nicht nur Umweltschützer, auch Analysten und Investmentfonds warnten vor den hohen Reputationsrisiken, die sich der Leverkusener Traditionskonzern auflädt. Als im August - Bayer wartete da noch auf die letzte Genehmigung der Übernahme - die Geschworenen ihre Schadenersatz-Entscheidung verkündeten, brach die Bayer-Aktie um zehn Prozent ein. Der Kurs fiel zeitweise unter 70 Euro. Vor drei Jahren war sie noch 144 Euro wert.

Hat Bayer die Risiken unterschätzt? Nein, sagt Konzern-Chef Baumann in St. Louis. Als Bayer endlich loslegen durfte bei Monsanto und in alle Bücher und Computer schauen – „da haben wir nichts gefunden, was wir nicht schon wussten“. Allerdings will Bayer nun seine Erfahrung aus Pharma-Verfahren nutzen und die Verteidigungslinie ausbauen, weitere Anwälte wurden engagiert.

Und was ist mit den so genannten Monsanto-Papers? In einem Prozess hatte ein Anwalt 2017 interne Mails vorgelegt, in denen selbst Monsantos Wissenschaftler an der Harmlosigkeit von Glyphosat zweifeln. Diese Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, betont Bayer.

Lange juristische Schlacht steht bevor

Doch vor Gericht konnte der Konzern bisher nicht überzeugen und steht nun vor einer langen juristischen Schlacht. Bayer geht im Streit mit Dewayne Johnson in die Berufung beim kalifornischen Berufungsgericht („Court of Appeal“). Der Vorteil aus Sicht von Bayer: Hier entscheiden Richter und nicht, wie in der ersten Instanz eine Jury und ein Richter.

Doch neben Johnson gibt es viele weitere Einzelkläger und vor allem beim kalifornischen Distriktgericht ein Massenverfahren (Mass-Tort-Litigation, MTL), in dem 600 Klagen gebündelt sind. Hier prüft Richter Vince Chhabria die grundlegende Frage, ob die vorgetragenen Argumente stichhaltig genug sind, um einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebserkrankungen beweisen zu können. Urteilt er „ja“, gehen die Einzelfälle an die lokalen Gerichte.

Das amerikanische Rechtssystem mit seiner Anwaltsindustrie macht es Bayer nicht leichter. „Massenverfahren (MTL) sind ein big business“, sagt Mark Behrens, von der Kanzlei Shook, Hardy&Bacon. Er vertritt Bayer zwar nicht bei Glyphosat, hat den Konzern aber in anderen Fragen beraten. Mit TV-Spots würden die Anwaltskanzleien oder deren Dienstleister Tausende Namen und Fälle einsammeln. „Turn your pain into rain“, heißt es dann in den Spots. Sinngemäß: Lass aus deinen Schmerzen einen warmen Regen werden. Bezahlt würden die Anwälte nur im Erfolgsfall – also bei einem Vergleich oder einem Urteil, das zu Schadenersatz führt: Dann können die Anwälte 50 Prozent des erstrittenen Schadenersatzes erhalten plus ihre Kosten.

Die Anwälte sind entsprechend auf schnelle, hohe Vergleiche aus. Doch den Gefallen will Bayer ihnen nicht tun. „Grundsätzlich macht es in einem Massenverfahren für den Beklagten Sinn, lange zu kämpfen. Frühe Vergleiche ermutigen nur weitere Leute, Klagen einzureichen“, sagt Behrens.

Die Alternative für einen Konzern ist es immer, das umkämpfte Mittel freiwillig vom Markt zu nehmen und sich so drohende Vergleiche und Schadenersatz in Milliardenhöhe zu ersparen. Doch dazu spielt Glyphosat eine zu zentrale Rolle bei dem Monsanto-Deal. Zum einen wegen der wirtschaftlichen Bedeutung: 40 Prozent des weltweiten Glyphosat-Marktes gehören Monsanto. Zum anderen wegen der Verknüpfung mit dem Monsanto-Saatgut: Das ist genau so gezüchtet worden, dass es einerseits resistent ist gegen Insekten, es aber andererseits auch überlebt, wenn das Feld mit dem Unkrautvernichter getränkt wird.

Entwickelt und verbessert wird das Saatgut in Monsantos Forschungscampus Chesterfield in St. Louis. Seit den 1990er Jahren wird genverändertes Saatgut kommerziell erzeugt, und Monsanto war von Anfang an dabei. In dem hellen Gebäude in Chesterfield arbeiten 1200 Wissenschaftler und weitere Mitarbeiter. Das Dachgeschoss ist ein riesiges Gewächshaus, in dem immer neue Genpflanzen-Varianten bei simulierten Wetterlagen wie Regen, Dürre, Kälte getestet werden.

Genforscher Larry Gilbertson ist einer von ihnen. Mit Leidenschaft erklärt er, wie die Forscher vorgehen, wie sie die DNA von Sojapflanzen und Baumwolle zerschneiden und Gensequenzen austauschen. Bei elf Pflanzen sind genverändertes Saatgut in den USA zugelassen. Auch der 58-Jährige schaut verwundert auf die Aufregung um Monsanto: „Ich kenne die Bedenken der Europäer, aber ich kann sie nicht verstehen.“ Schon seit über hundert Jahren hätten Pflanzenzüchter die guten Pflanzen aussortiert und gezielt weiter vermehrt, durch den gezielten Eingriff in das Erbgut werde der Prozess jetzt nur beschleunigt. Die Übernahme seiner Firma durch Bayer sieht er gelassen. „Ich habe keine Sorge, dass Bayer uns das Arbeiten schwerer macht. Was ich fürchte, ist, dass die staatliche Regulierung es tut.“

Im August wurde die Übernahme vollzogen, nun kommen die Mühen der Integration. Vor dem Chesterfield-Campus steht schon ein Bayer-Schild, die Mitarbeiter haben bereits alle Mailadressen mit Bayer-Endung. Auf Dauer soll der Name Monsanto – auch wegen des schlechten Rufs - komplett getilgt werden. Doch auf Schildern im Gebäude und wohl in manchem Herzen ist noch viel Monsanto. „Schon mein Vater war bei Monsanto“, sagt einer. Die Mitarbeiter in Chesterfield verstehen die Aufregung in Europa um Monsanto nicht. Sie sehen sich als Helfer, um mehr Nahrungsmittel aus dem begrenzten Boden zu holen und so die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Bayer und Monsanto sind kulturell noch nicht eine Firma, aber die Integration geht voran und schon jetzt schneller als bei Bayer und Schering“, sagt Liam Condon.

Dünnhäutig wird die Bayer-Spitze nur bei der Frage, ob mit dem durch die Monsanto-Übernahme und vor allem die Glyphosat-Klagen ausgelösten Kurssturz die Gefahr einer feindlichen Übernahme steige. Dabei hatte Bayer auch deshalb Monsanto übernommen, um sich vor einer möglichen feindlichen Übernahme durch einen Pharmariesen wie etwa Pfizer zu schützen. Auf die Frage, ob Bayer sich nicht für eine Abwehrschlachte rüsten müsse, sagte Baumann: „Wir beschäftigen uns mit allen möglichen Szenarien, aber wir sind gut aufgestellt.“ Das werde sich irgendwann auch wieder im Aktienkurs zeigen.

Mit seinem Optimismus ist er ganz bei seinem Kunden Mark Scott. Monsantos Vorzeige-Farmer ist zuversichtlich, dass der technische Fortschritt aus seiner Farm noch viel mehr rausholen kann. Seit neuestem setzt er das digitale Überwachungssystem „Field View“ ein, natürlich auch von Monsanto. Eine App zeigt ihm, auf welchen Teilen des Feldes er nachdüngen oder nachgesäen muss. Scott ist überzeugt: „Der Himmel kennt keine Grenzen.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Monsanto gibt Einblick in seine Forschungsanlagen

Mehr von RP ONLINE